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Autor: Andreas Weise / 05. November 2017, 09:26 Uhr

Spacewalker – „Vremya Pervykh - Die Zeit der Ersten“

Der russische Kinofilm „Vremya Pervykh - Die Zeit der Ersten“ über den historischen Flug von Woschod 2 ist als DVD in deutscher Synchronisation erschienen.

Quelle: eigene Filmkritik
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Andreas Weise

Bild vergrößernSpacewalker auf dem Notebook des Autors
(Bild: Andreas Weise)
Im April 2017 ist der russische Kinofilm zum 50. Flugjubiläum von Woschod 2 in den russischen Kinos angelaufen. Also brandneu. Man könnte aber auch sagen: Etwas verspätet, denn schließlich war der 50. Jahrestag des historischen Fluges von Woschod 2 schon vor zwei Jahren. In einigen ausgewählten deutschen Kinos konnte man sich in Sonderveranstaltungen dieses Werk in 3D in der Originalfassung (Russisch ohne Untertitel) vorab ansehen. Ich hatte Gelegenheit, in Berlin-Marzahn im tiefsten Osten Berlins einer solchen Filmvorführung bei zu wohnen. Fünf Minuten vor Beginn der Vorstellung saß ich allein in dem riesigen Kinosaal. Fünf Minuten nach Filmbeginn war der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt - mit fast ausschließlich russischem Publikum. Ein Heimspiel gewissermaßen.

Ich hatte damals Abstand genommen, über dieses Kinoereignis einen Bericht zu schreiben. Zu theatralisch, zu aufgesetzt und zu heldenkultig erschien mir der Streifen. Ein russischer Film über eine russische Geschichte für das russische Publikum. Seit Ende Oktober 2017 ist nun dieser Streifen unter dem Titel „Spacewalker“ in der deutschen Synchronfassung auf DVD erhältlich. Nach dreimaligem Ansehen komme ich zu dem Schluss: So schlecht ist er dann doch nicht. Im Gegenteil! Ob es an der deutschen Synchronisation liegt, dank der man nun die ganzen Anspielungen und Doppeldeutigkeiten besser versteht? Das könnte schon sein.

Der Film wird auf dem Cover als „bildgewaltig inszenierter Sci-Fi-Blockbuster über die Eroberung des Weltraums – basierend auf einer wahren Begebenheit“ beworben. Natürlich ist das Unfug, schließt sich „Sci-Fi“ und „Wahre Begebenheit“ doch eigentlich aus. Darin liegt auch ein wenig die Schwäche des Films. Es ist eben nicht ein lupenreiner Dokumentarspielfilm, der sich ganz genau bis in das letzte Detail an die geschichtliche Vorlage hält. Man hat sich zwar viel Mühe gegeben, die technischen Abläufe sehr detailliert darzustellen. Für den technisch interessierten Raumfahrtfan ist der Wiedererkennungsfaktor fast 100%. Bei der Charakterdarstellung der einzelnen Personen hat man sich aber so einige künstlerische Freiheiten genommen.

Worum geht es in dem Streifen?

In den 60er Jahren ist der Kalte Krieg auf einem Höhepunkt. Zwei Supermächte, die UdSSR und die USA, kämpfen um den Vorrang in der Weltraumfahrt. Noch hat die UdSSR die Nase vorn. Als nächste Erstleistung ist der Gang des Menschen in den freien Weltraum geplant. Dafür steht das Raumschiff Woschod 2 bereit. Zwei Wochen vor dem Start havariert das Testraumschiff. Chefkonstrukteur Koroljow will den Flug absagen. Die Technik ist noch nicht ausgereift. Aber die Parteiführung setzt ihn unter Druck. So wird die Mission dem erfahrenen Militärflieger Pawel Beljajew und seinem jüngeren Partner Aleksej Leonow übertragen. Dieser Draufgänger kennt keine Angst. Beljajew dagegen ist ruhig und bedächtig. Das glatte Gegenteil. Beide sind bereit, das Risiko auf sich zu nehmen. Wie die Geschichte ausgeht, ist allgemein bekannt: Es endet mit einer „heldenhafte Leistung“ und einem „heroischen Sieg“…

