06.12.2016 / Autor: Kirsten Müller & Ingo Muntenaar Portal > Veranstaltungen

ASE-Kongress Wien 2016 (Teil 3/3)

Im Oktober 1991 war Franz Viehböck im Rahmen der Austromir-Mission der erste Österreicher im All. Anlässlich des 25jährigen Jubiläums seines Raumfluges trafen sich vom 3.-7. Oktober 2016 in Wien 104 Raumfahrer verschiedener Nationalitäten zum diesjährigen Kongress der Association of Space Explorers (ASE). Einige der Veranstaltungen im Rahmen dieses Kongresses waren für die Öffentlichkeit zugänglich.

Der Mittwoch war der traditionelle Community Day, zu dem die Astronauten in ganz Österreich ausschwärmten. In Schulen, Universitäten und bei anderen öffentlichen Auftritten erzählten sie von ihren Erfahrungen im Weltraum, um die Bevölkerung für die Raumfahrt zu begeistern. Einige wenige Raumfahrer konnte man abends beim ASE Dinner/Party im Dachzimmer der Urania Sternwarte Wien treffen.

Gastgeber der vierten technischen Session, am 6. Oktober, war die Akademie der Wissenschaften. Thema war Raumfahrt und das Ermöglichen von Technologie. Durch die Veranstaltung führten ESA-Astronaut Reinhold Ewald (Sojus TM-25 / Sojus TM-24) und NASA-Astronautin Bonnie Dunbar (STS-61A; STS-32; STS-50; STS-71; STS-89). Ewald sagte erst einige einleitende Worte zu Österreichs Exportprodukten und lobte die österreichische Gastfreundschaft, die ihm Franz Viehböck und Clemens Lothaller bei ihrem ersten Aufenthalt im russischen Sternenstädtchen zuteil werden ließen. Dann widmete er sich dem Bericht “TECHBREAK” der Europäischen Wissenschaftsstiftung (European Science Foundation, ESF) mit Voraussagen über bahnbrechende Technologien in der zukünftigen Weltraumforschung, die im Zeitrahmen von 2030-2050 neuartige Weltraummissionen ermöglichen sollen.

Im ersten Teil ihres Vortrags fasste Bonnie Dunbar ihre Karriere anhand einer Bilderpräsentation zusammen. Danach stellte sie die International Space Exploration Coordination Group (ISECG) und deren Aufgabe vor. Bei ISECG handelt es sich um einen Zusammenschluss der führenden Raumfahrtnationen, die mit ihren Raumfahrtagenturen ASI (Italien), BNSC (Großbritannien), CNES (Frankreich), CNSA (China), CSA (Kanada), CSIRO (Australien), DLR (Deutschland), ESA (Europa), ISRO (Indien), JAXA (Japan), KARI (Korea), NASA (USA), NSAU (Ukraine) und ROSCOSMOS (Russland) vertreten sind. ISECG wurde 2006 mit dem Ziel gegründet einen Informationsaustausch zu etablieren, der die Aspekte Koordination der Aktivitäten der Mitgliedsstaaten, Schaffung von Synergien und eine optimale Ressourcennutzung beinhaltet. Seit 2007 erstellt ISECG Jahresberichte, in denen die Raumfahrthöhepunkte zusammengefasst, Fortschritte in den Arbeitsplänen aufgezeigt und Zielsetzungen für das kommende Jahr beschrieben werden. Darüber hinaus hat die ISECG in 2013 eine Global Exploration Roadmap (GER) verfasst. Die Global Exploration Roadmap schafft einen gemeinsamen Diskussionsrahmen der beteiligten Raumfahrtagenturen über gemeinsame Zielsetzungen, die Strategie zur bemannten Erkundung des Weltraums und die Koordination der vorbereitenden Aktivitäten zur Exploration. Die Roadmap baut auf astronautische, also bemannte, und robotische Raumfahrt auf. In näherer Zukunft will man die Internationale Raumstation als Möglichkeit zur Forschung und Technologiedemonstration weiterhin nutzen. In fernerer Zukunft möchte man die niedrige Erdumlaufbahn verlassen und Mondmissionen, Marsmissionen sowie Missionen in den tieferen Weltraum vorantreiben. Damit dieses geschehen kann, müssen als Zwischenschritt bis dorthin aber noch Synergien zwischen bemannten und robotischen Missionen ausgebaut werden. Robotische Missionen dienen als Pfadfindermissionen und machen menschliche Exploration sicherer und produktiver.

