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Autor Thema: Der Tag zieht den Jahrhundertweg  (Gelesen 1171 mal)

Offline dksk

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Der Tag zieht den Jahrhundertweg
« am: 03. April 2019, 17:47:30 »
Der Tag zieht den Jahrhundertweg

Tschingis Aitmatow – Reclam Ausgabe
… auch bekannt unter dem Titel „Ein Tag länger als das Leben“…
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Das Buch ist schon etwas älter. Ich habe es Ende der 1980er Jahre geschenkt bekommen, mit Hinweis,  dass im Inhalt die Themen Raumfahrt und die Kontaktaufnahme mit einer außerirdischen Zivilisation und die Reaktion der Großmächte darauf beschreiben ist.
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Habe seinerzeit ein paar Seiten gelesen – war aber irgendwie nicht mein Ding.
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Jetzt wieder aus dem Regal genommen und siehe da, kaum 30 Jahre älter und schon sage ich: „ein sehr beeindruckendes Buch!“
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Zum Inhalt:
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Eingebettet in eine mehrere Zeitebenen umfassende Geschichte im Gebiet der kasachischen Steppe und auch Mythen von Landschaften, Menschen, Tieren und deren Beziehungen zueinander wird u.a. das Thema einer Kontaktaufnahme mit einer hochentwickelten außerirdischen Zivilisation dargestellt.
Diese spielt in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts und nimmt Aspekte aus z.B. 2001/2010 auf und die internationale Zusammenarbeit z.B. ISS vorweg.
Basis der Kontaktaufnahme ist erst mal ein gemeinsames auf starkes Gleichheit und Gleichverteilung ausgelegtes Projekt zur Planetenexploration mit perspektivischer Rohstoffgewinnung, welches von den USA und der UdSSR durchgeführt wird, die nach dem SALT 7 Vertrag friedlich zusammenarbeiten.
Die Interessenskonflikte und Spannungspotentiale der beiden Großmächte werden durch den konzeptionellen Versuch der absoluten Parität der Handlungen möglichst minimiert.
Das ist gleichsam auch die zu erkennende Schwachstelle, quasi Handlungsunfähigkeit, die sich auf Basis dieses Programmes ergibt, als der erste Kontakt zwischen der außerirdischen Zivilisation und den Raumfahrern auf der gemeinsamen Raumstation zu Stande kommt.
Da wird dann auch aufgezeigt, die Menschen vor Ort müssen operativ Entscheidungen treffen. Der Stab auf der Erde hat oft durch die fehlende Unmittelbarkeit der Ereignisse sich selbst ein einfaches Handlungsbild entworfen, was der realen Situation aber nicht gerecht wird.
So kommt es auch, dass die beiden Raumfahrer auf der Station mit den Außerirdischen mitreisen und deren Planet und Zivilisation kennenlernen.
Schnell wird klar, dass sie (die Außerirdischen) der Erdzivilisation technisch und scheinbar auch gesellschaftlich überlegen sind – ABER ihre Umwelt auch im Argen liegt und sie der Endlichkeit ihres Daseins auf ihrem Heimatplaneten ins Auge blicken. Der fast schon klassische Entscheidungsstreit – bleiben und zur Lösung forschen – ODER gehen und zur Reise forschen wird klar erkennbar.
(erinnert da ein bisschen an „Interstellar“)

Nachdem die irdischen Raumfahrer ihre vielen neuen Erfahrungen zur Erde übermitteln, in der Hoffnung eine reale Verbindung der beiden Zivilisationen herstellen zu können, wird dies durch die irdischen Großmächte und Beratungen/Kommissionen jäh abgelehnt.
In Furcht vor den Auswirkungen alleinig der Information, im Kontakt mit außerirdischen hochentwickelten Zivilisationsleben zu stehen wird sofort alles unternommen, das Projekt zu beenden und alle Informationen zu vernichten.
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Die umrahmende Geschichte ist nicht weniger interessant. Reicht sie doch von der Nachkriegszeit in der Sowjetunion bis hin in mythische Zeiten der ersten Stämme der Steppe, über als Opfer willenlose Söhne, die bis zum Muttermord alle Tragik vergangener Tage in sich tragend. Konflikte unter Menschen, die die Stalin-Ära erleben und ertragen und sinnlose Opfer, einst als Kriegsheld und dann Volksverräter erbringen müssen. Das Hereinbrechen der Nach-Stalin-Ära stellt die Willkür von Handlungsverflechtungen nochmal eindrücklich dar, ebenso wie den inneren Bruch, nicht nur des Haupterzählers.
Weitere Brüche/Konflikte werden in mehreren Ebenen für das gesamte Menschenleben dargestellt.
Konflikte: Mensch/Tier – jung/alt – und auch tiefe Gefühle der Menschen -  offene Liebe/erfüllte Liefe/verborgene Liebe/unerfüllte Liebe.
Natureindrücke, Freundschaft, hartes Leben bilden den immer wiederkehrenden Boden der Erzählungen.
Es geht um gesellschaftliche Zwänge im Großen wie im Kleinen und deren Auswirkung auf das individuelle Leben.
Das ist dann auch die Basis für das Finale um die Entscheidung der Erdherrschenden mit einem unüberwindbaren Konflikt gegenüber der Erdzivilisation mal wieder auszusitzen und alles zu negieren.
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Als quasi Roadmovie beginnt die Geschichte mit dem Tod eines der Haupthelden, den sein bester Freund und Haupterzähler das letzte Geleit zu einer heiligen Begräbnisstätte geben will. Hier entspannt sich erst mal die Erinnerung an Etappen des gemeinsamen Lebens und Erlebens, bis hier ein weiterer Konflikt entsteht, der in der Unzugänglichkeit der heiligen Begräbnisstätten begründet durch Raketenstarts und dafür gesperrte Gebiete besteht. Und genau diese Raketenstarts stellen den direkten Bezug der letzten Etappe der irdischen Reaktion auf die außerirdische Zivilisation dar. Die Stationierung von Abwehrkampfrobotern um eine Wiederholung der Kontaktaufnahme durch die außerirdische Zivilisation verhindern soll.
Somit wird in einer durch die Großmächte geführten Operation die „globale Selbstisolation“ der
Erde umgesetzt.
Das Leben auf der Erde aber geht weiter – muss weiter gehen.

dksk

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