09.07.2006 / Autor: Michael Stein Raumfahrt > Mars Aktuell

Die Qual der Wahl

Schon jetzt beginnt die Suche nach dem optimalen Landeplatz für den Mars Science Laboratory (MSL) genannten nächsten Mars-Rover der NASA - und die Auswahl ist größer als je zuvor.

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Schematische Darstellung des MSL. Am Heck ist deutlich der Radioisotopengenerator (RPS) zu erkennen.
(Grafik: NASA)
In fünf Jahren soll der MSL-Rover auf der Oberfläche des Roten Planeten landen, und wie üblich bei derartig komplexen Projekten beginnen die Vorbereitungen schon Jahre vorher. So verwundert es nicht, dass der erste Workshop zur Auswahl des Rover-Landesplatzes mittlerweile bereits stattgefunden hat: vom 31. Mai bis zum 2. Juni diesen Jahres trafen sich rund 100 Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern in Pasadena (Kalifornien), dem Sitz des Jet Propulsion Laboratory der NASA, um eine erste Vorauswahl möglicher Landeplätze für diesen leistungsfähigen Mars-Rover zu treffen.

Die Aufgabe ist nicht eben einfach. Wie immer bei solchen Landemission stehen zwei Aspekte im Vordergrund des Auswahlverfahrens, die sich nicht immer miteinander vereinbaren lassen: Sicherheit und Attraktivität. "Sicherheit" bedeutet, dass der gewählte Landeplatz eine möglichst hohe Wahrscheinlichkeit für eine sichere Landung des Rovers bieten muss. Die (wissenschaftliche) Attraktivität hingegen beschreibt, in welchem Maße ein Landeplatz auf Grundlage der über ihn bekannten Fakten die Aussicht auf Erreichung der wissenschaftlichen Missionsziele bietet. Üblicherweise verläuft die Auswahl des Landeplatzes in mehreren Etappen, wobei der Kreis der Kandidaten immer weiter reduziert wird. Soweit, so bekannt.

Doch im Vergleich zu früheren Landemissionen ist das Auswahlverfahren für das Mars Science Laboratory deutlich aufwändiger, was mit den in den letzten Jahren erzielten Fortschritten zu tun hat. Es sind gleich mehrere Faktoren, die dafür sorgen, dass die Auswahl einer geeigneten Landestelle in diesem Fall deutlich schwerer als beispielsweise bei der Mars Pathfinder-Mission sein wird. Zum einen sind die technischen Einschränkungen beim MSL relativ gering. Mussten die beiden solargetriebenen Mars-Rover Spirit und Opportunity noch zwingend in Äquatornähe landen, so kann der MSL-Rover bis hoch zum 60. Breitengrad überall auf dem Roten Planeten niedergehen, da er seine Energie - zumindest nach jetzigem Stand der Planung - höchstwahrscheinlich von einem Radioisotopengenerator beziehen und damit nicht auf die Sonneneinstrahlung angewiesen sein wird.

Weiterhin kann der Rover in Gebieten landen, die bis zu zwei Kilometer höher als die durchschnittliche Höhe des Planeten liegen, und last, but not least fällt die so genannte Landeellipse deutlich kleiner als bei allen bisherigen Mars-Landern aus. Bisher konnte man bei allen Landemissionen im Vorhinein nur eine stark gestreckte Ellipse von deutlich über 100 Kilometern Länge angeben, innerhalb der sich irgendwo die Landestelle des jeweiligen Mars-Landers befinden würde. Das MSL hingegen wird innerhalb eines nur etwa 20 Kilometer durchmessenden Kreises landen, so dass nun auch Areale für die Landung in Betracht kommen, die es vorher mangels ausreichender Größe nicht in das Auswahlverfahren geschafft hätten.

Natürlich erschwert auch die in den letzten Jahren zur Erde übermittelte Flut an neuen, hochauflösenden Aufnahmen der verschiedenen Mars-Orbiter die Auswahl zusehends. Nicht zuletzt Mars Express mit seinen beiden Beobachtungsinstrumenten OMEGA und der hochauflösenden Stereokamera HRSC hat in dieser Hinsicht den Wissenschaftlern eine Vielzahl neuer, interessanter Gebiete auf dem Mars präsentiert, die den Kreis potentieller Landestellen für den MSL-Rover deutlich erweitert haben - ein Vorgang, der sich mit der Aufnahme des wissenschaftlichen Beobachtungsbetriebs des Mars Reconnaissance Orbiters Ende diesen Jahres weiter fortsetzen wird.

So ist es also keineswegs übertrieben, von der "Qual der Wahl" für die Mitglieder des Auswahl-Workshops zu sprechen. Immerhin konnten sich die Teilnehmer nun auf eine erste Liste von 33 potentiellen Landeplätzen einigen, die den technischen und wissenschaftlichen Anforderungen - der Rover soll vor allem in einer Gegend landen, die früher einmal lebensfreundliche Bedingungen geboten hat - nach derzeitigem Erkenntnisstand entsprechen. Sicherlich wird der eine oder andere Kandidat bei näherer Betrachtung durch die aktuellen Mars-Orbiter aus der Liste herausfallen, doch dafür können in den kommenden Monaten und Jahren bis zur Ankunft des MSL noch neue, interessante und geeignete Gebiete entdeckt werden - das Auswahlverfahren wird den weiteren Fortgang der Mission also noch eine Weile begleiten.

Eine Besonderheit dieser Mission hat auf dem Workshop teilweise für Unmut unter den beteiligten Wissenschaftlern gesorgt: Gerade die wissenschaftlich interessantesten Gebiete mit größeren Wasser- beziehungsweise Wassereisvorkommen dicht unter der Oberfläche sollen nach Willen der NASA ausgeschlossen werden. Dahinter steht die Befürchtung, dass versehentlich mit dem MSL-Rover auf dem Mars eingeschleppte irdische Mikroorganismen sich in lebensfreundlichen Habitaten unter der rauhen Marsoberfläche möglicherweise dauerhaft einnisten könnten - ein Szenario, dass man unter allen Umständen vermeiden möchte. Doch natürlich konterkariert diese nachvollziehbare Forderung nach Schutz des Roten Planeten vor irdischer "Verseuchung" das primäre Ziel der MSL-Mission, das in der Suche nach gerade derartigen lebensfreundlichen Gebieten auf dem Mars besteht. Wir dürfen gespannt sein, wie dieses - zumindest von der NASA als solches betrachtete - Dilemma aufgelöst werden wird.
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