Kirsten Müller

Moderatoren Reinhold Ewald und Bonnie Dunbar
(Bild: Kirsten Müller)
Die Pläne der ESA zur Erkundung des Mondes beschrieb der ehemalige ESA-Astronaut Thomas Reiter (Sojus TM-22 / MIR-20; STS-121 / ISS-13 / ISS-14 / STS-116), heute ESA-Koordinator im ISS-Programm und Berater des ESA-Generaldirektors, aus der Perspektive der strategischen Politik. Auch er betonte, wie wichtig dabei internationale Zusammenarbeit sei. So plant die ESA, ein Dorf auf dem Mond zu bauen und mit anderen internationalen Partnern beim Deep Space Habitat zusammenzuarbeiten, einer bemannten Station, die als Basis für Reisen über den LEO hinaus, zum Mond und zu Asteroiden fungieren kann. Als längerfristiges Ziel wird der Mars avisiert.

Auch war die Öffentlichkeit zum Diskutieren mit der ESA eingeladen: an der ersten ESA-Bürgerdebatte am 10. September 2016 nahmen etwa 2.000 Personen aus 22 Ländern, im Alter von 15 bis 87 Jahren, teil. Thomas Reiter hat dem Publikum in der Akademie der Wissenschaften die ersten Ergebnisse dieser Bürgerdebatte vorgestelt. 83 % der an der Bürgerdebatte beteiligten Personen haben ein starkes Vertrauen in Raumfahrtagenturen und 88% in die Europäische Weltraumorganisation ESA. 75% der befragten Bürger waren nicht mit der Aussage einverstanden, dass der Weltraum als leerer Raum und daher nicht relevanter Ort angesehen werden kann. 78% der Befragten sahen im Weltraum eine Quelle für Handel, Industrie und wirtschaftliche Entwicklung und 96% sehen den Weltraum als Universum der Möglichkeiten und Chancen. 91% finden, dass der Weltraum ein “Gemeingut” des Menschen sei und 84% sehen im Weltraum einen Ort, der vor umweltbelastenden und potenziell schädlichen menschlichen Aktivitäten geschützt werden soll.

Die geplanten mittel- und langfristigen ESA-Strategien werden mithilfe von Technology Roadmaps kommuniziert. 2012 ist eine erste Technology Roadmap erschienen mit den Plänen, Beschaffungstätigkeiten zu koordinieren, die Raumfahrt besser für die Delegierten sichtbar zu machen und die Synergie und Zusammenarbeit mit anderen Gebieten und Programmen zu erleichtern. Die zweite Ausgabe Ende 2015 beinhaltete die Rolle der Technologie in der ESA-Explorationsstrategie und Anpassungen des Explorationsprogramms in Vorbereitung auf die ESA-Ministerratskonferenz 2016 und das Setzen von Prioritäten, um realistische Zuschüsse zu bekommen.

Die Prioritäten der ESA-Zukunftspläne liegen bei der robotischen und astronautischen Raumfahrt, der Bewohnbarkeit des Weltraums, Forschung, Transport und Navigation.

Für die ISS wird am Advanced Closed-Loop System (ACLS) gearbeitet. Einem Lebenserhaltungssystem, das mit regenerativen Prozessen das Kohlenstoffdioxid aus der ISS-Atemluft entfernt, durch eine katalysierte Reaktion dieses Kohlenstoffdioxids mit Wasserstoff zu Wasser und Methan wandelt, und Wasser elektrolytisch zu Sauerstoff für die Atemluft aufspaltet. Es wird angestrebt, dieses System 2017 mit dem japanischen HTV zu starten. Auch hat die ESA das Analysing Interferometer for Ambient Air (ANITA-2) entwickelt, das in der Kabinenluft an Bord der Raumstation zweiunddreißig potentiell verunreinigende Gase detektieren soll. Mikroben in der Kabinenluft lassen sich schnell detektieren und analysieren mit dem Projekt MiDASS (Microbial Detection in Air System for Space), das Mikroorganismen aus der Luft in ihre Nukleinsäuren aufspaltet und diese qualitativ und quantitativ analysiert.

