28. ASE-Kongress – Stockholm und Växjö, Schweden (Teil 1/3)
Vom 21. bis zum 26. September 2015 fand in Schweden der diesjährige ASE (Association of Space Explorers) – Kongress statt.
Eröffnungsveranstaltung und erste technische Veranstaltung
Am Eingang des Grand Hotel in Stockholm waren in der dritten Septemberwoche Zäune aufgestellt, um grössere Menschenmengen zu bändigen. Es wurden dort Namen wie Bruce McCandless (STS-41B, STS-31; erster Flug eines Menschen im freien Weltraum), William Anders (Apollo 8 – erster bemannter Flug um den Mond), Alexei Leonow (erster Außenbordeinsatz eines Menschen im Weltraum), Rusty Schweickart (Apollo 9) und etwa 100 andere Astronauten und Kosmonauten aus 19 Ländern zum jährlichen Kongress der Association of Space Explorers (ASE) erwartet. Diese konnten das Hotel allerdings völlig unbehelligt und unauffällig betreten – die anwesende Fangemeinde wartete auf die Band U2, die im gleichen Hotel abgestiegen war.
Das Motto der Veranstaltung war „Inspired by Space“. Nicht nur bestand die Möglichkeit, sich in den technischen Sessions über neue Entwicklungen in der Raumfahrt zu informieren, auch schwärmten die Raumfahrer aus, um Schulklassen für Raumfahrt und Technik zu inspirieren. Neben den erwähnten Apollo- und Woschod-Erfahrenen waren verschiedene russische, amerikanische und internationale Shuttle-, Salyut- und MIR-Veteranen sowie aktive ISS-Raumfahrer dabei. Die öffentlichen technischen Veranstaltungen des Kongresses fanden in Stockholm und in Växjö statt.
ASE-Vorsitzender Soichi Noguchi mit ehemaligen ASE-Veranstaltungsorten (Bild: Kirsten Müller )
Thema der Eröffnungsveranstaltung am 21. September in der Konzerthalle in Stockholm war das Kongressmotto: Wie inspiriert und begeistert man die Jugend für den Weltraum? Heutzutage geht das am besten durch den Einsatz von Social Media. Paradebeispiel hierfür ist der kanadische Astronaut Chris Hadfield (STS-74; STS-100; Sojus TMA-07M / ISS-34 / ISS-35), bekannt durch seine ISS-Version von David Bowies „Space Oddity“, die durch alle Social Media – Kanäle ging. Er wusste zu berichten, dass er während seiner Mission etwa 1,5 Millionen Follower auf Twitter hatte und dass – inspiriert durch seine Erfahrungsberichte von der ISS – während seiner Mission die Klickzahlen auf Wissenschafts-Websites enorm anstiegen. Die kanadische Bank fand seinen Flug gar so inspirierend, dass sie eine neue 5-Dollar-Banknote mit Raumfahrtmotiven herausbrachte.
Chris Hadfield (Bild: Kirsten Müller )
Die Notwendigkeit von Menschen im Weltraum wurde von der russischen Kosmonautin Elena Serova betont. Die Astronauten können vom Orbit aus Naturkatastrophen und die Einflüsse der globalen Erwärmung auf die Erde sehen. Nicht nur können sie damit die Wissenschaftler auf der Erde bei der Forschung zur Prävention unterstützen, sondern auch später aus eigener Erfahrung beim allgemeinen Publikum das Bewusstsein darüber erhöhen.
Samantha Cristoforetti (Sojus TMA-15M / ISS-42 / ISS-43), italienische ESA-Astronautin und Inhaberin des Langzeitrekords für Frauen im Weltraum (199 Tage und 16 Stunden) hob schließlich die Bedeutung ihrer ISS-Experimente für die Erde hervor. Nicht nur verrichtete sie viel Arbeit im ESA-Columbus-Modul, auch verbrachte sie im Weltraum und verbringt sie auf der Erde viel Zeit mit Outreach-Aktivitäten.
