28.11.2016 / Autor: Kirsten Müller & Ingo Muntenaar Portal > Veranstaltungen

ASE-Kongress Wien 2016 (Teil 2/3)

Im Oktober 1991 war Franz Viehböck im Rahmen der Austromir-Mission der erste Österreicher im All. Anlässlich seines 25jährigen Jubiläums trafen sich in Wien 104 Menschen aus verschiedenen Ländern mit Weltraumerfahrung in verschiedenen Programmen zum diesjährigen Kongress der Association of Space Explorers (ASE). Einige der Veranstaltungen waren für die Öffentlichkeit zugänglich.

Am zweiten Veranstaltungstag, dem 4. Oktober 2016, jährte sich zum 59. Mal der Start von Sputnik 1. Dieses wurde in den Veranstaltungsräumen im Kuppelsaal der Technischen Universität von vielen der Vortragenden immer wieder erwähnt und gewürdigt.

Thema der dritten technischen Session waren die internationalen Raumfahrtprogramme. Sergej Krikaljow (Sojus TM-7 / Mir-4; Sojus TM-12 / Mir-9 / Mir-10 / Sojus TM-13; STS-60; STS-88; Sojus TM-31 / ISS-01 / STS-102; Sojus TMA-6 / ISS-11) fasste zuerst die allgemeine Geschichte der internationalen Raumfahrtprogramme zusammen. In der internationalen Kommunikation habe es manchmal Schwierigkeiten gegeben – der Vergleich zum Turmbau von Babel drängte sich auf - jedoch wurden diese mit dem gemeinsamen Ziel vor Augen überwunden.

Kirsten Müller

Sechsfach-Kosmonaut Sergej Krikaljow
(Bild: Kirsten Müller )
Japans Beitrag zu diesem Programmpunkt war der Vortrag von Kimiya Yui (Sojus TMA-17M / ISS-44 / ISS-45) über seinen ISS-Aufenthalt. Diesen fing er auf Russisch an, wechselte aber bald in die englische Sprache. Schon als zehnjähriger Junge wollte er Astronaut werden, sollte aber nach japanischer Tradition als Erstgeborener den Bauernhof seines Vaters übernehmen und Felder bewirtschaften. Schließlich ging er zur Militärschule; damit kann man jedoch in Japan auch kein Astronaut werden. Davon abgesehen gab es zu dem Zeitpunkt in Japan noch keinen Astronautenkader. Von der Militärschule über die Ausbildungen zum Piloten, Kampfpiloten, Fluglehrer und Testpiloten schaffte er es schließlich tatsächlich zum Astronauten. Er betrachtete jede Karrierestufe mit sehr viel Respekt und Demut. Das durchzog seinen gesamten Vortrag. Er war am Anfang jeder seiner Ausbildungs- und Karrierestufen immer der “Rookie”-gewesen, “Rookie”-Pilot, “Rookie”-Staffelkapitän, usw. Jetzt endlich nach seinem Raumflug könne man ihn “Veteran” nennen, aber nach seinem Raumflug bezeichnet er sich immer noch als “Rookie”-Astronaut, da er im Gegensatz zu vielen erfahrenen Raumfahrern, die seinen Vortrag hörten, noch sehr viel Erfahrung als Astronaut sammeln muss.

Während eines Films über seine Mission erzählte er unter anderem die folgende Anekdote: Es gilt in Japan als höflich, sich vor einer ranghöheren Person zu verbeugen und nicht auf sie hinabzuschauen. Als er also während seines Weltaumaufenthaltes einen inflight-Anruf des japanischen Präsidenten bekam, entschuldigte er sich bei diesem: “Verzeihen Sie, dass ich auf Sie hinuntergucke”. Außenbordeinsätze habe er während seines ISS-Aufenthaltes nicht absolviert, wohl habe er mit dem Züchten des ersten Salates im Weltraum doch noch den Traum seines Vaters nach ein wenig Landwirtschaftskarriere erfüllen können und daher kann sein Vater nun sehr stolz auf ihn sein.

