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Autor: Stefan Goth / 11. Oktober 2018, 21:15 Uhr

IAC 2018: Stoßlüften - #InvolvingEveryone

Vom 1. bis zum 5. Oktober 2018 fand der 69. International Astronautical Congress in Bremen statt. Der Zuspruch von Seiten der Teilnehmer und Besucher übertraf alle Erwartungen. Unter dem Slogan #InvolvingEveryone ging es um den Stand der globalen Raumfahrtbranche und die Trends und Ziele der kommenden Jahre. Dabei wurde die Zusammenarbeit auf allen Ebenen und zwischen allen Protagonisten groß geschrieben.

Quelle: IAC, IAF, RN, ZARM
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Der 69. International Astronautical Congress 2018 (IAC 2018) ist zu Ende. Zeit ein kurzes Resümee zu ziehen. Wie Gayle Tufts während der Eröffnungszeremonie am Montag den 1. Oktober 2018 ganz plastisch verdeutlichte, ist es manchmal notwendig, die Wohnung, das Büro, den Arbeitsplatz, aber auch den Kopf gründlich durchzulüften, sich zu öffnen und den Blick frei zu machen: Luftschnappen, Stoßlüften! Die globale Raumfahrt-Community hatte sich in Bremen versammelt, um genau das zu tun.

Unter dem Motto #InvolvingEveryone galt es den Blick über den eigenen Tellerrand bis zum Horizont und darüber hinaus zu weiten; wortwörtlich „in Space“ aber auch im übertragenen Sinne. Neue Betätigungsfelder galt es zu finden für Agenturen und Firmen, ebenso neue Wege der Kommunikation mit Tiefraumsonden und der zu begeisternden Öffentlichkeit, mit dem Ziel, Raumfahrt zum Thema für Jeden und Jede zu machen.

Den ganzen Kongress in wenige Worte zu fassen ist angesichts des Mammutprogramms und der überwältigenden Beteiligung an Vortragenden (über 2.000 Vorträge in sog. Technical Sessions, weitere rund 500 Veranstaltungen), Ausstellenden (mehr als 140 Firmen, Agenturen und Organisationen), Teilnehmenden (mehr als 6.500 aus 83 Ländern), 13.000 Besuchern am „Public Day“ am 3. Oktober und einer unüberschaubaren Zahl an professionellen und engagierten Helferinnen und Helfern, die dieses Großevent überhaupt erst möglich gemacht haben, kaum möglich. Veranstaltet wurde der IAC 2018 durch die International Astronautical Federation (IAF) in Zusammenarbeit mit der International Academy of Astronautics (IAA), dem International Institut of Space Law (IISL) und dem Space Generation Advisory Council (SGAC). Die lokale Organisation übernahm das Zentrum für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation an der Universität Bremen (ZARM).

Stefan Goth

Bild vergrößernIAC 2018 Ausstellungsimpressionen
(Bild: Stefan Goth)
Das Motto #InvolvingEveryone war nicht nur als sichtbares Logo, sondern auch als Grundthema in den meisten Veranstaltungen und Reden zu spüren. So betonte Jean-Yve Le Gall als Präsident des IAF bei seiner Rede während der Eröffnungszeremonie, wie wichtig es sei, alle Menschen für die Raumfahrt zu begeistern, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Herkunft oder ihrem Alter. Dieser Grundtenor spiegelte sich auch in der schon erwähnten alle Rekorde brechenden Beteiligung, zu der weitere 200 Bremer Bürgerinnen und Bürger am Eröffnungstag, sowie Kinder als „Yuris Kids“ am Public Day und weitere Schülerinnen und Schüler hinzukamen. Das DLR School_Lab veranstaltete einen Schulkongress unter dem Motto „Teen Spirit for Space“ (sinngemäß: jugendlicher Geist für den Weltraum). Am 4. Oktober konnten die ausgewählten 33 Schülerinnen und Schüler aus ganz Deutschland ihre Beiträge am DLR-Stand präsentieren.

Stefan Goth

Bild vergrößernIAC 2018 Stand von Firefly Aerospace mit Triebwerk
(Bild: Stefan Goth)
Auch die internationale Berichterstattung hat zur Verbreitung der Losung #InvolvingEveryone beigetragen. Allerdings zielte das Motto nicht nur auf die Öffentlichkeit, sondern sollte auch die sich sehr dynamisch entwickelnde Raumfahrt-Community einbinden, die sich längst nicht mehr nur aus staatlichen Agenturen und klassischen Unternehmen aus der Luft- und Raumfahrtbranche („Old Space“) zusammensetzt. Zu „New Space“ gehören Größen wie SpaceX, Blue Origin aber auch Start-Ups, die sich in Folge des ohne Missionserfüllung beendeten Google Lunar XPRIZE gebildet haben. Hinzu kommen zahlreiche weitere Firmen, Organisationen und sich neu bildende Agenturen, wie die vor einem Jahr gegründete Australian Space Agency, sozusagen bereits die zweite Generation von „New Space“.