Dieke

Bild vergrößernWoschod 2 im Energia-Museum 2008
(Bild: Dieke)
Dabei war der Flug ein einziges Himmelfahrtskommando. Man ging auf volles Risiko, um die Ersten zu sein. Unter heutigen Gegebenheiten wäre das unvorstellbar. Aber man befand sich damals in einem Krieg, wenn auch in einem kalten. Und die Akteure kämpften zum Ruhm des Landes. Und in diesem Kampf waren auch Opfer eingeplant. Die Protagonisten waren Kämpfer an der Front, als Soldaten oder Wissenschaftler. Eine Einstellung, die für heutige Generationen nicht leicht nachvollziehbar ist.

Ein Spielfilm lebt von seinen Charakteren. Sind diese dann noch historische Personen, lohnt es sich, ein wenig genauer hin zuschauen.

Charaktere und ihre Darstellung

Der Hauptheld Leonow wird als etwas übermütiger, spontaner, warmherziger, heimat- und naturverbundener Mensch dargestellt. Ein echter Draufgänger, der aber auf der anderen Seite auch kein Lebensmüder ist. Er glaubt, das Risiko einschätzen zu können und geht dabei bis an die Grenzen. Negative Eigenschaften? Fehlanzeige. Vielleicht ein wenig zu vorlaut gegenüber seinen Vorgesetzten, was ihn aber wieder sympathisch macht. Ein echter Held eben und typisch russisch. Diese Art von Filmcharakter könnte beim deutschen Filmpublikum ein wenig seltsam rüber kommen, hat man hier doch vielleicht lieber einen etwas differenzierteren Heldentyp. Aber Leonow ist nun mal so. Und der „echte“ Leonow war bei der Entstehung des Films beratend tätig und wird schon aufgepasst haben, dass er „richtig“ dargestellt wird.

Andreas Weise

Bild vergrößernSchleusenkopf mit Kosmonaut - Energia-Museum 2008
(Bild: Andreas Weise)
Dabei hat Leonow das gar nicht nötig. Schließlich steht er unauslöschlich in der Chronik der bemannten Weltraumfahrt genau zwischen Gagarin (1. Mensch im All) und Armstrong (1. Mensch auf dem Mond). Leonow vollführte 1965 den ersten Weltraumspaziergang, die erste Extravehicular Activity (EVA). Er hat in seinem Leben mehrmals dem Tod ins Auge geschaut. Sein Weltraumspaziergang endete beinahe in einer Katastrophe, als sich sein Raumanzug aufblähte, so dass eine Rückkehr in die Luftschleuse der Woschod 2 schwierig wurde.

Die Landung wäre beinahe nicht möglich gewesen, da das Automatiksystem versagte. Nach der Landung wäre er beinahe erfroren, da die Kapsel im eiskalten Nichts der Wälder am Ural gelandet war. Später flog er nur durch einen Zufall nicht als Kommandant mit Sojus 11. Er weigerte sich damals, ohne seinen Partner Waleri Kubassow, der erkrankt war, zu fliegen. Deshalb flog die Reserve-Besatzung und nicht sein Team. Das rettet ihm das Leben. Die Flug-Besatzung kam bekanntlich beim Versagen des Landeapparates um. Und wer weis, was er noch erlebt hätte. Bekanntlich war Leonow als einer der Kosmonauten für die erste sowjetische bemannte Mondlandung vorgesehen. Den Einsatz bei solch einem Himmelfahrtskommando (wie wir heute wissen) hätte man ihm getrost zugetraut. „Verrückt ist genau das, was wir brauchen“ wird im Film in Bezug auf ihn gesagt.

Beljajew ist dagegen der krasse Gegensatz. Er ist ruhig, ausgeglichen und überdenkt erst alles gründlich, bevor er handelt. Genau das macht ihn zu dem idealen Partner von Leonow. Und Leonow weis das auch. Beljajew erscheint im Film ein wenig zu jung, ist er doch bereits 40 gegenüber dem neun Jahre jüngeren Leonow. Die Schaupielerauswahl ist aber bei beiden sehr gut geglückt.

