13.12.2015 / Autor: Kirsten Müller Portal > Veranstaltungen

28. ASE-Kongress – Stockholm und Växjö, Schweden (Teil 2/3)

Vom 21. bis zum 26. September 2015 fand in Schweden der diesjährige ASE (Association of Space Explorers) – Kongress statt.


Zweite technische Veranstaltung

Thema der zweiten technischen Veranstaltung waren die Updates der ISS-Forschung aus der Sicht der verschiedenen Partner. Nach einem Grusswort von Astronaut Scott Kelly aus der ISS berichtete zuerst Thomas Marshburn (STS-127; Sojus TMA-07M / ISS 34 / ISS 35) aus der Sicht der USA. Für den ehemaligen Fliegerarzt mit fünf Monaten ISS-Erfahrung lag der Schwerpunkt des Vortrages auf den medizinischen Herausforderungen von Langzeitflügen. Hauptrisiken sind - neben dem bereits erwähnten Muskel- und Knochenschwund, der Augengesundheit und der Nahrung – die ionisierende kosmische Strahlung und die Effekte auf Herz und Blutgefässe. Die ionisierende Strahlung ist auch für Piloten relevant. Sie gilt nicht nur als krebserregend, sondern kann auch negative Effekte auf das Nervensystem haben und für Degenerierung des Herz-Kreislauf-Systems sorgen. Über den Knochenschwund und den Verlust der Sehstärke im Weltraum erwähnte Marshburn ähnliche Problemlösungsansätze wie am Tag zuvor Patrick Sundblad. Als Ursache der Augenprobleme wird die Fluid Shift – der Effekt, dass sich in der Schwerelosigkeit die Körperflüssigkeiten in den oberen Bereich des Körpers bewegen – angesehen.

Nach einigen statistischen Informationen zur ISS-Nutzung – die Partnerstaaten nutzen die ISS mehr und mehr – ging Marshburn noch auf einige Top-Untersuchungsergebnisse aus verschiedenen schon erwähnten Gebieten mit teilweise potentiellem Nutzen für die Erde ein.

JAXA–Astronautin Chiaki Mukai beschrieb schließlich Geschichte und momentanen Status der japanischen Weltraumforschung. Japan trägt zur ISS das im Jahr 2009 fertiggestellte Modul Kibo (deutsch: Hoffnung) und die unbemannten Versorgungsraumschiffe H II Transfer Vehicles (HTV) bei. Begleitet werden diese vom japanischen Kontrollzentrum Tsukuba aus. Nicht nur werden dort Experimente ausgeführt, auch haben die japanischen Astronauten regelmäßig Kontakt mit Schulen, um die Schüler für Raumfahrt und Technik zu inspirieren. Die japanischen Forschungsgebiete unterscheiden sich nicht viel von denen der anderen ISS-Partner. Die Japaner haben ein Experiment mit Zebrafischen an Bord, um an deren Beispiel den Muskelschwund bei Schwerelosigkeit zu untersuchen. Auch plant man KIBO kommerziell zu nutzen: Für Proteinkristallisation und das Aussetzen von japanischen und internationalen CubeSats. Ein Zukunftsplan Japans ist, mit einer eigenen Epsilon-Rakete 2018 die unbemannte Sonde SLIM (Smart Lander for Investigation Moon) auf dem Mond zu landen und dabei Techniologien zu entwickeln, mit denen man auf einem Himmelskörper ganz genau auf einem gewünschten Punkt landen kann.

Die Weltraumforschung im Gastgeberland Schweden wurde dann in einer Präsentation über mögliche Modelle des Universums und sechs kurzen Vorträgen vorgestellt.

Dritte technische Veranstaltung

Die dritte technische Veranstaltung stand im Zeichen von 50 Jahren EVA (Außenbordtätigkeiten). Diese werden manchmal etwas despektierlich als Weltraumspaziergang bezeichnet, aber dass es alles andere als ein Spaziergang ist, konnten fünf der Kongressteilnehmer aus eigener Erfahrung berichten. Der erste war ESA-Astronaut Luca Parmitano (Sojus TMA-09M / ISS-36 / ISS-37), der während seines ISS-Aufenthaltes zwei Ausstiege gemacht hatte. Außenbordtätigkeiten, so gab er an, hätten weniger wissenschaftliche Zwecke, sondern seien eher wichtig für die Erkundung des Weltraums. Aus seinen eigenen Erfahrungen erzählte er, ein Außenbordeinsatz sei so ermüdend wie ein Marathon und das Arbeiten mit dem Handschuh fühle sich an, als ob man sechs Stunden lang in einen Tennisball hineinkneife. Außerdem ist ihm bei seinem zweiten Außenbordeinsatz Wasser aus dem Raumanzug in den Helm gelaufen, weswegen dieser Einsatz abgebrochen werden musste. Wie er in der anschließenden Frage- und Antwortrunde angab, fühlte er sich mit dem Wasser im Helm und im Anzug – auch durch die dichten Druckhandschuhe - mental ziemlich isoliert, vor allem weil das Wasser gerade beim im Weltraum ziemlich schnell stattfindenden Sonnenuntergang in seinen Helm lief. Für alle Notfälle hat man aber in der Raumfahrt Checklisten, mit denen man solche Probleme lösen kann.