Faszinierend ist, dass diese neuen Unternehmungen mit einer großen Portion Optimismus gestartet werden. So betonte Kyle Acierno, Managing Director bei ispace Europe (der Luxembourger Niederlassung des ehemals unter „Team Hakuto“ am Google Lunar XPRIZE beteiligten japanischen Start-Ups), dass nach einer Untersuchung rund 97,3 % aller Start-Ups, die sich mit Hardware beschäftigen (leider fehlen hierzu konkrete Quellenangaben), scheitern. Trotz dieser düsteren Aussichten ein Unternehmen zu gründen, ist schon bemerkenswert. Noch bemerkenswerter ist, dass sie mit dem Ziel Transporte zur Mondoberfläche anzubieten Ende 2017 über 90 Millon US-Dollar (vorwiegend von japanischen Geldgebern) einwerben konnten. Damit haben sie zwei Starts als Mitfluggelegenheit bei SpaceX gebucht, um möglichst 2020 zu einer Mondumrundung und ein Jahr später zu ihrer ersten Mondlandung mit ihrem Rover Hakuto-R zu starten.

Mit dem Ziel Mond sind sie nicht alleine und das ist die zweite große Gemeinsamkeit neben #InvolvingEveryone: Es geht zum Mond! NASA-Administrator Jim Bridenstine sagte „We´re going back to the moon!“, also „Wir fliegen zurück zum Mond“. Dem widersprach ESA Generaldirektor Jan Wörner nur in einem Punkt, nämlich dem Wörtchen „back“. Dem setzt er ein „forward“ (wörtlich übersetzt: vorwärts, voraus, voran) entgegen. Die großen Raumfahrtagenturen, allen voran die NASA, wollen dies mit der Einrichtung einer, etwas sperrig als „Lunar Orbital Plattform – Gateway (LOP-G)“ bezeichneten, kleinen Raumstation im Mondorbit erreichen.

NASA

Bild vergrößernDarstellung geplanter Module für einen lunaren Außenposten
(Bild: NASA)
Praktisch auf allen Ständen der großen Player (z.B. bei Lockheed Martin, Sierra Nevada Corporation (SNC), Airbus aber auch beim DLR) waren Modelle und Poster von Entwürfen für den lunaren Außenposten ausgestellt. Diese Station soll aus Komponenten unterschiedlicher Partner aufgebaut werden. Das erste Modul „Power und Propulsion Element (PPE)“ soll 2022 gestartet werden. Auch ein „European System Providing Refuelling, Infrastructure and Telecommunications (ESPRIT)“ genanntes europäisches Modul ist geplant, Kanada soll einen Roboterarm ähnlich dem auf der Internationalen Raumstation ISS beisteuern, Japan und andere Länder sollen gewonnen werde. Ob sich Russland letztlich mit einer Luftschleuse beteiligen wird, erscheint angesichts politischer Meinungsverschiedenheiten und Uneinigkeit bezüglich technischer Anforderungen momentan eher unsicher.

Der Mond soll aber keinesfalls den staatlichen Agenturen vorbehalten bleiben, bereits das PPE soll auf einer „kommerziellen“ Rakete gestartet werden. Weitere Versorgungsflüge könnten ähnlich der Versorgung der ISS von Dienstleistern erbracht werden.

Der gerade in Entwicklung befindlichen amerikanischen Schwerlastrakete SLS bleiben die besonders großen und schweren Habitat-Module und insbesondere die Orion-Kapsel vorbehalten. SLS und Orion sollen voraussichtlich 2020 zum ersten gemeinsamen, noch unbemenschten Testflug in einen Distand-Retrograd-Orbit (DRO) um den Mond starten. Bekanntlich steuert die europäische Raumfahrtagentur ESA für diesen Flug das erste flugfähige europäische Service Modul bei. Dieses wurde bei Airbus in Bremen gebaut und soll am 29. Oktober 2018 nzum Kennedy Space Center in Florida in den USA transportiert werden.