Der NASA Astronaut Joseph M. Acaba (STS-119; Sojus TMA-04M / ISS-31 / ISS-32) hat vom derzeitigen ISS-Status berichtet und gab auch einen Ausblick auf zukünftige Planungen zur Modernisierung der Raumstation. Auf der ISS bekamen das Steuerungssystem und einige Software ein Upgrade und Update, und es sind External High Definition Cameras (EHDC) eingebaut worden. Auch im Mission Control Center wurde das eine und andere erneuert. Die Energieversorgung auf der ISS wird durch das System SPARTAN unterstützt, auch schaut man nach Möglichkeiten, neben den Solarzellen auf andere Weise Strom zu erzeugen. Mit dem HTV-6 wurden Lithium-Ionenbatterien zur ISS geschickt. Außerdem erwähnte er eine modifizierte Feuerlöschergeneration und neue Möglichkeiten zur Kohlenstoffdioxid-Kontrolle, den Einbau eines neuen Racks und Modifikationen im Labor, sowie das Bigelow Expandable Activity Module (BEAM).

BEAM ist ein druckbeaufschlagtes Modul der Firma Bigelow, welches im Auftrag der NASA temporär im Zeitraum 2016/2017 an die internationale Raumstation angekoppelt bleibt. Das Modul wurde am 08.04.2016 im nicht-druckbeaufschlagtem Nutzlastmodul der Dragonkapsel mit SpaceX / CRS-8 gestartet. Mit dem Space Station Remote Manipulator System (SSRMS) wurde BEAM an den Aft-Port des Tranquility-Moduls der ISS angedockt. Wohldosiert wurden die internen Lufttanks des BEAM-Moduls geöffnet, so dass sich das Modul entfalten konnte. Vor dem ersten betreten des BEAM-Moduls erfolgte ein Druckausgleich zwischen ISS und BEAM. Astronaut Jeffrey A. Williams betrat am 06. Juni 2016 erstmalig das neue Modul, um Luftproben zu entnehmen und Sensordaten aufzunehmen. Die Verbindungsluke zwischen BEAM und dem Tranquility Verbindungsknotenmodul ist aus Sicherheitsgründen normalerweise geschlossen. Nur für weitere Tests wird die Luke temporär geöffnet.

Für das Beleuchtungssystem der ISS ist geplant, nach und nach LED-Lampen einzusetzen.

Auch beschrieb Acaba neue Entwicklungen des PLSS (Primary Life Support System) der Raumanzüge für Außenbordaktivitäten und erwähnte, dass man einen Raumanzug, in den man von hinten einsteigen kann, praktischer fände. Ansonsten hat man herausgefunden, dass das Sequenzieren von DNA in der Erdumlaufbahn möglich ist, und wird sich, nach dem beinahe ein Jahr langen ISS-Aufenthalt von Scott Kelly, in Zukunft weiterhin der Zwillingsforschung widmen.

Taikonaut Yang Liwei (Shenzhou V), Chinas erster Raumfahrer, erzählte von den Plänen und Entwicklungen des chinesischen Raumfahrtprogramms. Dieses entwickelte sich eigentlich in drei Schritten: Von 2011 bis 2013 hat es schon einige Premieren gegeben. Am 25 Juni 2016 ist vom neuen Startkomplex Wenchang aus die neue Rakete CZ-7 gestartet worden, am 15. September 2016 das eigene Weltraumlabor Tianggong 2. Der Start der bemannten 30-tägigen Mission Shenzhou-11 hat nach dem ASE-Kongress stattgefunden, wurde aber im Vortrag von ihm angekündigt. Lediglich eine Besatzungsgröße wurde angegeben. Namen der Taikonauten waren weder auf den Folien verzeichnet noch wurden sie im Vortrag genannt. Für die erste Hälfte von 2017 ist der Start des Frachttransporters Tianzhou-1 geplant. Von den Starts der CZ-7 Rakete und des Raumlabors zeigte der Taikonaut einen Film. Für 2022 ist geplant, die chinesische Raumstation operationell zu haben.