Forschung zur Telerobotik auf der ISS wird von der ESA mit dem Experiment METERON (Multi-purpose End-to-End Robotics Operations Network) betrieben. Mit diesem Experiment sollen über eine Mensch-Roboter-Interaktion in Echtzeit telerobotische Operationen zwischen dem Operator auf der ISS und dem Roboter auf der Erde ausgeführt werden. Gesteuert wird die robotische Aktivität über eine On-board Kontrollstation auf der ISS, die über einen kraftreflektierenden Joystick dem Bediener als haptisches Eingabegerät dient. Die Kontaktkräfte, die während der Interaktion des Roboters mit der Umgebung stattfinden, werden auf den Joystick an Bord der ISS übertragen. Eine besonders intuitive und effiziente Steuerung kann durch Exoskelett-Techniken mit Daten-Handschuh durchgeführt werden. Bei diesem Experiment werden gezielt Antworten auf Fragen in Bezug auf Technologien für zukünftige Weltraumexplorationsszenarien gegeben. Dabei geht es unter anderem um das Fernsteuern von robotischen Mond- oder Marsfahrzeugen von der ISS oder einer zukünftigen Raumstation aus.

Für den Transport von Menschen in den Weltraum steuert die ESA das Servicemodul zum US-amerikanischen Multipurpose Crew Module (MPCV-SM) bei, sowie einen Dockingadapter, der mit dem internationalen Standard kompatibel ist.

Zur Erforschung des Mondes hat die ESA das Konzept des Dorfes auf dem Mond vorgestellt. Mit ROSCOSMOS möchte sie auf dem Gebiet der robotischen Mondmissionen zusammenarbeiten. Die ESA bietet u.a. die Mitnutzung von Antennenempfangsstationen an. Gleichzeitig möchte sie bei den drei geplanten russischen Mondmissionen Luna 25 (2019), Luna 26 (2020) und Luna 27 (2021) Flugexperimente beisteuern.

Geplant ist für die Mission Luna 25 eine Demonstration der Kamera PILOT (Precise Intelligent Landing Using On-Board Technology), die auf LIDAR-Technologie (Lidar – Light Detection and Ranging) basiert, und über die Fähigkeit verfügt, auf der Mondoberfläche Objekte zu erkennen und die Umgebung zu erfassen. Das LiDAR-System sendet Laserimpulse aus und detektiert das zurückgestreute Licht. Aus der Laufzeit des Lichts kann die Entfernung und die Richtung zur Oberfläche bzw. zum Bodenhindernis ermittelt werden. Die Kamera Pilot-D gibt diese Informationen an das Navigationssystem des Mondlanders Luna Glob weiter. Eine Weiterentwicklung der Demonstrationskamera soll dann unter dem Namen PILOT den Luna-Resource Lander auf Luna 27 zur Mondoberfläche steuern. Ein weiteres Experiment, welches die ESA zur Mission Luna 27 beisteuern will, ist der Bohrer PROSPECT (Platform for Resource Observation and in-Situ Prospecting in support of Exploration, Commercial Exploitation and Transportation), der Gesteinsproben des Mondes aus einer Tiefe bis zu 1,2 Meter entnehmen soll. Die Proben werden vor Ort in einem Labor innerhalb des Mondlanders auf Wasser und flüchtige Gase untersucht. Bei Luna 28 (2025) ist geplant, einen Lunar Volatiles Prospector zum Messen von flüchtigen Gasen auf der Mondoberfläche mitzunehmen.

Zusammenarbeit mit der NASA wird auf dem Gebiet von bemannten Missionen geplant.

Die ESA möchte auch den privaten Sektor motivieren, die Erforschung des Mondes voranzutreiben. Hier will die ESA in Zusammenarbeit mit der Europäischen Gemeinschaft die Privatindustrie ermutigen Cubesats für die Monderforschung zu planen. Denkbar sind Technologiemissionen von Kleinstsatelliten wie auch komplette Cubesat-Plattformen.

