21.11.2016 / Autor: Kirsten Müller & Ingo Muntenaar Portal > Veranstaltungen

ASE-Kongress Wien 2016 (Teil 1/3)

Im Oktober 1991 war Franz Viehböck im Rahmen der Austromir-Mission der erste Österreicher im All. Anlässlich des 25jährigen Jubiläums seines Raumfluges trafen sich vom 3. bis zum 7. Oktober 2016 in Wien 104 Raumfahrer verschiedener Nationalitäten zum diesjährigen Kongress der Association of Space Explorers (ASE). Einige der Veranstaltungen im Rahmen dieses Kongresses waren für die Öffentlichkeit zugänglich.

Zu Beginn der Eröffnungsveranstaltung im Haus der Industrie gab es einleitende Worte von Gastgeber Viehböck (Sojus TM-13 / Sojus TM-12), vom ASE-Vorsitzenden Soichi Noguchi (STS-114; Sojus TMA-17; ISS-22 / ISS-23), von einigen Vertretern aus Politik und Industrie und eine aufgezeichnete Grußbotschaft aus dem Weltraum von der Expedition 49-Besatzung Anatoli Ivanishin, Kathleen Rubins und Takuya Onishi. Astronautin Stefanie D. Wilson (STS-121; STS-120; STS-131) erzählte vom 20-jährigen Jubiläum ihrer Astronautenklasse “The Sardines” (Auswahl der Astronautenklasse 1996) und wies auf die Vorteile der ISS hin, anschließend äußerte sich Viehböck nochmals zum 25. Jubiläum seines Fluges. Auch Alexej Leonov (Woschod 2; Sojus 19) erinnerte in einem Vortrag an die bemannte Raumfahrt in Russland im Jahr 1991. Da begann sich die russische Raumfahrt gerade für ausländische Kosmonauten zu öffnen. Franz Viehböck war einer der ersten, die für einen Flug zur Mir-Station in Swjosdny Gorodok (Ausbildungszentrum der russischen Kosmonauten in der Nähe von Moskau) trainiert haben. Leonov erinnerte auch an Carina Marie Viehböck, die nur wenige Stunden nach dem Start von Austromir in der Wiener Neustadt geboren wurde. Auch ihr Geburtstag hat sich somit am 02.10.2016 zum 25 mal gejährt.

Kirsten Müller

Österreichs Astronaut Franz Viehböck
(Bild: Kirsten Müller)
Die erste technische Session wurde von der Österreicherin Prof. Dr. Pascale Ehrenfreund, studierte Astronomin und Biologin, und seit dem 15. August 2015 Vorstandsvorsitzende des DLR, eröffnet. Sie stellte dem Publikum das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt vor und gab danach einen Ausblick auf die Zukunft der Raumfahrtindustrie aus deutscher Perspektive. ASE-Gastgeberland Österreich leistet im Vergleich dazu eher einen bescheidenen Beitrag in der europäischen Weltraumforschung, so Andreas Geisler von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft (FFG). Wann der nächste Österreicher ins All fliege, wisse man noch nicht, auch gebe es in Österreich keine vergleichbare Initiative wie “Deutschland sucht die Astronautin”. Die bemannte Raumfahrt habe eine niedrige Priorität und es sei dafür wenig Geld vorhanden.

Seitens der Industrie beleuchtete Dr. Oliver Juckenhöfel von Airbus Defense & Space die momentanen Entwicklungen in der Raumfahrt. Er benannte dabei rein kommerzielle Märkte wie die industrielle Forschung und den Weltraumtourismus, Hybridformen, wobei Weltraumagenturen ihre Aktivitäten erweitern in Richtung kommerzieller Bedingungen (z.B. SpaceX), und tatsächliche Vorbereitungen von bemannten Flügen zum Mond und zum Mars. So ist Airbus der hauptsächliche europäische Partner beim amerikanischen Orion-Programm, und hilft auch mit bei der Entwicklung von Technologien für unbemannte und bemannte Mondexplorationsmissionen. Ebenfalls arbeiten sie mit beim Space Tug und beim Programm Bartolomeo für kommerzielle ISS-Experimente.

Der ehemalige Astronaut Dominic “Tony” A. Antonelli (STS-119; STS-132) beschrieb daraufhin, nach dem Motto des Kongresses “Born to Explore”, das Szenario einer zukünftigen Marslandung. Der frühere Astronaut und heutige Aerospace Consultant Mark N. Brown (STS-28; STS-48) stellte “The 3rd Revolution in Earth Orbit” vor, womit er die Kommerzialisierung der Raumfahrt meinte. In seiner Präsentation zeigte er, dass sich in den letzten 25 Jahren mehr und mehr Länder in der Raumfahrt beteiligen und Satelliten in eine Erdumlaufbahn einschießen. Für die kommenden drei Jahre wird mit dem Start von neunmal so vielen Satelliten gerechnet wie jetzt aktiv sind. Dies wird in einer starken Erhöhung des Weltraummülls resultieren. Um diesen unter Kontrolle zu bekommen, müssten in den USA und international die Verteidigungsministerien, die Verkehrsministerien, Satelliten startende und betreibende Unternehmen und Versicherungen zusammenarbeiten und einen gemeinsamen “code of conduct” entwickeln. Die Wahrscheinlichkeit von einem Zusammenstoß zweier Satelliten wird durch die Zunahme von Satelliten im erdnahen Orbit deutlich höher. Mark Brown zeigte anhand einer Einspielung die Verunreinigung durch Weltraummüll und die damit verbundene Gefährdung im für die bemannte Raumfahrt wichtigen erdnahen Weltraum anhand der Flugbahnentwicklung durch die Kollision von Satelliten. Eine Einschätzung des heutigen und zukünftigen Satellitenmülls ist schon gegeben mit dem NASA-System ORDEM und dem JSpOC Debris Catalogue. Diesen müsse man weiter entwickeln zu einem “Gold Standard” Catalog. Hierbei könne die ASE mit einer Aufklärungskampagne eine Mitarbeit leisten.

