12.09.2004 / Autor: Kirsten Müller Raumfahrt > Bemannte Raumfahrt

Im Gespräch mit Michael Foale

Am 8. Dezember 2003, um 6:57 Greenwich Mean Time, bekommt Expedition-8-Kommandant Dr. C. Michael Foale auf der Internationalen Raumstation ein Telefonat von seinem Kollegen Carl Walz aus Washington: "Glückwunsch - Du hast mich überholt."

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"Jetzt bist DU der Amerikaner mit der längsten Weltraumerfahrung." Walz selbst hat 230 Tage, 13 Stunden, 3 Minuten und 38 Sekunden im Logbuch stehen. Foale: "Aber mein Flugkamerad Sasha Kaleri hat noch 236 Tage mehr!"

Mit der Expedition-8-Besatzung befinden sich zu diesem Zeitpunkt tatsächlich zwei sehr erfahrene Raumfahrer im Orbit. Nach der Landung in Kasachstan am 30. April 2004, zusammen mit ihrem ESA-Kollegen André Kuipers, hat Foale insgesamt etwa 374 Tage Weltraumerfahrung, Kaleri etwa 610 Tage.



Michael Foale umgeben von seinen Fans, die auf Autogramme warten (Bild: Raumfahrer.net/Kirsten Müller)
Für Foale ist es die 6. Weltraummission. Nach drei Shuttle-Flügen (STS-45 1992, STS-56 1993, STS-63 1995) hat er Mitte 1997 145 Tage auf der russischen Raumstation Mir verbracht. Während dieser Zeit geht so ziemlich alles schief, was während eines Weltraumaufenthalts nur schief gehen kann, mit als unglücklichem Höhepunkt der Kollision einer unbemannten Progress-Versorgungskapsel mit einem Sonnensegel der Raumstation, die einen plötzlichen Druckverlust zur Folge hat. Im Dezember 2000 fliegt er bei der Hubble-Reparaturmission STS-103 mit, bevor er im Oktober 2003 auf der ISS das Kommando der Expedition-8-Mission übernimmt.

Kaleri hatte, bevor er zur Expedition 8 startete, drei Langzeitaufenthalte (1992, 1996, 2000) auf der Raumstation Mir hinter sich. 2000 ist er Bordingenieur der letzten Mir-Besatzung, bevor die Raumstation im März 2001 kontrolliert über dem Pazifik zum Absturz gebracht wird. 2003 ist er während des Starts bis zum Andocken an die ISS Expedition-8-Kommandant.

Zusammen mit der BBC hatte Raumfahrer.net auf der Farnborough Air Show im Juli 2004 die Möglichkeit, einige Worte mit Michael Foale zu wechseln.

Nachdem sich Foale von seinem gerade beendeten ISS-Aufenthalt erholt hat, wird er, wie er der BBC erzählt, als Mitglied der Bodenbesatzung im kommenden Oktober beim nächsten ISS-Start in Kasachstan dabei sein. Die Gewöhnung an die irdische Schwerkraft nach 6 Monaten Schwerelosigkeit ging für ihn recht schnell - 3 Wochen nach der Landung stand er schon wieder auf dem Surfbrett.



Die BBC Reporterin befragt Michael Foale (Bild: Raumfahrer.net/Kirsten Müller)
Auf die Frage der BBC, wie es ihm auf der ISS ergangen sei, antwortet er:
"Ich habe 6 Monate auf engstem Raum mit einer einzigen Person, Alexander (Sasha) Kaleri, verbracht, die ich mir nicht ausgesucht habe. Das kann psychologisch gesehen ziemlich anstrengend sein, ich habe mich aber mit Sasha trotzdem gut verstanden.

Wir haben einander als morgendliches Ritual jeden Morgen gefragt: 'Wie fühlst Du Dich, wie geht es Dir heute früh?' und einander diese Frage auch ehrlich beantwortet. Wahrscheinlich haben wir beide uns in diesen sechs Monaten, in dieser Situation, intensiver um einander gekümmert als wir uns normalerweise auf der Erde um unsere Familien kümmern.

Außerdem hatte ich mit Sasha das Glück, dass wir beide Langzeit-Erfahrung auf der Mir haben. Sobald das Shuttle wieder fliegt, werden sich wieder drei Leute auf der ISS aufhalten - diese Konstellation ist psychologisch gesehen nicht ganz so anstrengend."

Raumfahrer.net hatte die Möglichkeit, ihn daraufhin zu fragen: "Inwiefern hat Ihnen denn Ihre Langzeiterfahrung auf der MIR bei Ihrer ISS-Mission sonst weiter geholfen ?" - "Insofern, als dass ich mir zugetraut habe, die ISS-Mission als Kommandant zu fliegen."

RN: Wie würden Sie denn das Leben auf der ISS und auf der Mir miteinander vergleichen?

Foale: "Als Arbeitsplatz sowie als Ausgangspunkt für Weltraumspaziergänge lebt es sich auf der ISS um einiges einfacher. Was die persönlichen Erfahrungen angeht - ich habe ja auf der Mir die Kollision miterlebt - hat mich aber der Aufenthalt auf der Mirmehr bereichert."



So wie hier die BBC Reporterin sprach auch RN-Redakteurin Kirsten Müller mit Michael Foale (Bild: Raumfahrer.net/Kirsten Müller)
RN: Wann fangen Ihrer Meinung nach die Shuttle-Flüge wieder an?

Foale: Kommendes Jahr im Frühling - aber ich habe auch keine anderen Informationen als ohnehin schon bekannt sind."

Dass das Shuttle - auch nach dem Columbia-Unglück - überhaupt wieder fliegen soll, ist für Foale keine Frage: "Auf jeden Fall - es ist im Moment die einzige Möglichkeit, die beiden internationalen Module und die Node 2 zur ISS zu bekommen. Wenn es das geschafft hat, dürfen, was mich angeht, neue Systeme finanziert werden."

Node 2 ist das Koppelstück, mit dem das Japanese Experiment Module (JEM) und das europäische Weltraumlabor Columbus ans bereits im Weltraum befindliche amerikanische Labor Destiny angebaut werden sollen. Alle drei Nutzlasten sind zu gross, um mit anderen momentan aktiven Trägersystemen gestartet werden zu können, sind also auf das Shuttle angewiesen.

Foale selbst würde, was die Sicherheit angeht, sowohl im Shuttle als auch in der Soyuz, nach dem entsprechenden Training, wieder mitfliegen. "Obwohl es meiner Frau allerdings besser gefallen würde, wenn ich in der Soyuz mitflöge."

RN: Vielen Dank für das Interview!

Quellen
  • Colin Foale, Waystation to the stars: the story of MIR, Michael and me
    1999, Headline Book Publishing, London
    ISBN 0 7472 7380 4
  • Bryan Burrough: Dragonfly - NASA and the crisis about MIR
    1998, HarperCollins Publishers, New York
    ISBN 0 88730 783 3
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