Den Zusammenhang zwischen Quantenphysik und Raumfahrt erläuterte Dr. Rupert Ursin, Physiker beim Institut für Quantenoptik und Quanteninformation Wien, Österreichische Akademie der Wissenschaften. Momentan arbeitet Europa auf diesem Forschungsgebiet eng mit der chinesischen Akademie der Wissenschaften zusammen. Am 15. August 2016 wurde im Rahmen des Projektes XD-2 Quantum Experiments at Space Scale eine Rakete vom Typ Long March 2D mit dem Satelliten QUESS (Quantum Space Satellite) / Micius für quantenwissenschaftliche Experimente gestartet. Dieser Satellit wird von chinesischen und von europäischen Bodenstationen aus überwacht. Für die europäischen Stationen, in Graz, Wien, Teneriffa (Spanien) und Cephalonia (Griechenland), ist die österreichische Akademie der Wissenschaften zuständig. China und Österreich werden dann auch Messwerte untereinander austauschen und die Forschungsergebnisse später gemeinsam veröffentlichen. QUESS ist eine Erprobungsmission, die Quantenoptik-Experimente über große Entfernungen untersucht. Das Experiment befasst sich mit der Möglichkeit der Verschlüsselung von Daten durch Erzeugung von verstrickten Photonen und der Teleportation von diesen verschlüsselten Datensätzen. Ziel des Experiments und der daraus resultierenden Technologie ist die Möglichkeit einer abhör- und entschlüsselungssicheren Kommunikation über lange Laufwege. Wenn die Experimente mit QUESS erfolgreich sind, folgt der Start weiterer Micius-Satelliten, die bis 2020 ein europäisch-asiatisches quantenverschlüsseltes Netzwerk ermöglichen. Bis 2030 soll ein globales Netzwerk mit dieser Kommunikationstechnologie aufgebaut werden.

Pamela Melroy, Ex-NASA Astronautin und eine der wenigen weiblichen Space Shuttle Kommandantinnen (STS-92; STS-112; STS-120), beschrieb revolutionäre Technologien und deren potentiellen Einfluss auf die bemannte Raumfahrt. Als Beispiel für zukünftige bahnbrechende Technologien nannte sie die Herstellung von Kunststoffen im Weltraum durch Extrusion; dies erfordert Polymere, die Tropfen formen können. Hiermit sind im offenen Weltraum bis jetzt noch keine Erfahrungen gemacht worden, wohl hat die NASA Forschung mit simuliertem Marsbodenmaterial finanziert und es sind schon einige komplexe Raketenteile wie Injektoren konstruiert worden. Man wird diese “Additive Manufacturing” genannte Technologie zum Beispiel einsetzen können für den Bau großer Satellitenschüsseln, leichtgewichtiger Strukturen mit eingebetteter Elektronik und Mechanismen und für Anlagen auf dem Mond und Mars. Künstliche Intelligenz, zum Beispiel Algorithmen, die imstande sind, Objekte zu erkennen, könnte helfen, geologische Strukturen auf dem Mond und Mars zu erkennen, oder Präferenzen von Astronauten festzustellen, anhand derer sie für die Raumfahrer automatische Zeitpläne entwerfen können.

Kirsten Müller

Pamela Melroy
(Bild: Kirsten Müller)
Das Anforderungsprofil von robotischen Systemen für Erkundungsmissionen auf fremden Himmelskörpern ist vielfältig. Ein Roboter, mit Füßen inklusive Sensorik für taktile Informationen kann sich auf weichem und hartem Boden bewegen und sein Laufverhalten anpassen. Laufroboter können zerklüftetes und steiniges Terrain überwinden und Steigungen bewältigen. Gleichzeitig ist mit der Ausstattung durch Laserscanner und Stereokamera ein gewisses Maß an Autonomie des Roboters gefordert, da es hohe Signallaufzeiten zwischen erdgebundenem Kontrollzentrum und dem Roboter vor Ort gibt.

Zunehmende Automation und Robotik werden die Raumfahrt langfristig verändern. Intelligente Systeme werden den Menschen bei der Erschließung des Sonnensystems unterstützen und gerade bei riskanten und komplexen Missionen den Astronauten entlasten. Bereits heute werden Missionsszenarien erarbeitet, in denen robotische Missionen On-Orbit Servicing (OOS / Servicedienstleistungen im Weltraum) anbieten werden. Dies beinhaltet die Fehlerdiagnose durch Beobachten eines Zielsatelliten aus einem gewissen Abstand (Ferninspektion) und das Abtasten des Satelliten mit unterschiedlicher Sensorik (Nahinspektion), die Bewegungsübertragung auf den Zielsatelliten (Transfer in einen anderen Orbit, Transfer aus dem Orbit, Bergung und Rettung), sowie die angedockte Inspektion, in der der Zielsatellit gewartet, repariert oder nachgerüstet werden kann. Ein weiteres Schlüsselelement zur weiteren Erschließung des Weltraums ist der Aufbau und Zusammenbau von “Born in space architecture”-Srukturen, also Systemen, die erst im Weltraum oder auf einer Planetenoberfläche von robotischen Systemen oder in Teilautonomie zusammen mit Menschen aufgebaut werden.

