ISS-Experimente wieder zurück auf der Erde
ISS-Experimente wieder zurück auf der Erde
Raumfahrt-Meldungen
Astronomie-Meldungen
Kurzmeldungen
News-Übersicht
News-Archiv
Alle Meldungen
RSS-Newsfeed
InSpace Magazin

Vierzehntäglich aktuelle Berichte und Meldungen via E-Mail

Autor: Axel Orth / 13. Januar 2005, 11:38 Uhr

Huygens: Morgen wird´s ernst

Nur einmal werden wir noch wach: Morgen erreicht die europäische Raumsonde Huygens den Saturnmond Titan. Raumfahrer.net berichtet live aus dem Satellitenkontrollzentrum der ESA in Darmstadt.

Raumfahrer.net
Druckansicht RSS Newsfeed
Der lang ersehnte Tag ist nun tatsächlich da: Nach über 20 Jahren Vorbereitung, Bau und Flug erreicht Huygens morgen den Saturnmond Titan, an dem eigentlich ein Planet verloren gegangen ist und dessen dichte Atmosphäre selbst die scharfsichtigen Augen des "Mutterschiffs" Cassini bisher nur mit mäßigem Erfolg durchdringen konnten.

Um so größere Bedeutung kommt nun der europäischen Atmosphären- und Landesonde Huygens zu. Unsere beiden Redakteure Karl Urban und Ingo Froeschmann sind morgen vor Ort im ESA-Satellitenkontrollzentrum ESOC in Darmstadt, wohin die Daten von Huygens überspielt werden, und werden wahrscheinlich über Internet authentische Eindrücke übermitteln können.

In jedem Fall halten wir unsere Leser auf dem Laufenden. Die Berichterstattung wird morgen im Laufe des Vormittags beginnen. Die Livecam der ESA aus dem ESOC-Kontrollraum und den NASA-Livestream finden sie hier und dort.

Nachfolgend der Zeitplan der beiden Raumsonden. Alle Zeiten sind in mitteleuropäischer "Erdzeit", das heißt Titanzeit plus die 68 Minuten Signallaufzeit bis zur Erde. Dies ist sinnvoll, weil mit etwas Glück einige Ereignisse auch von der Erde aus wahrnehmbar sein könnten.

ZeitEreignis
07:51Huygens-Timer aktiviert Bordelektronik.
08:57Cassini schaltet Huygens-Empfänger ein, initialisiert Datenaufzeichnung.
09:09Cassini dreht sich zum Titan.
10:51Huygens schaltet seinen Sender mit niedriger Leistung ein. Eventuell von Radioteleskopen wahrnehmbar.
11:13Huygens erreicht einen Punkt 1270 Kilometer über Titan. Kurz darauf beginnt der Atmosphäreneintritt.
11:16Huygens erfährt maximale Bremsung durch die Atmosphärenreibung. Hitzeschild muss bis zu 1500 Grad Celsius ertragen, für die Sonde selbst rechnet man mit bis zu 50 Grad.
11:17Huygens stößt den Pilotfallschirm (2,3 m Durchmesser) aus. Dieser zieht den oberen Schutzschild von der Sonde und startet gleichzeitig den acht Meter großen Hauptschirm 1. Der dabei entstehende Ruck bedeutet laut ESA die maximale mechanische Belastung für die Sonde - also mehr als die Landung auf der Oberfläche.
11:18Huygens beginnt Übertragung zu Cassini.
11:18Huygens stößt den Hitzeschild ab, schaltet den Sender auf volle Leistung (eventuell von Radioteleskopen wahrnehmbar) und startet die Instrumente. Messungen und Bildaufnahmen beginnen. Die Sonde ist so konstruiert, dass sie mit mehreren Umdrehungen pro Minute rotiert, so dass Panoramaaufnahmen möglich sind. Eine Kamera sieht seitwärts, zwei Kameras sehen nach unten. Daten werden auf zwei Kanälen mit 6 Sekunden Zeitversatz zu Cassini übertragen und dort zur Sicherheit vierfach abgespeichert.
11:32Huygens trennt den Hauptschirm 1 ab und startet den nur 3 Meter großen Hauptschirm 2, da mit Schirm 1 die Abstiegszeit die Batterielebensdauer übersteigen würde.
11:49Huygens schaltet den Oberflächensensor ein, der jetzt den Timer bei der weiteren Steuerung ablöst.
11:56Cassini erreicht den Punkt der maximalen Annäherung an den Titan (60.000 km).
13:30ESA-Pressekonferenz zum Status von Huygens.
13:30Huygens schaltet kurz über der Oberfläche eine nach unten gerichtete Lampe ein, die das Spektralradiometer und die Kameras unterstützen soll. (Wegen Unsicherheiten über die Atmosphäre, Windbedingungen und Bodenhöhe an der Landestelle sind die Zeitangaben zur Landung mit einer Unsicherheit von bis zu 15 Minuten behaftet.)
13:31Huygens schlägt auf der Oberfläche des Titan auf! Der Ruck soll mit dem eines Radfahrers, der gegen eine Mauer fährt, vergleichbar sein. Primärmission beendet, erweiterte Mission beginnt: Falls die Sonde den Aufschlag überlebt, werden nun Kanäle zur Untersuchung des Titanbodens - oder des Titanmeeres - geöffnet.
14:00Huygens' Batterien dürften spätestens jetzt erschöpft sein. Cassini bleibt aber weiter auf Empfang, so lange noch irgend eine Chance besteht, dass noch Daten von Huygens kommen.
15:44Cassini beendet die Aufzeichnung der Daten von Huygens, da die Landestelle jetzt hinter dem Titanhorizont verschwindet und weitere Datenübertragung physikalisch unmöglich wird.
15:54Cassini dreht sich zur Erde.
16:07Cassini beginnt mit der Übertragung der Huygens-Daten zur Erde. Die vier Kopien werden übertragen, dann wird die komplette Übertragung noch einmal wiederholt.
17:15ESA-Pressekonferenz zu den bisher empfangenen Daten.
18:57Erste von acht Kopien auf der Erde angekommen.
20:45ESA-Pressekonferenz mit ersten Bildern von Huygens geplant.
23:00ESA-Pressekonferenz mit weiteren Bildern von Huygens geplant.
15.01.
02:29Erste vier Kopien und damit ein vollständiger Datensatz im ESOC in Darmstadt angekommen (spätestens zu diesem Zeitpunkt).
11:00ESA-Pressekonferenz zu Huygens' wissenschaftlichen Daten geplant.

