25.04.2004 / Autor: Kirsten Müller Raumfahrt > ISS

Zweiter Niederländer im All - Mission DELTA

"Als ob ich mit zwei Freunden auf Camping-Urlaub fahre." So fühlt sich der zweite niederländische ESA-Astronaut André Kuipers am Abend vor dem Start seiner ersten Weltraummission zur International Space Station ISS.

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Liftoff in Baikonur: Die Sojus-Rakete samt Kapsel erhebt sich in den kasachischen Himmel
(Bild: ESA)
Pünktlich um 5.19 Uhr hebt die Rakete mit der Sojus-Kapsel in Baikonur ab. An Bord befinden sich neben dem 45-jährigen Arzt der Russe Gennadi Padalka und der Amerikaner Mike Fincke. Diese werden die jetztige Stammbesatzung der ISS ablösen, während Kuipers sich während der Mission vorwiegend mit wissenschaftlichen Experimenten beschäftigen wird.

Der Start wird im Noordwijk Space Expo, dem Besucherzentrum von ESTEC (European Space Research and Technology Centre), auf mehreren Großleinwänden live übertragen. Normalerweise ist das Space Expo die permanente Raumfahrtausstellung der ESA und für das Publikum geöffnet. An diesem besonderen Morgen aber befinden sich, neben dem niederländischen Wirtschaftsminister Brinkhorst, dem niederländischen Prinzen Johan Friso und dem ersten niederländischen Astronauten Wubbo Ockels, auch Verwandte und Freunde von Kuipers, Vertreter verschiedener Medien und Raumfahrtfans aus allen Teilen der Niederlande unter den Gästen. Außerdem läuft mir der deutsche ESA-Astronaut Reinhold Ewald uber den Weg.

ESTEC im niederländischen Noordwijk ist mit rund 2000 Mitarbeitern bei weitem die größte Niederlassung der europäischen Weltraumagentur ESA. Hier werden neue Satelliten und auch wissenschaftliche Hardware für die bemannte Raumfahrt entwickelt, gebaut und getestet. Unter anderem das Columbus-Modul, der europäische Beitrag zur ISS, ist teilweise hier entwickelt worden. Sein Start ist für 2007 geplant. Ein 1:1-Nachbau des Moduls steht im Erasmus User Information Centre, wo sich interessierte Wissenschaftler über die Moglichkeiten, die die ESA ihnen zur Forschung im Weltraum bietet, informieren können. Neben dem Informationszentrum befindet sich hier das DELTA Payload Operation Centre, von wo aus in Zusammenarbeit mit dem Kontrollzentrum in Moskau die Experimente kontrolliert werden. Hier wird Ewald während der Delta-Mission arbeiten.



Extraterrestrische Galionsfigur am ESA-Technologiezentrum in Noordwijk, Niederlande
(Bild: Michael Stein)
Die zwölf Millionen Euro für Kuipers' "Flugticket" bezahlen das niederländische Kultusministerium und das Wirtschaftsministerium. Alle 21 Experimente, die geflogen werden, kommen von niederländischen Wissenschaftlern aus den Bereichen Medizin, Biologie, Mikrobiologie, Physik und Technologie. Ein Experiment aus dem medizinischen Bereich dient dem Erforschen der menschlichen Blutdruckregulierung. Astronauten klagen nach längeren Weltraumaufenthalten über ähnliche Symptome wie Menschen, die wegen Krankheit längere Zeit bettlägerig gewesen sind. Ziel des Experimentes ist es, die Erkenntnisse in diesem Bereich zu vertiefen.

Sinnvoll fur die räumliche Orientierung von Piloten und Blinden könnte sich eine Weste erweisen, die das flugmedizinische Institut von TNO in Soesterberg entwickelt hat. Sie soll dem Träger durch Schwingungssignale angeben, wo oben und unten ist. Während der Delta-Mission wird sie zum ersten Mal im Weltraum erprobt.

