20.12.2015 / Autor: Kirsten Müller Portal > Veranstaltungen

28. ASE-Kongress – Stockholm und Växjö, Schweden (Teil 3/3)

Vom 21. bis zum 26. September 2015 fand in Schweden der diesjährige ASE (Association of Space Explorers) – Kongress statt.

Vierte und fünfte technische Veranstaltung Växjö

Die nächsten öffentlichen Veranstaltungen fanden in der Universität Växjö im Süden von Schweden statt. Dort stieß auch der erste Däne im Weltall, der gerade von der ISS zurückgekehrte Anders Mogensen, dazu. Zwei Tage hatte er gerade in Dänemark verbracht und seine Mission war dort auf großes öffentliches Interesse gestoßen. Viele Kinder haben abends am Esstisch vom Weltraum geredet und ihm Zeichnungen geschickt.

In Växjö selbst wird nicht viel direkt raumfahrtbezogene Forschung betrieben, aber wohl Wissenschaft mit Bezug zur Raumfahrt. Die vierte technische Veranstaltung hatte als Thema zukünftige Raumfahrzeuge. Vorträge hierzu hielten Stephanie Wilson (NASA), Pavel Vinogradov (Russland) und Laetitia Garriott de Cayeux (privater Sektor).

Stephanie Wilson (STS-121; STS-120; STS-131) berichtete, dass die NASA momentan die ISS als eine Art Versuchsgelände sieht. Für die Zukunft wird geplant 2025 mit einer Erweiterung des SLS/Orion-Systems Menschen in den Mondorbit oder auf einen Asteroiden zu bringen und 2030 Menschen auf dem Mars zu landen. Bei der ISS sieht man in Zukunft auch private Unternehmen wie Boeing mit dem CST-100 “Starliner”, der auf einer Atlas V-Rakete gestartet wird, oder SpaceX mit dem Dragon auf Falcon 9 teilnehmen. Für den SpaceX Dragon wurde schon eine “Launch America Crew” aus den vier ISS-erfahrenen Astronauten Bob Behnken, Eric Boe, Doug Hurley und Suni Williams zusammengestellt. Momentan finden auch für Orion und für das EFT-1 Launch Vehicle Tests statt.

Pavel Vinogradow (Sojus TM-26 / MIR-24; Sojus TMA-8 / ISS-13; Sojus TMA-08M / ISS-35 / ISS 36) ist gleichzeitig mit Stephanie Wilson im Weltraum gewesen und stellte ein neues russisches Konzept vor, das dem von Boeing ähnelt. Einen Namen hat dieses Konzept noch nicht. Als ein Aufruf an die Bevölkerung kam, sich einen auszusuchen, kamen nämlich so viele gute Vorschläge, dass man keinen davon auswählen konnte. Das System wird für die fernere Zukunft – Lower Earth Orbit und Flug zum Mond – entworfen. Es wird doppelt soviel Platz haben wie die heutige Sojus und soll standardmäßig vier und, wenn nötig, auch sechs Passagiere transportieren können. Das Raumschiff wird aus zwei Modulen bestehen, dem oberen Besatzungsmodul, das auch wieder zur Erde zurückkehrt, und dem Maschinenteil. Letzterer wird in zwei Versionen entworfen, einer für den LEO und einer größeren, schwereren für den Mond und darüber hinaus. Insgesamt wird das System bis zu 395 Tagen arbeiten können. Das Besatzungsmodul soll zehnmal wiederverwendbar sein; hierfür wird auch ein neues temperaturbeständiges Kopplungsmodul entwickelt. Die Landung wird in drei Stufen erfolgen: Öffnung des kleinen Fallschirms, Öffnung des Hauptfallschirms, Landung. Danach gefragt antwortete Vinogradow, das Fahrzeug habe für die Landung keine Steuerung; mit dem Bremstriebwerk, das eine Stärke von 4,2 Tonnen habe, könne man aber den Abstieg bis auf Null verlangsamen. Auch werden die Abgasrohre drehbar sein.
Kirsten Müller

Owen und Richard Garriott
(Photo: Kirsten Müller)

Den privaten Sektor stellte Laetitia Garriott-de Cayeux, Vorsitzende und Mitgründerin der Firma Escape Dynamics vor, die sowohl einen Ehemann (Richard Garriott) als auch einen Schwiegervater (Owen Garriott) mit Weltraumerfahrung vorweisen kann. Sie stellte das schon von Ziolkovski angedachte, aber danach nicht mehr weiterentwickelte Konzept des elektromagnetischen Flugs in den Weltraum vor. Damit könne man einen Raumgleiter mittels elektromagnetischer Wellen in den Weltraum "hochbeamen". Mit einem Wärmetauscher an der Unterseite des Raumgleiters könne man dann Wasserstoff erwärmen, mit dem man die Düsen antreiben könne. Das habe gegenüber den heutigen chemischen Systemen den Vorteil, dass es preiswerter sei.