Auch das Modifizieren von Genen kann künftig gut für die Raumfahrt eingesetzt werden. Heute werden wenige Gene in simplen Organismen wie Hefe modifiziert. In Zukunft könnte man Gene modifizieren, um schnell neue Chemikalien, Brennstoffe oder Wasser zu bekommen, oder um Pflanzen an das Klima auf dem Mars anzupassen oder widerstandsfähiger gegen kosmische Strahlung zu machen.

Moderatorin Bonnie Dunbar musste gut darauf achten, dass der Zeitplan eingehalten wurde. Der nächste Programmpunkt war nämlich eine Live-Schaltung zu Ex-Astronaut Franklin Chang-Diaz (STS-61C; STS-34; STS-46; STS-60; STS-75; STS-91; STS-111), CEO der Ad Astra Rocket Company, der aus den USA über diese Firma einen Televortrag hielt. Das Unternehmen beschäftigt sich mit der Entwicklung von neuartigen Plasma-Raketenantrieben.

Der massenspezifische Impuls ist eine wesentliche Kenngröße von Raketenmotoren. Sie stellt die effektive Geschwindigkeit der Antriebsgase beim Verlassen der Düse dar. Neben chemischen und nuklearen Antrieben gibt es elektrische Antriebe. Bei elektrothermischen Antrieben wird die elektrische Leistung genutzt, um ein Arbeitsgas auf hohe Temperaturen aufzuheizen. Diese Temperaturen liegen im Allgemeinen höher als die Verbrennungstemperaturen klassischer chemischer Treibstoffe. Dadurch erhöht sich im Vergleich zu letzteren die Austrittsgeschwindigkeit der Gase bei der Expansion in einer Düse und somit der spezifische Impuls. In elektromagnetischen Triebwerken werden gekreuzte elektrische und magnetische Felder zur Erzeugung einer Kraft auf ein Plasma genutzt. Der Schub bei elektrischen Triebwerken ist viel geringer, da trotz sehr hoher Ausströmgeschwindigkeiten aus der Düse der beschleunigte Massenstrom sehr gering ist. Für elektrische Triebwerke ist auch ein hoher elektrischer Leistungsbedarf notwendig.

Die Firma Ad Astra Rocket Company hat solch ein elektrisches Triebwerk namens VASIMR (Variable Specific Impulse Magnetplasma Rocket) entwickelt, welches sich eines magnetoplasmadynamischen Antriebs bedient. Es besteht aus drei Kammern, in denen Plasma erzeugt, weiter erhitzt und anschließend beschleunigt wird.

Das Triebwerk funktioniert so, dass Gase wie Argon, Xenon oder Wasserstoff in ein Rohr eingeleitet werden, das von einem Magneten und zwei Hochfrequenzkopplern umgeben ist. Der erste HF-Koppler ionisiert das Gas und wandelt es dadurch in “kaltes”(5.800 K) Plasma. Mit dem zweiten HF-Koppler wird dieses Plasma durch Fusionstechnik auf 10 Millionen K erhitzt. Diese Wärmeenergie wird dann mit einer Magnetdüse so gelenkt, dass sie für Antrieb sorgen kann mit Ionengeschwindigkeiten von etwa 180 000 km/h.

Schon gebaut worden ist der VX-200-Prototyp im Laboratoriumsmaßstab, mit einer Leistung von 200 kW. In 2008 erhielt Ad Astra dann von der NASA den Auftrag, den Einbau und Test eines einsatzbereiten VX-200 Triebwerks auf der Internationalen Raumstation vorzunehmen. Die VX-200 Flugeinheit auf einer Aurora Nutzlastplattform sollte 2014 oder 2015 bereits außerhalb der ISS montiert werden. Kleine Mengen elektrischer Energie aus den Solarpanelen der ISS sollten Akkus aufladen, die die Triebwerke für Lastzyklen von jeweils 15 Minuten mit elektrischer Energie versorgen sollten. Zugunsten eines neuen Forschungsauftrags im Rahmen des NextSTEP-Programms der NASA hat Ad Astra die Planungen für die Verwendung des VX-200 derzeit auf Eis gelegt. Das NextSTEP-Programm mit einer Laufzeit von 3 Jahren, beginnend ab 2015, ist mit einem Umfang von 10 Millionen US Dollar dotiert. Die Weiterentwicklung des VX-200-Triebwerkes ist bereits das VX-200SS (steady state) für Missionen in den weiteren Weltraum. Sowohl der Kern des Triebwerks, als auch der supraleitende Magnet und die Vakuumkammern sind modifiziert worden. Mit diesem modifiziertem Triebwerk sollen mehr als 100 Stunden kontinuierliche Laufzeit erreicht werden.

