21.10.2008 / Autor: Raumfahrer.net Gastautor Raumfahrt > Raketen

USA 193 - letztes Trümmerstück verglüht

Am 09. Oktober 2008 verglühte mit Objekt 32657 das letzte katalogisierte Teil von USA 193. USA 193 geriet in den Fokus der Öffentlichkeit, weil dieser durch eine Raytheon RIM-161 Standard SM-3 abgeschossen wurde.

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Ein Beitrag von unserem Gastautor Thomas Wehr.

NASA

Start von NROL 21 alias USA 193
(Bild: NASA)
NASA

Bild vergrößernAm 22. Januar 1997 schlug der 250 kg schwere Treibstofftank der 2. Stufe einer Delta 2 in der Nähe von Georgetown, Texas auf.
(Bild: NASA)
NASA

Bild vergrößernEinen weiteren Tank desselben Wiedereintritts fand man in der Nähe von Seguin, Texas.
(Bild: NASA)
USA 193 wurde als NROL-21 am 14. Dezember 2006 mit einem Delta-II-Träger von der Vandenberg Air Force Base in Kalifornien gestartet. Kurze Zeit nach dem Start traten Fehler auf, der Satellit verstummte nach ca. 1,5 Tagen und es gab keinerlei Anzeichen, dass der Orbit kontrolliert werden könnte. Amateur-Satellitenbeobachter entdeckten schnell, dass mit diesem System etwas nicht stimmte und sich der Orbit des Satelliten verringerte.

Offiziellen Stellen des Pentagon zufolge ging von USA 193 eine Bedrohung auf Grund an Bord befindlicher giftiger Treibstoffe (Hydrazin) aus, da der Tank, so die Meinung der Experten des US-Verteidigungsministeriums, den Absturz überstehen könne. Hierzu wurden auch Beispiele von wiedereintretenden Satelliten oder Raketenstufen genannt, bei denen der Tank erst beim Aufschlag zerstört wurde.

Ein kontrollierter Wiedereintritt durch einen Abschuss, so die Argumentationsweise würde die Bedrohung für bewohntes Gebiet eliminieren. Bei den Betrachtungen ging man ferner davon aus, dass die größeren Teile innerhalb von zwei Tagen die kleineren innerhalb von 40 Tagen verglühten.

Alles in Allem Argumente, um den Abschuss von USA 193 zu rechtfertigen und um aufkommende Meinungen, es handele sich dabei um einen Anti-Satelliten-Waffentest (ASAT), zu entkräften, zumal der chinesische ASAT-Test (Abschuss von FENGYUN 1C) am 11. Januar 2007 von der Weltöffentlichkeit und insbesondere der USA verurteilt wurde.

Um die aktuelle Shuttle-Mission STS 122 nicht zu gefährden, wurde als frühester Abschusstermin der Landetag von Atlantis, der 20. Februar 2008 angenommen.

Als eine NOTAM (Notice To Air Man – Hinweis für Luftfahrer) für ein Seegebiet nahe Hawaii für den Zeitraum vom 21. Februar bis zum 25. Februar herausgegeben wurde, verdichteten sich die Hinweise, und weitere Bahnberechnungen von Amateurbeobachtern fanden Ihren Weg in die Öffentlichkeit.

Am 21. Februar 2008 gegen 03:30 Uhr GMT schlug die SM-3 der US Lake Erie in USA 193 ein. Zum Abschuss fand das Aegis Ballistic Missile Defense System Verwendung.

Es nutzt die vorhandenen Aegis-Waffensysteme und den "Vertical Launching Starter (VLS)" der Ticonderoga-Klasse-Kreuzer und Arleigh Burke-Klasse-Zerstörer und kombiniert sie mit einer neuen Abfangrakete, der "RIM-161 Standard Missile" (SM-3). Diese erzielt Reichweiten über 500 km sowie Höhen weit außerhalb der Atmosphäre und besitzt ebenfalls einen hit-to-kill Gefechtskopf.

Thomas Wehr

Bild vergrößernTrümmer von USA 193 am 1. März 2008 über Europa
(Bild: Thomas Wehr)

Am 27. Februar begann das Weltraum Kommando der US-Luftwaffe die ersten Orbit-Daten, welche mit USA-93 DEB (also Trümmer von USA-193) bezeichnet wurden, zu veröffentlichen.

Am 01. März 2008 wurde gegen 23:44 Uhr GMT eine Leuchterscheinung in Süddeutschland und der Schweiz gemeldet. Obwohl zu dem Zeitpunkt ein, an diesem Tage verglühtes Trümmerstück, in der Nähe war, konnte es nie eindeutig der Leuchterscheinung zugeordnet werden.

Am 02. März waren ca. 42 Teile katalogisiert.

Am 05. März waren es noch 77 Teile.
Ihre technischen Daten:
Umlaufzeit : 87 - 113 Minuten
Inklination: 60,39 - 56,54 Grad
Erdferne: 177 - 2524 Kilometer
Erdnähe: 141 - 241 Kilometer

Insgesamt wurden 174 Teile veröffentlicht, die sich schnell über den Orbit verteilten. Angeblich sei keines größer als ein amerikanischer Football gewesen. Andere schätzen Größen um 20 Zoll, ca. 55 cm.

Thomas Wehr

Bild vergrößernTrümmersituation am 31. März 2008.
(Bild: Thomas Wehr)

In einer am 25. April veröffentlichten Studie geht Dr. Kelso davon aus, dass es ca. 90 Tage nach Abschuss kein Teil von USA 193 im Orbit mehr geben würde. Zwei Tage später am 27. April waren von den katalogisierten 174 Teilen noch 21 im Orbit.

DATEN (27.04) Min Min-Objekt MAX Max-Objekt
Umlaufzeit in Minuten 88,14 32578 101,56 32532
Inklination in Grad 57,2 32602 58,87 32542
Apogäum - Erdferne in km 187 32578 1453 32532
Perigäum - Erdnähe in km 177 32578 238 32657

Selbst 96 Tage nach Abschuss, also nach dem fast 1,5-fachen des ursprünglich kommunizierten Überlebenszeitraums, gab es noch 11 (6%) Trümmerteile im Orbit.

DATEN (27.05) Min Min-Objekt MAX Max-Objekt
Umlaufzeit in Minuten 88,12 32510 93,8 32657
Inklination in Grad 57,18 32602 58,78 32524
Erdferne in km 193 32510 682 32657
Perigäum - Erdnähe in km 170 32510 238 32657

Erst am 09.10.2008, 231 Tage nach dem Abschuss, verglühte mit 32657 das letzte bekannte Objekt von USA 193.

Thomas Wehr

Bild vergrößernHöhenentwicklung von 32657
(Bild: Thomas Wehr)

Damit dauerte der Trümmeraufenthalt ca. 5,8-mal so lange, wie offiziell erwartet.

Eine Notiz am Rande:
Am 30. April 2008 fand die Unterrichtung des Aufsichtsausschusses des Repräsentantenhauses bzgl. des Raketenabwehrprogrammes durch Air Force Lt. General Obering, Missile Defense Agency Director statt.

Die MDA hat dieses Jahr ein Forschungs- und Entwicklungsbudget von ca. 10 Milliarden US-Dollar. Seit den 1980er Jahren sind zwischen 120 und 150 Milliarden US-Dollar in das Programm geflossen. In dieser Anhörung musste Obering die sinnvolle Verwendung der Gelder und die Notwendigkeit des Programmes rechtfertigen.

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