Der Weltraum inspirierte auch Anders Ynnerman, Professor der Universität Linköping / Norrköping bereits im Alter von 6 Jahren. Er hatte sich – leider erfolglos - als Astronaut beworben und ist jetzt neben seiner Professur in Linköping Gründer des Norrköping Visualization and Interaction Studio (NVIS). Unter anderem entwickelt er dort ein Programm, mit dem man nicht nur in real time die momentane Position der ISS, sondern auch Planetenpositionen bis hin zum gesamten bekannten Universum visualisieren kann. Weiterentwicklung wird dann die Software Open Space sein.
Auch junge Leute von heute träumen von einer Laufbahn in der Physik und Raumfahrt, wie zum Beispiel die Gewinnerin eines Wettbewerbes, den die Organisation ausgeschrieben hatte. Wegen mangelnder Mathematikkenntnisse hat sie ihren Traum von der Physikkarriere aufgegeben, hat aber neue Inspiration durch das Internet gefunden und sorgt jetzt
durch Outreach über Twitter für Bewusstsein für die Raumfahrt.
Die erste technische Veranstaltung des Kongresses beschäftigte sich mit den Fortschritten und Zukunftsplänen der bemannten und unbemannten europäischen Raumfahrt. Jean-Jacques Dordain, ehemaliger ESA-Direktor, und Gerhard Thiele (STS-99), Astronaut und Leiter der ESA-Abteilung für bemannte Raumfahrt, strategische Planung und Outreach, hatten eher Allgemeines und Politisches zu berichten. Spezieller wurde Patrick Sundblad von der KTH Stockholm mit einem Vortrag über die Fortschritte der ISS-Forschung vor allem im medizinischen Bereich und deren Vorteile für die Medizin hier auf der Erde. Zum Beispiel gibt es Spacelab- und ISS-Experimente, bei denen die Augenbewegungen der Versuchspersonen in der Schwerelosigkeit untersucht werden. Spinoff dieser Experimente war ein Eye Tracking Device, das jetzt weltweit bei Laser-Augenkorrektionen genutzt wird. Ein anderes Beispiel ist ein telediagnostisches tragbares Ultraschallgerät, mit dem Ärzte auf der Erde die Gesundheit der ISS-Besatzung im Auge behalten können. Dieses kann auch angewandt werden, um aus der Entfernung in ländlichen Gegenden in Entwicklungsländern die Bewohner ärztlich zu untersuchen. Asthmatiker können einen Vorteil haben von einem tragbaren Gerät, das den Stickstoffmonoxidgehalt in der Atemluft messen und so mögliche Atemwegsentzündungen feststellen kann. Mit diesem Gerät lässt sich auch die Wirksamkeit von Medikamenten untersuchen und dann eventuell die Medikamentendosierung anpassen.
Auch wurde wieder auf den sowohl für Besatzungen von Langzeitmissionen als auch für älter werdende Menschen relevanten Verlust an Knochensubstanz eingegangen. Dieser lässt sich durch regelmäßiges Bewegungstraining sowie durch Einnahme von exra Vitamin D einschränken. Beschleunigt wird der Knochenabbau allerdings durch Erhöhen des Säuregrades im Körper, als Folge der Einnahme hoher Salzkonzentrationen.
Als eines der Hauptrisiken in der bemannten Raumfahrt wird jedoch die Verschlechterung des Sehvermögens gesehen, die die meisten Raumfahrer trifft. Ursachen hierfür könnten Ernährung und genetische Veranlagung sein. Die Forschng auf diesem Gebiet wird fortgesetzt.
Rosetta Flight Director Andrea Accomazzo (ESA) gab schließlich einen kurzen Überblick über die Geschichte der ESA-Kometenforschung und präsentierte Grafiken und Filme von Rendezvous, Orbit und Landung auf dem Kometen 67P Churyumov-Gerasimenko.