Natürlich ist eine Fallschirm-Landemission mit gewissen Risiken behaftet, wie man an den Fehlschlägen von Beagle 2 und Genesis sieht. Und solch ein Manöver wagt man nun unter unsicheren Bedingungen auf einem unbekannten Mond. Andererseits ist Huygens ja keineswegs eine absolute Premiere in der Raumfahrtgeschichte: Schon in den 1970er Jahren landeten sowjetische Sonden an Fallschirmen erfolgreich auf der Venus und übertrugen Daten zu Relais-Orbitern - allerdings erst nach mehreren Fehlschlägen, wie man sie sich bei einem so weit entfernten Ziel wie Saturn/Titan nicht leisten kann. In neuerer Zeit gibt es das Beispiel von Galileo, die eine gut vorbereitete Atmosphärensonde mit sich führte. Und diese Sonde stieg in gleicher Weise wie jetzt Huygens in die Jupiteratmosphäre ab und übertrug wie selbstverständlich ihre Daten zurück zu Galileo, bis sie vom immer größeren Druck der Atmosphäre zerquetscht wurde.

Galileo und ihre Tochtersonde stammten allerdings aus einer Hand, während es sich bei Cassini-Huygens um ein internationales Großprojekt von drei Raumfahrtagenturen handelt. Solche Kooperationen bergen oft noch ein zusätzliches Risiko in sich. Möglicherweise war dies auch mit ein Grund für einen Konstruktionsfehler der beiden Sonden, der durchaus den Erfolg hätte verhindern können: Bei der Auslegung des Sender/Empfänger-Systems zwischen den Sonden hatten Ingenieure die Geschwindigkeitsdifferenz zwischen den Sonden und die damit verbundene Dopplerverschiebung der Radiosignale nicht berücksichtigt, so dass Cassini und Huygens buchstäblich nicht auf der selben Wellenlänge gewesen wären und auch eine noch so erfolgreiche Huygens-Landung wertlos gewesen wäre. Entdeckt wurde dies erst 2000, als die Sonden längst unterwegs waren. Es dauerte Monate, bis ein Ausweg gefunden wurde, und nochmals Monate, bis alles zufrieden stellend getestet war. Der Ausweg bestand darin, mit Cassini nicht wie ursprünglich geplant 1.200 Kilometer, sondern 60.000 Kilometer an Titan vorbei zu fliegen, wodurch der Dopplereffekt weit genug reduziert wird, dass die Kommunikation morgen funktionieren sollte.

In jedem Fall wird Huygens übermorgen Geschichte sein. Cassini hingegen hat noch mindestens vier lange Jahre Missionszeit vor sich, angefüllt mit zahlreichen Vorbeiflügen an den faszinierenden Saturnmonden, ähnlich wie seinerzeit Galileo. Doch irgendwann wird der Tag kommen, an dem die Defekte überhand nehmen oder der Treibstoff erschöpft ist und die NASA die Entscheidung treffen wird, die Sonde aufzugeben. Was dann? Die Planetensonden Magellan und Galileo wurden zum Schluss in die Atmosphären ihrer Untersuchungsobjekte Venus und Jupiter gesteuert und verglühten. Bei der Sonde NEAR Shoemaker hingegen, die den Asteroiden Eros erfolgreich untersuchte, wagte deren Team am Ende der Mission die weiche Landung auf Eros, was wegen der geringen Gravitation sogar glückte.

Und auch im Falle von Cassini stehen Himmelskörper mit geringer Gravitation in reicher Zahl zur Verfügung: Die Ringe. Die Ringe des Saturn - eine würdige Ruhestätte für Cassini am Ende ihrer Mission?

Weiterführender Link:

 
Navigation
Anzeige
Anzeige

Light Echo from a Star

Info
Fine Art Print

bestellen

Nach oben Anzeige - The Twin Light Echoes Of Supernova 1987A © Raumfahrer Net e.V. 2001-2019