Oleg Kotov (Sojus TMA-10 / ISS-15; Sojus TMA-17 / ISS-22 / ISS-23; Sojus TMA-10M / ISS-37 / ISS-38) ist eigentlich Arzt und wurde später zum Kosmonauten ausgebildet. In den Jahren 2007, 2010 und 2013 hat er ISS-Langzeitmissionen geflogen, 2013 mit 8 Stunden und 7 Minuten den längsten russischen Außenbordeinsatz überhaupt absolviert. Er erzählte vom Training und von technischen Aspekten. Beim Training gibt es immer wieder Diskussionen über die Planung und die Effizienz von Außenbordeinsätzen. Es dauert etwa 7 bis 8 Stunden, sich den Raumanzug anzuziehen und den Außenbordeinsatz vorzubereiten, bis die Schleuse in den offenen Weltraum geöffnet werden kann. Ingenieure und Ärzte überlegen sich, wie man das effizienter gestalten kann.
Kirsten Müller

US-Astronaut Bruce McCandless
(Bild: Kirsten Müller)

Auf die Geschichte der Außenbordeinsätze und auf verschiedene amerikanische, russische und chinesische Raumanzugsysteme ging Bruce McCandless (STS-41B; STS-31) ein. 1966 als Astronaut angefangen, war er Capcom der Apollo 11-Mission, bei der erstmals Menschen auf dem Mond landeten. Weltbekannt ist aber das Bild von ihm selbst, auf dem er als erster Mensch in einer MMU (Manned Manoeuvring Unit) frei und ohne Verbindung mit dem Raumschiff im Weltraum schwebt. Dazu sagte er, das Besondere an diesem Bild sei eigentlich, dass man sein Gesicht nicht sieht und dass es deshalb jeder sein könne, der da schwebt.

Mit M-509 war in den USA ein ähnliches System entwickelt und auch in der Raumstation Skylab ausprobiert worden, man hat damit aber nie einen Außenbordeinsatz geflogen. Man kann es wohl sehen als eine Vorstufe des MMU für den Shuttle. Das MMU ist für starke körperliche Arbeit ausgelegt und während seinem eigenen Einsatz fiel McCandless auf, dass die Wasserkühlung ziemlich intensiv arbeitete und es in der MMU sehr kühl war. Noch zweimal ist das MMU eingesetzt worden, aber nach der Challenger-Explosion und den daraufhin strikter gewordenen Bestimmungen wurde es nicht mehr in dieser Art benutzt.

Der japanische Astronaut Soichi Noguchi (STS-114; Sojus TMA-17 / ISS-22 / ISS-23) gehörte zur Besatzung der “Return to flight”- Mission STS-114, der ersten Mission, nachdem die Raumfähre Columbia bei der Landung in der Atmosphäre verglüht war. Als Ursache des Verunglückens der Raumfähre wird der Verlust von Hitzeschutzkacheln gesehen. Bei zukünftigen Missionen sollten Außenbordeinsätze eingeplant werden, um die Hitzeschutzkacheln zu kontrollieren und gegebenenfalls durch Anbringen eines speziellen Leims mit Pistole (Goo Gun) zu reparieren. Selbst hat er das während der STS-114-Mission simuliert.
Kirsten Müller

Alexej Leonow erzählt über seinen Ausstieg
(Bild: Kirsten Müller)

Carl Walz (STS-51; STS-65; STS-79; STS-108 / ISS-04 / STS-111) schließlich hat auf seinen Missionen sowohl mit dem amerikanischen Raumanzug als auch mit dem russischen Orlan-Anzug Außenborderfahrung gesammelt und vorher für beide Anzüge die entsprechenden Trainings absolviert. Er deutete die zukünftigen Pläne für Raumanzüge an. Nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven NASA-Astronautendienst hat er sich bei der NASA mit Raumanzugsystemen beschäftigt, hat aber seinen Vortrag für den Kongress eher allgemein gehalten. Die zukünftigen Pläne konzentrieren sich auf Raumanzüge, mit denen man sich auf der Oberfläche eines Himmelskörpers aufhalten kann.

Schließlich wurde noch ein Film über Alexej Leonovs Ausstieg, den ersten in der Geschichte, gezeigt, den Leonov daraufhin kommentierte. Er erzählte nicht nur von seinem Außenbordeinsatz, sondern vor allem von seinem Kollegen Juri Gagarin, den er als neugierig, und auch als “coolen Piloten” bezeichnete, welcher alles strikt nach Vorschrift befolgte.

Man konnte den Raumfahrern aber nicht nur bei den technischen Veranstaltungen begegnen, auch hat die ASE eine Party mit Konzert der Astronautenband Max Q veranstaltet. Dort konnte man sich nicht nur die Musik anhören, auch bestand die Gelegenheit zum Gespräch und nettem Beisammensein mit einigen der anderen Raumfahrer. Größtenteils waren bei dieser Party amerikanische Astronauten anwesend.

Außerdem waren die Raumfahrer eingeladen bei Firmen wie SAAB und Ikea, und strömten aus in die Schulen und Universitäten, um die Jugend für Raumfahrt und Technik zu inspirieren.
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