Neben den wissenschaftlichen Experimenten wird die Öffentlichkeitsarbeit sehr groß geschrieben. Im Vorfeld der Mission hatte das Kultusministerium verschiedene Programme gestartet, um die Jugend für Raumfahrt und Naturwissenschaften zu begeistern. So wurde ein Preisausschreiben für Grundschüler ausgeschrieben, in dem sie je nach Alter eine Geschichte schreiben oder ein Bild malen konnten - erster Preis ist ein direkter Radiokontakt mit Kuipers an Bord der ISS. Auch züchtet Kuipers gleichzeitig mit 70.000 Schülern Rucolasalat. Parallel mit ihm im Weltraum sollen die Schüler auf der Erde den Einfluss von Licht und Schwerkraft auf das Wachstum von den Pflanzenkeimen erforschen. Am 22. April wird das Experiment mit Live-Bildern von ihm aus dem Weltraum direkt in die niederländischen Klassenzimmer gestartet. Vier Tage später, wieder bei einer Live-Übertragung, können die Schüler ihre auf der Erde gezüchteten Keimlinge mit denen von Kuipers im Weltraum vergleichen.



Andre Kuipers, seit dem 20.04.2004 der zweite Niederländer im All
(Bild: ESA)
Auch Universitätsstudenten bekamen vom Kultusministerium die Möglichkeit, Experimente anzubieten. Aus den vielen Vorschlägen ausgewählt worden sind zwei Versuche aus den Gebieten Biologie und Energiegewinnung. Einer beschäftigt sich ebenso wie das Schülerexperiment mit dem Wachstum von Pflanzensaat, der andere erforscht die Energiegewinnung mit Hilfe von Bakterien. Manche Mikroorganismen sind imstande, unter den richtigen Bedingungen Kohlenhydrate in Energie umzuwandeln. Es wird angenommen, dass diese Bakterien unter Schwerelosigkeit effektiver sind. Längerfristig könnte sich hier eine sinnvolle Moglichkeit zur Energiegewinnung bei langeren Raumflügen ergeben.

Zwei Tage nach dem Start dockt die Sojus-Kapsel erfolgreich an die ISS an. Kuipers schwebt als erster durch die Luke, gibt wenig später eine Pressekonferenz und hat Videokontakt mit dem niederländischen Ministerprasidenten Jan Peter Balkenende. Die nächsten Tage verbringt er mit seinen wissenschaftlichen Experimenten und dem Schülerexperiment. Viel Zeit, um aus dem Fenster zu schauen, hat er deshalb nicht, aber die wenigen Augenblicke, die er hinausschauen kann, findet er "fantastisch". Am Donnerstag, dem 22. April, geht eines der Gyroskope, welche die ISS stabilisieren sollen, kaputt. Das sei aber, so Kuipers in einer Live-Übertragung am Freitag, kein Grund zur Besorgnis, alles funktioniert noch prima. Ihm selbst geht es hervorragend, und auch an die Schwerelosigleit ist er inzwischen gewöhnt. Die Rückkehr zur Erde - die mit der Sojus-TMA-3-Kapsel geschehen wird, die seit einem halben Jahr an der Raumstation hängt - stellt sich Kuipers sehr spannend vor, doch: "Ein wenig neidisch bin ich schon auf meine Kollegen, die länger hier oben bleiben dürfen. Hat man sich gerade an die Schwerelosigkeit gewöhnt, muss man wieder zurück." Die Möglichkeit eines weiteren Weltraumeinsatzes Kuipers' hält Jörg Feustel-Büchel, ESA-Direktor für bemannte Raumfahrt, durchaus für gegeben: "Durch seine jetztige Mission gewinnt André an Erfahrung, die er später gut weiter gebrauchen kann." Kuipers selbst: "Ich bin ja von Beruf Astronaut, da dürfte eine weitere Mission durchaus drin sein."

Kuipers kehrte am 30. April auf die Erde zurück und landete in Kasachstan. Später, wenn er hier in den Niederlanden von seinen Eindrücken während des Fluges erzählt, werde ich mit Sicherheit auch wieder von der Partie sein.

 
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