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Autor: Roland Rischer / 28. Oktober 2013, 21:08 Uhr

Vom Alltagsnutzen der Raumfahrt und darüber hinaus

„Vom All in den Alltag“ lautete ein Vortrag, den Ex-Astronaut Ernst Messerschmid kürzlich im Bad Homburg hielt. Das ist ziemlich zweideutig. Wäre da nicht der Untertitel „für neues Wissen und Innovationen“, könnte man sich fragen, ob es da nicht auch um sein persönliches Befinden während und nach seinem Weltraumflug geht. So war es natürlich nicht. Aber die eigentliche Faszination ging dennoch weniger von den vielen Fakten als von den Schilderungen seines persönlichen Erlebens aus.

Quelle: Veranstaltung
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Roland Rischer

Beschreibung
(Bild: Roland Rischer)
„Vom All in den Alltag“ lautete ein Vortrag, den Professor Dr. Dr.-Ing. E.h. Ernst Messerschmid am 21. Oktober 2013 in Bad Homburg vor der Höhe auf Einladung des dortigen Diskussionskreises Taunus. hielt. So ein Diskussionskreis deckt in der Regel eine große Spanne von Themen ab. Deshalb darf dort zwar ein intellektuell anspruchsvolles, aber eben doch kein ausschließliches Fachpublikum erwartet werden. Daran sollte man sich aber nicht stören, denn schließlich geht es darum, den Nutzen der Raumfahrt einem breiteren Publikum plausibel zu machen.

So ähnlich muss Ernst Messerschmid gedacht haben, als er zusagte. Und er wird sich auch Gedanken gemacht haben, wie man denn ein solches Publikum angemessen erreicht. Sind es die harten Fakten, vielleicht auch unterlegt mit Kosten-/Nutzenanalysen? Ist es die persönliche Faszination, die nur ein Raumfahrer authentisch vermitteln kann? Oder sind es die grundlegenden Einsichten über unser Dasein, die man in 50 Jahren Weltraumfahrt und damit verbundener Erforschung von Erde, Sonnensystem und des übrigen Weltalls gewonnen hat und weiterhin gewinnt?

CC BY 2.0 Andreas Schepers

Ernst Messerschmid 2013 vor Space Shuttle-Modell
(Bild: CC BY 2.0 Andreas Schepers)
Messerschmid ging alle drei Wege. Dabei darf man sich das nicht in einer strikten Dreiteilung des Vortrags vorstellen. Routiniert schaffte er fließende Übergänge zwischen den Eckpunkten aus Geschichte und Gegenwart der Raumfahrt, von aus dieser Branche ausgehenden Innovationen, persönlichen Anekdoten und fast schon philosophischen Einsichten. Das führte dazu, dass das Publikum seinen Ausführungen durchweg gespannt und da, wo gewollt und angemessen, amüsiert folgte. Dieses nahm beispielsweise seinen Hinweis auf die von ihm im Rahmen der Astronautenausbildung geflogenen Militärjets ebenso höflich zur Kenntnis wie seine Erklärungen zu den Vorteilen der Herstellung von Metalllegierungen unter den Bedingungen des freien Falls, vulgo Schwerlosigkeit. Es folgte aber sichtlich gespannter seinen Ausführungen etwa zum unvergleichlichen Schlafkomfort im All und der nur hier erlebbaren natürlichen Körperhaltung. Jeder konnte nachvollziehen, wenn er von „schwäbischen Landjägern“ sprach, die er als Ergänzung zur faden Astronautennahrung mit in den Weltraum brachte. Sie erwiesen sich 1985 bei seinem einwöchigen Flug im Rahmen deutschen Spacelab-Mission D1 an Bord der Raumfähre Challenger STS-61A als harte, weil begehrte Tauschwährung, in seinem Fall gegen Filmrollen. Spürbares Staunen im Publikum rief nicht zuletzt eine Aufnahme hervor, die mit dem Saturn im Vordergrund die Erde als winzigen Lichtpunkt im Hintergrund zeigte. Mehr oder weniger ein Nichts im Weltraum, so Messerschmid.

Die Raumfahrt hat seit den 1960-iger Jahren entscheidende Fortschritte auf dem Gebiet der Materialforschung, Miniaturisierung der Elektronik, der Systemtechnik und der Zuverlässigkeit und Sicherheit gebracht, letzteres wegen der prinzipiellen Anforderungen an ein Raumfahrzeug. Leicht und Dauerhaft beziehungsweise auch über lange Zeiträume wartungsfrei sind laut Messerschmid die entscheidenden Kriterien für den Einsatz im Weltall. Bei Metalllegierungen und in der Kristallzüchtung konnten neue Qualitäten erzielt werden. In der Werkstoffwissenschaft konnten so Werkstoffe und Produktionsverfahren auf der Erde optimiert werden. Bauteile wie Turbinenschaufeln wurden damit temperaturresistenter oder langlebiger. Hochleistungsbremsen gehen auf Grundlagenforschungen im All zurück. Bei ICE-Züge sparen sie über sechs Tonnen an Gewicht und sind erheblich wartungsärmer, weil bis 300.000 Kilometer wartungsfrei. Feuerwehranzüge mit Schutzwirkung von -60 Grad Celsius bis 600 Grad Celsius für eine Stunde gehen ebenso auf raumfahrtinduzierte Innovationen zurück wie Sensoren für eine sekundenschnelle Atemgasanalyse.