Thema der zweiten technischen Session war die Zukunft der bemannten Raumfahrt. Claudia Kessler von HE Space stellte ihre Initiative “Deutschland sucht die Astronautin” vor. In der momentanen engeren Auswahl sind Kandidatinnen im Alter zwischen 23 und 49 Jahren. Eine bevorzugte Altersgruppe sei in ihrer Kampagne nicht benannt worden, sagte sie danach gefragt, bei der ESA gebe es das wohl. (Anm. d. Red.: Auf der Website der Kampagne bei den FAQ ist eine bevorzugte Altersgruppe angegeben: 27 bis 37 Jahre.) Die Kosten des Fluges werden sich auf 30 bis 40 Millionen Euro belaufen; diese sind bei weitem noch nicht durch Sponsorengelder zusammengetragen worden. Die Kandidatin, die ausgewählt wird, soll neben ihrem Training auch selbst durch Outreach-Aktivitäten ihr Sponsorgeld zusammen bekommen und etwa 2020 entweder mit der Dragon, mit dem Boeing CST-100 Starliner oder mit der Sojus-MS zur ISS fliegen. Ziel der Aktion ist es, Mädchen und Frauen für Naturwissenschaften und Technik zu begeistern. Auch wird das Projekt als eine Art Pilotprogramm für zukünftige kommerzielle Missionen gesehen. In ihrem Vortrag stellte Frau Kessler den aktuellen Stand der Aktivitäten für das Programm “Die Astronautin” vor. Bis zum Einsendeschluss Mitte 2016 gab es mehrere hundert Bewerberinnen. Eine Vorauswahl aus über 100 wurde über Vergleiche tabellarisch zusammengetragener Merkmale der Bewerberinnen getroffen. Der Zeitplan sieht vor, dass Ende Oktober ca. 80 Bewerberinnen zu einem Eignungstest in Hamburg zusammengezogen werden. Nach weiteren Tests und einer Begutachtung vor einer Auswahlkommission werden im Frühjahr 2017 zwei Anwärterinnen für die Initiative “Die Astronautin” benannt werden. Das DLR wird mit seiner langjährigen Erfahrung bei der Astronautenauswahl während des Auswahlprozesses hilfreich zur Seite stehen. Als großes Plus kann man aus der anfänglichen Datenerhebung der Bewerberinnen einen Mehrwert generieren, denn bei der letzten ESA-Astronautenauswahl im Jahr 2008 gab es sehr wenige deutsche Bewerberinnen um die wenigen Stellen im ESA Astronautenkorps.

Kirsten Müller

Ulf Merbold stellt eine kritische Frage
(Bild: Kirsten Müller )
Letzte Updates zu den amerikanischen kommerziellen Crewprogrammen gab es von E. Michael Fincke (Sojus TMA-4 / ISS-09; Sojus TMA-13 / ISS-18; STS-134). So wurden beim Starliner-Projekt seit dem letzten ASE-Kongress (September 2015 in Schweden) der Crew-Zugangsarm an die Atlas-Startanlage montiert. Seit letztem Jahr hat es auch Landetests mit der CST-100 Kapsel gegeben. Beim Dragon-Programm gab es einen erfolgreichen Fallschirmtest, aber auch die Explosion einer Falcon-Rakete mit integriertem Satellit auf der Startrampe.

Michael E. Lopez Alegria (STS-73; STS-92; STS-113; Sojus TMA-9 / ISS-14) stellte daraufhin die neue kommerzielle Raumstation Axiom vor, die als neues Ziel im LEO (Lower Earth Orbit) gesehen wird. Aus seiner eigenen Erfahrung als Astronaut wusste er zu berichten, dass er als Testpilot sich anfangs über das Phänomen Weltraumtourismus geärgert hat, seine Meinung habe sich aber während seines Fluges mit Anousheh Ansari grundlegend geändert. Frau Ansari ist eine absolute Expertin auf dem Gebiet der bemannten Raumfahrt und kann dieses bei Outreach-Aktivitäten hervorragend dem Publikum rüberbringen. Die Pläne mit Axiom sind, in den kommenden fünf Jahren ein Modul zu bauen, das erst mal Teil der ISS sein soll. In den darauf folgenden fünf Jahren ist geplant, weitere Elemente für die Axiom – Station zu bauen und in den Weltraum zu bringen. Das Axiom-Modul soll sich von der ISS abkoppeln und an diese neue Station angedockt werden. Längerfristig soll die Station sich dann weiter vergrößern und irgendwann eine Art große industrielle Weltraumstadt werden.

Abgeschlossen wurde der erste Tag mit einer Frage-Antwort-Sitzung auf dem Podium mit allen Referenten. Claudia Kessler als Initiatorin von “Die Astronautin” versuchte vor dem kompletten Auditorium im Vorlesungssaal, sich von den anwesenden amerikanischen Astronauten das Versprechen einzuholen, dass die erste deutsche Astronautin denn auch im amerikanischen ISS-Modul ihren Forschungen nachgehen dürfe. Dieses Versprechen vermochte sie allerdings niemandem der anwesenden Experten abzuringen.

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