Kirsten Müller

Live-Schaltung zu Franklin Chang-Diaz
(Bild: Kirsten Müller)
Solar-elektrische Antriebe (SEP – Solar Electric Propulsion) in Kombination mit VASIMR-Triebwerken können ein breites Spektrum an Missionen unterstützen, z.B. Drag Compensation für Raumstationen infolge von Bahnhöhenverlust durch aerodynamischem Widerstand; Entfernung von Weltraummüll (Space Debris); Nutzlasttransfer zum Mond; Nutzlasttransporte, die bemannte Missionen zum Mars unterstützen; Asteroidenablenkungsmissionen. Für die Erfordernisse von bemannten Marsmissionen hält Chang-Diaz, im Vergleich mit chemischen oder nuklear-thermischen Triebwerken, die nuklear-elektrische Möglichkeit für die beste. Nuklear-elektrische Antriebe (NEP - Nuclear Electric Propulsion), die für einen schnelleren Transport zu größeren Entfernungen benötigt werden, wie zum Beispiel bemannte Missionen zum Mars, können einen wesentlich höheren Schub liefern als die SEP-Technologie.

Abgeschlossen wurde der öffentliche Teil des Kongresses von Dumitru Prunariu. Der ehemalige Kosmonaut im Interkosmos-Programm (Sojus 40), der auch viele Jahre Präsident der Association of Space Explorers gewesen war, ist nun in der Funktion als ASE-Präsident der europäischen Sektion (ASE-Europe) unterwegs. 2005 hat die Association of Space Explorers das ASE NEO (Near Earth Objects) Committee eingerichtet. Das NEO Committee hat sich den Auftrag gegeben, internationale Institutionen und die Öffentlichkeit vor der Bedrohung eines Asteroideneinschlags auf der Erde und die daraus für das Leben auf der Erde resultierenden Folgen zu informieren. Prunariu berät im Namen der ASE zusammen mit dem ehemaligen Astronauten Dr. Thomas D. Jones (STS-59, STS-68, STS-80, STS-98) die Space Missions Planning Advisory Group (SMPAG), eine Expertengruppe mit Vertretern der verschiedenen Weltraumagenturen mit der Zielsetzung, potentielle Ablenkungsmaßnahmen gegen Asteroiden von der Erde zu planen, Technologien für die Ablenkung von Asteroiden zu identifizieren und sich auf angemessene technische Antworten auf eine eventuellen Asteroidendrohung zu beratschlagen. Ähnliche Arbeit macht das IAWN (International Asteroid Warning Network), das mit den technischen Möglichkeiten seiner Mitglieder der Öffentlichkeit möglichst aktuelle Daten zu möglicher Asteroidendrohung durchgeben möchte. Selbst hat die ASE im Jahr 2008 eine Veröffentlichung mit Empfehlungen zu einem Programm für eine weltweite Antwort zu Asteroidendrohungen herausgebracht. Das NEO Committee hält Vorträge vor dem Büro der Vereinten Nationen für Weltraumfragen (UNOOSA – United Nations Office for Outer Space Affairs) und dem UN Ausschuss für die friedliche Nutzung des Weltraums (UNCOPUOS – United Nations Committee on the Peaceful Uses of Outer Space) und berät sie auch bei dem Bedrohungsszenario der Erdbevölkerung durch Asteroiden und erdnahe Objekte (Near Earth Objects). Gemeinsam mit der UN hat das NEO Committee durch vielfältige öffentliche Veranstaltungen den Asteroid Day etabliert und versucht die Öffentlichkeit vor der Bedrohung von Asteroiden zu sensibilisieren. Durch den Asteroid Day, der in 2016 am 30. Juni stattfand, erhofft man sich, dass das öffentliche Bewuẞtsein für die NEO Populationserhebungen und Roboter-Explorationsmissionen gestärkt werden. Durch den Asteroid Day will man eine steigende Unterstützung in der Öffentlichkeit für kooperative, globale Maßnahmen zur Vermeidung von Asteroideneinschlägen auf der Erde erzielen. Gleichzeitig wirbt der Asteroid Day für eine Erhöhung der Unterstützung für ein stark erhöhtes Tempo bei der NEO-Erkennung und für eine internationale NEO-Demonstrationsmission. Prunariu erwähnte in seinem Vortrag noch weitere Ereignisse, die für das NEO Committee wichtig waren. Die Asteroidenmission OSIRIS-REx (Origins Spectral Interpretation Resource Identification Security – Regolith Explorer) wurde am 8. September 2016 an Bord einer Atlas-V gestartet und führt zum Asteroiden Bennu. Nach einem Einschwenken in den Orbit des Asteroiden erfolgt die Kartierung der Asteroidenoberfläche. OSIRIS-REx wird ausserdem den Einfluss der Erwärmung der Asteroidenoberfläche auf den Bahnverlauf des Asteroiden vermessen. Danach wird die Bahn der Asteroidensonde so weit abgesenkt, dass OSIRIS-REx mit einem Auslegermechanismus Regolithgestein und Oberflächenstaub von Bennu aufnehmen kann. Danach soll OSIRIS-Rex den Rückflug zur Erde antreten und die Materialproben in einer Rückkehrkapsel in Erdnähe aussetzen. Nach einem Wiedereintritt wird die Rückkehrkapsel auf der Erdoberfläche auf der Utah Test and Training Range einschlagen.