Breiten Raum nahmen bei Messerschmid die im Weltraum gewonnenen Erkenntnisse über den menschlichen Körper ein. Stichworte waren Raumkrankheit, Lungenventilation oder Herz-Kreislaufsystem. Viele physiologische Erscheinungen im Weltraum hätten etwas mit Alterung zu tun. Zudem liefen diese Effekte dort beschleunigt ab. Die Effekte könnten kontrolliert eingeleitet werden und seien teilweise auch reversibel, wenn der Astronaut wieder auf der Erde ankomme. Große Fortschritte hätte man daher in der Osteoporose-Forschung gemacht. Bei Weltraumfahrern sei der Vorgang um den Faktor 10 bis 20 schneller als auf der Erde bei älteren Frauen. Bei Langzeitflügen verliere der Mensch je ein Prozent an Muskel- und Knochenmasse pro Monat. Frauen seien zu 80 Prozent stärker betroffen als Männer. Funktionsnahrung, Hormone und Training hätten, so Messerschmid, gegen Knochenschwund wenig geholfen. Am besten helfe eine Vibrationsplattform, heute Übungsgerät in jedem besseren Sportstudio.

NASA/ESA/DLR

28 Jahre zurück - Ernst Messerschmid 1985 im Spacelab
(Bild: NASA/ESA/DLR)
In der Raumfahrt gibt es verschiedene Nutzergruppen. Da sind zum einen die kommerziellen Nutzer, also Dienstleister beispielsweise für Erdbeobachtung, Satellitenkommunikation oder Satellitennavigation. Hier wird privates Geld investiert. Ein kommerzieller Rundfunk/Fernseh-Satellit von 5 Tonnen und 20 Kilowatt Leistungsaufnahme kostet, so Messerschmid, rund 100 bis 150 Mio. EUR. Das sei etwa ein Zehntel dessen, was man mit ihm verdienen könne. Selbst komplexe Systeme wie die Satellitennavigation könnten ihr Geld verdienen. Weltraum-Tourismus wird sich nach seiner Meinung nicht durchsetzen, weil zu teuer, zu riskant und zu umweltbelastend und von daher generell zu kontingentieren. Der kommerziellen Seite gegenüber stehe die rein wissenschaftliche Weltraumforschung mit Hilfe öffentlicher Gelder. Daneben gebe es noch Aktivitäten, die originäre Staatsaufgabe seien, wie etwa Meteorologie oder militärisch-strategische Aufklärung.

Man konnte Messerschmid anmerken, dass er vom europäischen Beitrag zur Weltraumfahrt einigermaßen enttäuscht ist. In Deutschland würden auf jeden Bürger etwa 28 EUR pro Jahr für die Raumfahrt entfallen. In den USA seien es ca. 150 EUR pro Jahr. Der europäische Anteil an der ISS sei mit 8% relativ gering. Insgesamt belaufe sich der Weltmarkt für Raumfahrt laut Messerschmid auf 200 Mrd. EUR p.a. Davon seien zwei Drittel privates Geld. Weltweit würden etwa 250.000 Menschen in der Weltraumindustrie beschäftigt, davon 30.000 in Europa und darunter rund 7.000 in Deutschland. Die Raumfahrt in Deutschland mache nur etwa 0,4 Prozent des produzierenden Gewerbes aus. Das Mondlande-Programm der USA sei zwar politisch begründet worden, es sei aber letztendlich ein gigantisches Innovations- und Konjunkturprogramm gewesen, von dem die US-Amerikaner noch heute profitieren würden. Innerhalb von drei Jahren sei damals das Forschungs- und Entwicklungsbudget in den USA von anderthalb auf drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes verdoppelt worden. In Europa betrage es noch heute etwas unter zwei Prozent, in Deutschland komme es gerade an drei Prozent heran.

Messerschmid schloss mit den seiner Ansicht nach drei wesentlichen Gründen für die Weltraumfahrt: Erforschen – Verstehen – Vereinen. Erforschen heißt für ihn, die Grenzen menschlicher Erfahrung auszuweiten und zu inspirieren. Danach komme das Verstehen – Raumfahrt versuche Antworten darauf zu geben, woher wir kommen und wohin wir gehen, was die Erde und das Leben auf ihr konkret bedroht und wie wir uns dagegen schützen können. Und schließlich das Vereinen - Raumfahrt biete Ansätze für globale Unternehmungen ohne nationale Grenzen. Überhaupt sei der größte Nutzen der Raumfahrt die Wahrnehmung der Vielfalt auf der Erde und ihre Einordnung als eine kleine Insel, die es in einer lebensfeindlichen Umgebung zu erhalten gelte. Wer wollte da sagen: „Brauchen wir nicht!“ Nach diesem Abend keiner.

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