20.03.2010 / Autor: Raumfahrer.net Gastautor Raumfahrt > Raketen

Raketen unter Palmen

Aus Begeisterung und Interesse für die Raumfahrt folgte unsere kleine Reisegruppe Ende Februar 2010 dem Ruf nach Kourou. Unsere Studienreise nach Französisch Guayana führte die Reiseteilnehmer nicht nur an die Startplätze der Raketen Ariane, Sojus und Vega. Wir kamen ins Gespräch mit Ingenieuren, Technikern und Managern, welche direkt in die Startvorbereitungen – Kampagnen, wie man dort zu sagen pflegt - involviert sind.

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Ein kurzer Auszug aus einem Reisebericht von Detlef Köhler ins Europäische Raumfahrtzentrum Kourou. Der vollständige und umfangreiche Artikel dazu erscheint im Heft 62 der Fachzeitschrift Raumfahrt Concret.

Autor: Detlef Köhler von WeltraumTouristik.de

Detlef Köhler

Bild vergrößernStartanlagen der Soyuz (ELS) in Kourou
(Bild: Detlef Köhler)
Aus Begeisterung und Interesse für die Raumfahrt folgte unsere kleine Reisegruppe Ende Februar 2010 dem Ruf nach Kourou. Unsere Studienreise nach Französisch-Guayana führte die Reiseteilnehmer nicht nur an die Startplätze der Raketen Ariane, Sojus und Vega. Wir kamen ins Gespräch mit Ingenieuren, Technikern und Managern, welche direktin die Startvorbereitungen - Kampagnen, wie man dort zu sagen pflegt - involviert sind. Dazu zählten natürlich nicht nur die mittlerweile fast fertig gebauten Startanlagen für Vega und Sojus. Der neu gebaute Startplatz für die Kleinrakete Vega, die ab nächsten Jahr 1,5 Tonnen Nutzlast in den erdnahen Orbit (Low Earth Orbit, LEO) bringen soll, befindet sich an der Stelle des ELA1 (Ariane 1). Ursprünglich war geplant, dieses für die Vega umzubauen, doch letztendlich wurde es fast ein Neubau. Leider rostet unmittelbar daneben das alte ELA2 (Ariane 4) weiter ungenutzt im tropischen Klima vor sich hin - Nachnutzung nicht in Sicht. Wann Arianespace das Feststoffbooster der kleinen Vega das erste Mal zünden und damit die Rakete starten wird, steht noch ein wenig in den Sternen. Denn letztlich ist auch die Frage berechtigt, wer heute noch so kleine Nutzlasten für den LEO benötigt und ob die Vega mangels Nachfrage ausgelastet werden kann.

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Bild vergrößernBunker für Startkontrolle der Ariane 5 am CDL3
(Bild: Detlef Köhler)
Wesentlich bessere Chancen auf einen baldigen Erststart von Kourou hat hingegen die Sojus. Motiviert durch die Tatsache, dass man auf Grund der äquatornahen Lage Kourous mit der Sojus bis zu drei Tonnen vergleichsweise kostengünstig in den GTO bringen kann, finanzieren ESA, Arianespace und EU seit 2006 den Bau ihres eindrucksvollen neuen Startplatzes ELS (Ensemble de Lancement Sojus). Er liegt mitten im Dschungel, ca. zehn Kilometer nordwestlich des Startplatzes ELA3 (Ensemble de Lancement Ariane 5). Am Bau beteiligt waren zahlreiche Firmen aus Europa und Russland, darunter - durch Roscosmos beaufsichtigt - auch Lavochkin und NPO. Allerdings sind deren Aufgabenbereiche teilweise so streng umrissen und von einander abgegrenzt, dass man durch manche Türen heute nur noch gehen darf, wenn man einen russischen Pass sein eigen nennt, durch andere hingegen nur, wenn man das französische Pendant besitzt. Dies konnten wir bei der Besichtigung des Startplatzes durchaus schmunzelnd in Augenschein nehmen.

Auf einer Guided Tour durchs CSG kann man nicht nur im angenehm klimatisierten VIP-Raum des Jupiter Kontrollzentrums - dem „Tower“ des Spaceports - auf den roten Sesseln vor den vielen Monitoren Platz nehmen oder von der Terrasse einen Blick durch endlos erscheinende Dschungelschneisen auf die knapp 13 Kilometer entfernten Startplätze ELA3 und ELA2 werfen. Neuerdings führt man die Besucher auch in den sogenannten „Bunker“ am CDL3, das „Cockpit“, wo Countdown und Start der Ariane 5 kontrolliert werden. Der Bunkerraum selbst ähnelt entfernt dem Buran-Saal in Koroljev (unten die Computer, oben die Sitzplätze), ist allerdings durch meterdicke Betonwände vor einem möglichen Unfall beim Start oder bei der Integration der Feststoffbooster geschützt.

Detlef Köhler

Bild vergrößernHalteklammern der Soyuz-Rakete am ELS Kourou
(Bild: Detlef Köhler)
Was man auf der Guided Tour mit dem Bus leider nicht zu sehen bekommt, sind die eigentlich interessanten Dinge in Kourou, die uns nur dank freundlicher Unterstützung von EADS Astrium zugänglich wurden, wie zum Beispiel das Innere des Raketen-Integrationsgebäudes BIL (Bâtiment Intégration Lanceur) oder die Startanlagen der Sojus, die eigentlich schon näher an der Stadt Sinnamary als an Kourou liegen. An dieser Stelle wird die gewaltige Ausdehnung des Europäischen Raumfahrtzentrums deutlich: Das Gelände umfasst ein Areal von fast 30x20 Kilometer. Klar - Baikonur ist viel größer, aber das CSG dafür ein nahezu zusammenhängendes Gebiet, vollständig eingezäunt und durch die französische Fremdenlegion wirksam bewacht. Letztere wird insbesondere zu Satellitentransfers, beim Entladen der Schiffe (Raketentransport) und kurz vor dem Raktenstart besonders aktiv und riegelt das Raumfahrtzentrum systematisch ab. Wie wirksam die Überwachung funktioniert, konnten wir am eigenem Leib erfahren: Bei einem nur kurzen Halt zum Beobachten des südlichen Sternenhimmels an der 15 Kilometer langen Route d' Espace zwischen Jupiter-Kontrollzentrum und CDL3 wurden wir keine zwei Minuten später sofort gezielt angefahren, kontrolliert und aufgefordert, das Halteverbot nicht länger zu ignorieren...

Französisch-Guayana ist zwar ein Schmelztiegel verschiedenster Kulturen, verdient jedoch wohl als eines der wenigen Länder unseres Planeten die Bezeichnung multikulturell. Bisher leben dort alle friedlich zusammen: Nachfahren der schwarzafrikanischen Sklaven, Inder, Vietnamesen, Chinesen, Einwanderer aus Suriname, Guayana und Brasilien und natürlich die zumeist hellhäutigen Ingenieure, Techniker und Manager aus Bremen, Lampoldshausen, Les Mureaux, Ottobrunn, Toulouse, Nordwijk und all den anderen Standorten von Astrium, ESA und CNES in Europa, die heute im Raumfahrtzentrum arbeiten. Man erkennt nicht nur im Straßenbild, im Verkehr, bei der medizinischen Versorgung oder im Restaurant, dass es sich bei diesem französischem Überseedepartement um einen integralen Bestandteil Frankreichs mit europäischen Standards handelt. Darüber hinaus ist Französisch Guayana auch Teil der EU mit dem Euro als Währung - in Südamerika!
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