Ein weiteres wichtiges Datum war der 7. September 2016. An diesem Tag passierte der Asteroid 2016 RB1 in einer Entfernung von circa 40.000 km die Erdoberfläche. Es gab keine Konflikte mit Wetter- oder Kommunikationssatelliten. 40.000 km ist tatsächlich ein Zehntel Abstand zwischen Erde und Mond. Der Durchmesser von 2016 RB1 lag zwischen 7 und 16 Metern. Der Asteroid wird zumindest in den nächsten 50 Jahren der Erde nicht wieder so nah kommen.

Prunarius Vortrag endete mit einem Szenario für eine Demonstrationsmission zur Asteroidenabwehr. Die Mission AIM (Asteroid Impact Mission) ist eine Kooperationsmission von ESA und NASA. AIM würde gleichzeitig auch der europäische Beitrag zur Mission AIDA (Asteroid Impact & Deflection Assessment Mission) sein. Sollte die ESA-Mission AIM genehmigt werden, wird eine Ariane 6.2 von Französisch-Guyana in 2020 starten und nach 18-monatiger Flugzeit den erdnahen Doppelasteroiden Didymos erreichen. Didymos wird von einem kleineren Asteroiden umkreist, der mit dem Namen Didymoon bezeichnet wird. Einige Monate nach der Ankunft von AIM bei Didymos wird die von der NASA zur AIDA Mission beigesteuerte DART-Sonde (Double Asteroid Redirection Test) sich dem Doppelasteroiden nähern und sich mit einer Geschwindigkeit von etwa 6 km/s in Didymoon stürzen. AIM wird den Impact beobachten und die Struktur von Didymoon und seine Umlaufbahn vor und nach dem Einschlag vermessen. Daraus können Schlüsse über die kinetische Wirkung eines Einschlags durch eine Sonde auf einen Asteroiden gezogen werden.

Am Freitag, dem 7. Oktober gab es sowohl Versammlungen der einzelnen ASE-Regionalverbände (ASE-USA, ASE-Russia, ASE-Europe, ASE-Asia) als auch eine Hauptversammlung der gesamten Organisation Association of Space Explorers, die allesamt nicht für die Öffentlichkeit zugänglich waren. In der Hauptversammlung wurde Dr. Bonnie Dunbar zur neuen Präsidentin der Association of Space Explorers gewählt. Damit wurde erstmals eine Frau an die Spitze dieser Vereinigung der Raumfahrer gewählt. Bonnie Dunbar übernahm die Präsidentschaft von Soichi Noguchi. Dieser hatte die Raumfahrervereinigung zwei Jahre als Präsident geführt und konnte nicht wiedergewählt werden. Der französische Astronaut Michel Tognini hatte danach alle ASE-Mitglieder zum nächsten ASE Planetary Congress nach Toulouse eingeladen. Der XXX ASE Planetary Congress wird vom 16. - 20. Oktober 2017 stattfinden und vom Gastgeber Michel Tognini in Zusammenarbeit mit der Cité de l’Espace organisiert.

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