Die Darstellung des Chefkontrukteurs Koroljow dagegen ist meiner Meinung nach total misslungen. Wir erleben hier nicht den energischen, grimmig drein blickenden Chefkonstrukteur, sondern eher einen ausgebrannten Mann, der die Last der Verantwortung nur schwer (er-)tragen kann. Mit hängendem Kopf, Hut und Aktentasche schlurft er von seinem Treffen mit Parteichef Breschnew davon, nachdem er die Vorgabe erhalten hat, sich trotz aller technischen Unausgereiftheiten „...mehr anzustrengen“… „und zu starten“. Der dargestellte Charakter erinnert eher an Wassili P. Mischin, Koroljows Nachfolger. Im Film wird der Chefkonstrukteur sichtlich vom Stress und der Verantwortung zermürbt. Für das alles kann aber der gute Schauspieler Vladimir Ilin nichts. Die Figur ist eben falsch angelegt.

Grafik Wikipedia - Beschriftung RN

Bild vergrößernWoschod 2 - Illustration
(Bild: Grafik Wikipedia - Beschriftung RN)
Ebenso nicht ganz geglückt ist die Darstellung des General Kamanin, dem Vorgesetzten der Kosmonautengruppe. Dieser wird von Schauspieler Anatoliy Kotenyow als gewaltiger Recke mit weißem Haar verkörpert. So ähnelt die Figur eher dem ehemaligen Chef der Raketentruppen Marschall Nedelin, der 1960 bei der R-16-Katastrophe ums Leben kam. Im Film stellt Kamanin auch gleich den militärischen Aspekt in den Vordergrund. Man muss genau hinhören und manche Dialoge genau durchdenken.

Auch die Nebenrollen haben zwar vom Namen her einen gewissen Wiedererkennungswert, vom Aussehen aber nicht. Konstrukteur und Akademiemitglied Boris Rauschenbach, hier zu Lande auch durch seine Biographie über Hermann Oberth bekannt, sieht im Film dem Ingenier-Kosmonauten Viktor Savinich (u.a. Saljut 7) mehr als ähnlich. Anfreunden könnte ich mich mit der Darstellung des Boris Tschertok, ebenfalls einer der Konstrukteure. Dieser muss in einer Szene nach einem Fehlschlag gleich den Havariebericht schreiben. Da erinnert man sich doch sofort an Tschertoks Memorieren „Raketen und Menschen“.

Fazit

Den Film ansehen! Er ist handwerklich sehr gut gemacht. Es gibt viele technische Details zu entdecken und zu bestaunen. Die Unzulänglichkeiten und Ungenauigkeiten kann man übersehen. Der Film spielt in einer Zeit, die in Bezug auf den Kalten Krieg - glücklicherweise - vorbei ist. Wir erleben den Drang in den Weltraum, der heute so in dieser Konsequenz und geradezu selbstmörderischen Risikobereitschaft niemals mehr stattfinden könnte. Es ist eben Geschichte, die es sich lohnt, noch einmal rekapituliert zu werden.

Für das russische Publikum ist dieser Film die Erinnerung an einen großen technischen und politischen „Sieg“.
Wir sollten ihn als ein Stück Zeitgeschichte betrachten, die für die große Kinoleinwand künstlerisch bearbeitet wurde.

Nachtrag

Der nächste russische Weltraum-Geschichtsfilm kommt bestimmt. Gerade ist in den russischen Kinos der Film „Salut-7“ angelaufen. Eine spannende Geschichte nach einer wahren Begebenheit. Und wieder ist der Streifen gewürzt mit Pathos, russischem Heldentum und einem gewissen künstlerischem Interpretationsspielraum. Auch bei diesem Werk ist damit zu rechnen, dass es vielleicht in einem halben Jahr in einer deutschen Fassung erscheint. Aber das ist eine andere Geschichte.

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