Frank De Winne (Sojus TMA-01 / Sojus 34; Sojus TMA-15 / ISS-20 / ISS-21), als Vertreter der ESA, beschrieb schließlich den europäischen Beitrag zur Raumfahrt. Sowohl bemannt als auch unbemannt habe man die Ziele LEO (Low Earth Orbit), Mond und Mars. Hierbei wolle man mit anderen Partnern zusammenarbeiten und zum Beispiel auch Servicemodule für die Orion-Missionen bauen. Auch erwähnte er die Analogmission CAVES (Cooperative Adventure for Valuing and Excercising human behaviour and performance Skills), die von der ESA als Bodenbegleitprogramm eingeführt wurde. Einmalig nimmt jeder ESA Astronaut an dieser Erkundungsmission in einem Höhlensystem teil. Dieses Programm wird von Spezialisten erarbeitet und begleitet. CAVES wurde 2011 etabliert und seitdem sind Astronauten von NASA, JAXA und Roscosmos als Experimentteilnehmer beteiligt. Mit Ye Guangfu hat erstmalig ein chinesischer Taikonaut bei der Mission CAVES 2016 teilgenommen. In der anschließenden Podiumsdiskussion wusste Frank De Winne außerdem zu berichten, dass drei ESA-Astronauten momentan Chinesisch lernen (Anmerkung der Redaktion: Luca Parmitano und Samantha Cristoforetti haben am LSI (Landesspracheninstitut in der Ruhr-Universität Bochum) bereits einen Chinesisch-Sprachkursus besucht.) Des weiteren intensivieren die chinesische Raumfahrtagentur und die ESA den gegenseitigen Kulturaustausch. Das Shenzhou XI Raumschiff (gestartet am 16.10.2016) hat bereits europäische Weltraumnahrung an Bord. Demnächst würde auf der ISS auch chinesische Weltraumnahrung im Angebot sein. Auch gibt es bereits Überlegungen, einen europäischen Astronauten an Bord eines chinesischen Raumschiffes zu fliegen. Weitere Einlassungen zu diesem Thema gab Frank De Winne allerdings nicht.

Der Vortragsblock nach der Pause stand im Zeichen des Kongressmottos “Born to explore”. Neugier ist dem Menschen eigen, so Moderatoren Alexander Alexandrov (Russland, Sojus T-9; Sojus TM-3 / Mir-2) und Sheikh Muszaphar Shukor (Malaysia, Sojus TMA-11 / Sojus TMA-10); sowohl die Entdeckungsreisenden im 15. und 16. Jahrhundert als auch die Menschen heute haben durch ihre Neugier den menschlichen Horizont erweitert.

Kirsten Müller

Viktor Savinych
(Bild: Kirsten Müller )
Von seinen eigenen Erfahrungen auf der Salyut 7 Raumstation erzählte Viktor Savinych (Sojus T-4; Sojus T-13 / Sojus T-14; Sojus TM-5 / Sojus TM-4). Zusammen mit seinem Kollegen Vladimir Dzhanibekov dockte er am 08. Juni 1985 mit Sojus T-13 an Salyut 7 an, die zuvor acht Monate lang unbewohnt gewesen war. Ein defekter Sensor hatte die Ausrichtung der Solarzellenmodule verhindert, so dass die Batterien entladen waren. Salyut 7 war komplett inaktiv, da kein System mit bordeigenem Strom versorgt werden konnte. Die Raumstation war ausgekühlt und unwirtlich. Die Kosmonauten trugen an den ersten Tagen in der Raumstation ihre Winterbekleidung inklusive Mützen. Nachdem man die Energieversorgung repariert hatte, konnten die nicht zerstörten bordeigenen Batterien wieder aufgeladen werden. Sukzessive wurde die Luftaustauschanlage und die Lagekontrolle der Raumstation wieder zugeschaltet. Ende Juni waren die Wassertanks der Raumstation wieder aufgetaut. Bis zum Missionsende von Sojus T-13 am 25. September 1985 führten Vladimir Dzhanibekov und Viktor Savinych gemeinsam wissenschaftliche Forschungsaufgaben an Bord von Salyut 7 durch.

Der malayische Kosmonaut Sheikh Muszaphar Shukor wollte als kleines Kind schon in den Weltraum fliegen und ist deshalb Arzt geworden. Malaysia wollte einen Menschen in den Weltraum schicken, um sich als entwickeltes Land darzustellen. Shukor war aus 12.000 Kandidaten ausgewählt worden. Die nächsten Pläne der malayischen Regierung sind es, 2030 eine Frau in den Weltraum zu schicken, “weil sie multitasking sind”.