Thales Alenia Space, Stefan Goth

Bild vergrößernFolie aus einer Präsentation zur Lunar Exploration
(Bild: Thales Alenia Space, Stefan Goth)
Neben dem lunaren Gateway „entdecken“ zahlreiche alte und neue Raumfahrt-Firmen und Agenturen (wieder) den Mond. Auch wenn der schon erwähnte Google Lunar XPRIZE nicht zum Erfolg führte, stehen zahlreiche Start-Ups in den Startlöchern, um doch noch den Mond zu erreichen. Darunter befinden sich beispielsweise Astrobotik aus den Vereinigten Staaten, indische und israelische Teams und die inzwischen als PTScientists bekannte Firma, die vorwiegend in Berlin beheimatet ist.

Die Konzepte verschiedener Protagonisten schließen auch Ausflüge zur Mondoberfläche mit ein.

Diese „Wiederentdeckung“ des Mondes erfolgt jedoch nicht als abgeschottete Einzelaktionen sondern zielt auf die Schaffung eines „lunaren Ökosystems“ für institutionelle, wissenschaftliche und kommerzielle Kooperation. Das führt zur dritten großen Gemeinsamkeit des 69. IAC, der Kollaboration auf allen Ebenen und möglichst zwischen allen potentiellen Mitspielern. Bezogen auf den Mond wurde aus der Idee, die Jan Wörner bereits vor einigen Jahren als „Moon Village“ plakativ formulierte, eine Bewegung, die eine große Eigendynamik entwickelt. Unter dem Namen „Moon Village Association“ hat sich ein Zusammenschluss zahlreicher etablierter Unternehmen und Start-Ups, Einzelpersonen und Universitäten gebildet, dessen Ziel es ist, den Informationsaustausch und die Zusammenarbeit aller am Mond Interessierter zu verbessern und zu koordinieren.

Lockheed Martin, Stefan Goth

Bild vergrößernLockheed Martin präsentiert sein Lunar Exploration Konzept
(Bild: Lockheed Martin, Stefan Goth)
Dieser Wille zur Zusammenarbeit zeigt sich beispielsweise darin, dass es sich der Luft- und Raumfahrt-Riese Lockheed Martin nicht nehmen lässt, bei der Präsentation seiner möglichen Beteiligung am Lunar Gateway und dessen potentieller Erweiterung um einen wiederverwendbaren, wiederbetankbaren Mondlander für bemenschte Missionen zur Mondoberfläche, auf der großen Bühne auch den kleinen Audi Lunar Quadro Rover der PTScientists zu platzieren.

Auch die „ganz Großen“ demonstrierten ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit bereits bei der Diskussionsrunde der Chefs der Raumfahrtagenturen am ersten Tag. Der schon fast zwanghafte Drang von Jim Bridenstine, Administrator der NASA, Einigkeit mit seinem Gegenüber Zhang Kejian von der China National Space Administration (CNSA) durch wiederholtes Händeschütteln zu demonstrieren war, nicht zu übersehen. Auch in der späteren Pressekonferenz bestätigte Jim Bridenstine das Interesse der NASA an einer verbesserten Zusammenarbeit mit China. Momentan gibt es allerdings noch Gesetze in den USA, die beispielsweise eine Teilnahme Chinas an der Internationalen Raumstation ISS verhindern.

CAST, CASC; Stefan Goth

Bild vergrößernKonzept der chinesischen Raumstation CSS
(Bild: CAST, CASC; Stefan Goth)
Auch deshalb gewinnen die Bestrebungen Chinas, eine eigene Raumstation im Orbit um die Erde zu platzieren, eine wachsende Bedeutung. Diese soll ab 2020 aufgebaut werden. Die chinesischen Vertreter warben bei der internationalen Gemeinschaft um möglichst zahlreiche Teilnahme und Partizipation. ESA-Astronauten lernen längst auch Chinesisch und vor kurzem haben zwei in China an Notfallübungen teilgenommen.

Somit bleiben auch in Zukunft noch viele spannende Themen für den 70. IAC der passend zum 50. Mondlandejubiläum nächstes Jahr in Washington D.C. stattfinden wird. Hatte Jean-Yve Le Gall in seiner Eröffnungsrede noch der Hoffnung Ausdruck verliehen, dass nach diesem Rekord-Kongress in Bremen bei künftigen Kongressen bald die 10.000er-Marke bei den Teilnehmern erreicht werden würde, wurde diese Herausforderung von Jim Bridenstine aufgenommen mit der Ankündigung, diese Marke bereits beim IAC in den USA in 2019 erreichen zu wollen. Als Zeichen für die wachsende Bedeutung aufstrebender Nationen wird der IAC 2020 in Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten durch die dortige ambitionierte Raumfahrtorganisation veranstaltet. Zu guter Letzt wurde in Bremen die Entscheidung für den Veranstaltungsort und den Ausrichter für 2021 getroffen: Die Wahl für den 72. IAC fiel auf Paris und die französische Raumfahrtbehörde CNES.

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