Die fünfte technische Veranstaltung am letzten öffentlichen Kongresstag hatte dann als Thema grundsätzliche Zukunftsideen. Der gerade aus dem Weltraum zurückgekehrte Däne Andreas Mogensen erzählte von seiner ISS-Mission und vor allem davon, wie er von der ISS aus den ESA-Roboter Eurobot bei ESTEC Noordwijk bediente, und damit das Modell einer Mondbasis reparierte. Auch berichtete er von dem Ausblick aus der Cupola und von den pulsierenden Blitzen, die er bei irdischen Gewittern sehen konnte. Anders als die Kollegen bei einigen Flügen vor ihm war er erst wieder nach zwei Tagen statt sechs Stunden nach dem Start an die ISS angedockt. Diese zwei Tage fand er ziemlich lange. Grund dafür war, dass die ISS vor seinem Start ein paar Manöver zur Höhenänderung geflogen war. Das beeinflusst den Anflugwinkel für die Sojus.

Mark Brown (STS-28; STS-48) ist jetzt Luft- und Raumfahrt-Consultant und meinte zur Zukunft der Raumfahrt, dass er mehr und mehr kommerzielle Satelliten kommen sehe. Vor allem die Cubesats und Mikrosatelliten finde er etwas dubios; sie schweben im Orbit herum ohne bestimmte Arbeit zu verrichten und könnten eventuell anderen im Weg sein. Waren es bis in die späten 80er Jahre vorwiegend Satelliten zu militärischen Zwecken, so werden heute größtenteils zivile Satelliten und zunehmend kommerzielle Satelliten gestartet.

Zu Reisen zum Mond gab er an, dass jetzt sechs Länder Mondprogramme hatten und haben: Russland, Europa, China, Japan, Indien und die USA. Man weiß aber noch nicht genau, welchen Herausforderungen man dann gegenüberstehen wird. Auch über den Flug zum Mars wird nachgedacht, das kann sich aber ein Land alleine finanziell nicht leisten. Deshalb ließe sich über die Gründung einer ISA (International Space Agency) nachdenken, wo jedes Land beitragen könne, was es hat: Geld, Technologie, Menschen und Anlagen. Zusammenfassend möchte er die Studenten inspirieren zu einem nötigen Durchbruch in der Weltraumtechnologie, um die möglichen Hindernisse zu überwinden.
Kirsten Müller

Bill Anders
(Photo: Kirsten Müller)

Nächster Vortragender war Apollo 8 – Veteran Bill Anders, der zusammen mit Jim Lovell und Frank Borman Weihnachten 1968 den ersten bemannten Flug um den Mond herum geflogen ist. Als Jüngster dieser Besatzung fühlte er sich immer “the junior guy”. Er nimmt noch nicht lange an ASE-Kongressen teil, gab sich beeindruckt von den Präsentationen und sah zwischen den Raumfahrern keine ideologischen Wettbewerbe. Ihn selbst hat damals die Sowjetunion inspiriert. Man war damals nicht getrieben durch Forschergeist, sondern eher durch das Space Race. In der Zwischenzeit konnte man auch die NASA nicht verändern, weil es noch immer die gleichen alten Verbindungen mit den gleichen Firmen gibt. Selbst überlegte er, einen großen Weltraumlaster (Space Truck) für alle – die Regierung, die Kommerziellen und die Wirtschaft – zu entwerfen. Er hat auch aktiv für den Shuttle geworben, vor allem auch, weil es, je grösser das Fahrzeug wurde, desto mehr Arbeitsplätze in Südost-Kalifornien geben würde.

Anatoli Iwanischin (Sojus TMA-22 / ISS-29 / ISS-30) berichtete von einem russischen Mondprojekt, um in der Polarregion Eis zu finden. Das könnte dort sein wegen Kollisionen mit Asteroiden. Man erhoffe sich damit Rückschlüsse auf das Entstehen des Sonnensystems. Auf der Mondoberfläche wird es über 100°C warm, dort kann es also kein Eis geben. Wenn, dann kann es nur ganz unten in Kratern zu finden sein, wo die Sonne nicht scheint. Beim Flug zu Asteroiden sieht er das Problem, dass es zu Kollisionen kommen kann. Auch auf das Projekt Exo-Mars ging er ein, mit dessen Daten man sich eine geeignete Stelle für eine eventuelle bemannte Landung aussuchen könne.

Zuletzt hielt Archäologieprofessor Cornelius Holtorf von der Linnaeus-Universität einen Vortrag über die Archäologie der Zukunft, hierbei sah er auch Weltraumarchäologie als potentielles Beschäftigungsfeld. Damit sind dann nicht nur die Fußspuren der Mondastronauten gemeint, sondern auch der Weltraummüll und eventuelle menschliche Landungsstellen auf anderen Himmelskörpern.

Die öffentlichen Veranstaltungen waren damit abgeschlossen. Darüber hinaus trafen sich die Raumfahrer auf einigen geschlossenen Veranstaltungen und Empfängen.

Der nächste ASE-Kongress wird im Oktober 2016 in Österreich stattfinden.
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