Auch die zwei nächsten Referenten sind ausgebildete Ärzte. Dafür, dass sie recht kurzfristig gebeten worden waren, eine Präsentation zu geben, diese also ziemlich ad hoc vorbereitet werden mussten, waren ihre Präsentationen sehr gut gelungen. Über die Japanerin Chiaki Mukai (STS-65; STS-95) hat ihr amerikanischer Crewkollege, Raumfahrtlegende John Glenn (Mercury 6; STS-95) gesagt, er habe noch nie jemanden mit so viel Energie gesehen. Eigentlich war Chiaki Mukai Ärztin geworden, um ihrem kranken Bruder zu helfen. Im Alter von 32 Jahren sah Mukai einen kleinen Zeitungsartikel in dem Japan einen Weltraumkandidaten suchte. Daraufhin spezialisierte sie sich auf Weltraummedizin und machte als Astronautin Karriere; mit ihrer Spezialisierung kann man auch Leuten auf der Erde mit dem Krankheitsbild Osteoporose helfen.

Bei ESA-Astronaut André Kuipers (Sojus TMA-4 / Sojus TMA-3; Sojus TMA-03M / ISS-30 / ISS-31) war der Traum vom Weltraumflug schon in seiner frühen Jugend präsent. Mit einem Filmbeitrag gab André Kuipers seine Erfahrungen über das Leben auf der Raumstation ISS wieder.

Auch im zweiten Vortragsblock des Nachmittags war das Motto “Born to explore”. Dies war eine gemeinsame Veranstaltung des ASE mit dem IAF (International Astronautical Federation).

Auf Einladung des OEWF (Österreichisches Weltraum Forum) hielt Prof. Dr. Lisa Kaltenegger einen Vortrag über ihr Forschungsgebiet der Exoplaneten. Prof. Kaltenegger ist eine österreichische Astronomin und Astrophysikerin, seit 2014 Associate Professor an der Cornell University (Anmerkung der Redaktion: Privatuniversität bei New York) und seit 2015 Direktorin des dortigen Carl Sagan Institute. Prof. Lisa Kaltenegger sucht nach extrasolaren erdähnlichen Planeten, sogenannten Exoplaneten. Sie berichtete, dass alle bis jetzt bekannten Exoplaneten einen Abstand von mindestens 1000 Lichtjahren von der Erde haben. Detektieren kann man solche Exoplaneten über minimalste Helligkeitsunterschiede, wenn ein Exoplanet kurzzeitig seinen Stern bedeckt. Bei einem Transit, bei dem der Planet von der Erde aus gesehen vor dem Stern vorbeizieht, verringert sich die Helligkeit nur um wenige Prozent. Diese Abdunklung ist bei einer gezielten Beobachtung gut zu messen. Finden diese charakteristischen Abdunklungen periodisch statt, so kann man von einem Planten in dem Sternsystem ausgehen. Es gibt momentan etwa 3.500 bestätigte und 4.700 unbestätigte Exoplaneten. Die Möglichkeit, dass es sich dabei um habitable Planeten handelt, kann nicht ausgeschlossen werden. Diese Exoplaneten könnten vielleicht ähnliche Leben beherbergen wie das irdische Bärtierchen, das sich an extremste Bedingungen anpassen kann.

Kanadas Beitrag zur bemannten Raumfahrt wurde sehr spannend von Julie Payette (STS-96; STS-127) beschrieben, die auch wieder einige Worte dem Kongressthema widmete und als konkretes Beispiel für Kanadas Raumfahrt den Canadarm auf der ISS nannte.

Danach referierte Dr. Gernot Grömer, Vorsitzender des Österreichischen Weltraum Forums (OEWF), das die Veranstaltung zusammen mit dem ASE ausrichtete. Das OEWF inspiriert die Jugend durch Outreach-Aktivitäten wie dem Bau von Wasserraketen, auch wählte es aus 100 Bewerbern fünf Kandidaten für die Ausbildung zum Analog Astronaut. Diese testen beispielsweise in Simulationen für zukünftige Marsmissionen den vom OEWF entwickelten Aouda Raumanzug.

Diskutieren Sie mit im Raumcon-Forum:
Diskussion zu diesem Artikel
 
Anzeige
Space 2017
Navigation

TrekZone Network

flattr

flattr? | Spenden

Anzeige
Anzeige

The Wave USA

Info
Leinwanddruck

Nach oben Anzeige - Raumlabor Kolumbus © Raumfahrer Net e.V. 2001-2017