Im Rahmen der Hauptveranstaltung des Asteroid Day in Luxemburg hatte Raumfahrer.net am 28. Juni 2025 die Gelegenheit, Interviews mit den vier teilnehmenden Raumfahrern zu führen. Einer davon war der schwedische Raumfahrer Christer Fuglesang.
Autoren: Ingo Muntenaar und Kirsten Müller, Quelle: Veranstaltungsbesuch.
Christer Fuglesang ist ein europäischer Astronaut schwedischer Abstammung. Er wurde am 18. März 1957 in Stockholm, Schweden, geboren. 1981 erwarb er einen Master of Science in Ingenieurphysik an der Königlichen Technischen Hochschule (KTH) in Stockholm. 1987 promovierte er in experimenteller Teilchenphysik an der Universität von Stockholm, und 1991 wurde er an dieser Universität Dozent für Teilchenphysik. 2006 wurde er zum außerordentlichen Professor an der Königlichen Technischen Hochschule ernannt.
Bereits als angehender Doktorand forschte Fuglesang am Europäischen Forschungszentrum für Teilchenphysik (CERN) am UA5-Experiment über Proton-Antiproton-Kollisionen. 1988 nach seiner Promotion bekam er dort eine Festanstellung und arbeitete am CPLEAR-Experiment, das sich mit K-Mesonen beschäftigt. Nach einem Jahr wurde er Gruppenleiter am Teilchenidentifikations-Subdetektor. Im November 1990 erhielt Fuglesang eine Stelle am Manne-Siegbahn-Institut für Physik in Stockholm, blieb aber noch ein weiteres Jahr am CERN, wo er an dem neuen Projekt Large Hadron Collider (LHC) arbeitete.

Foto: Kirsten Müller
Christer Fuglesang bewarb sich für eine ausgeschriebene Stelle bei der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) als Astronaut. Er wurde im Mai 1992 für das Astronautenkorps der ESA mit Sitz im Europäischen Astronautenzentrum (EAC) in Köln, Deutschland, ausgewählt.
Im August 1996 trat Christer Fuglesang in die Klasse der Missionsspezialisten im Johnson Space Center der NASA in Houston, USA, ein. Im April 1998 qualifizierte er sich für den Einsatz als Missionsspezialist.
Christer Fuglesang verbrachte auf seinen beiden Raumflügen insgesamt 26 Tage, 17 Stunden und 37 Minuten im Weltraum, davon 31 Stunden und 54 Minuten bei fünf Weltraumausstiegen außerhalb druckbeaufschlagter Module.
Seine erste Space Shuttle Mission STS-116 erfolgte vom 9. bis 22. Dezember 2006. Während dieser Mission wurde von der Besatzung das P5-Gitterstrukturelement zur Raumstation befördert. In den nachfolgenden Tagen wurde das P5-Modul bei mehreren Außenbordeinsätzen in den Gitterstrukturelementverbund integriert. Die Missionszeit betrug 12 Tage, 20 Stunden und 45 Minuten. Bei drei Weltraumausstiegen verbrachte Fuglesang 18 Stunden und 14 Minuten im freien Weltraum.
Der zweite Raumflug von Christer Fuglesang STS-128 fand vom 29. August bis zum 2. September 2009 statt. Fuglesang konnte auf diesem Flug weitere 13 Tage, 20 Stunden und 53 Minuten auf seinem Flugkonto verbuchen, davon zwei weitere Weltraumspaziergänge mit einer Gesamtdauer von 13 Stunden und 40 Minuten. Dieser Flug war ein Logistikflug, bei dem das MPLM (Multi-Purpose Logistics Module) Leonardo zur Nutzlast gehörte. Es wurden Experimente und Flughardware zur Internationalen Raumstation (ISS) gebracht, um diese für eine sechsköpfige Besatzung auszurüsten.
Christer Fuglesang beendete im Jahr 2017 seine aktive Karriere als Astronaut bei der ESA.
Im Rahmen des Asteroid Day 2025 in Luxemburg trafen Kirsten Müller und Ingo Muntenaar den ESA-Astronauten Christer Fuglesang zu einem Gespräch.
Raumfahrer.net: Hatten Sie einen Masterplan in Ihrem Leben? Wann entstand der Wunsch, Astronaut zu werden? Oder war das Ganze eher Zufall? Einfach nach dem Motto: „Mal sehen was die Zukunft bringt. Ich probiere es einfach mal.“
Christer Fuglesang: Ich habe niemals studiert, um einmal Astronaut zu werden. Ich war immer an Mathematik und Physik interessiert. Mein größeres Interesse galt allerdings der Physik. Ich habe einen Doktorgrad in Physik erlangt. Dann habe ich eine Forschungsstelle bei CERN (Europäische Organisation für Kernforschung) außerhalb von Genf angeboten bekommen. Eines Tages habe ich dann in einer Tageszeitung eine Anzeige der ESA gelesen. Es wurden Astronauten für zukünftige Raumflüge mit europäischen Astronauten gesucht. Dann habe ich erst einmal überlegt. Sollte ich es wirklich mal in den Weltraum schaffen dann müsste ich jetzt aktiv werden.
Raumfahrer.net: Sie haben sich nur ein einziges Mal beworben.
Christer Fuglesang: Ja. Der Bewerbungsprozess hat sich über 2 Jahre hingezogen. Im Mai 1992 waren wir dann nur noch 6 Bewerber. Also wurden wir dann als 2. Bewerbergruppe zu ESA-Astronauten.
Raumfahrer.net: Sie waren das Ersatzcrewmitglied für Thomas Reiter auf seinem Sojus TM-22 / Euromir 95-Flug. Was sind die Hauptunterschiede zwischen der Ausbildung zum Missionsspezialisten für das Space Shuttle und der Ausbildung zum Flugingenieur für die Sojus? Oder was haben sie gemeinsam?
Christer Fuglesang: Gemeinsamkeiten sind Checklisten. Wir haben immer nach Checklisten gearbeitet. Aber im russischen Programm musste man mehr über die einzelnen Bordsysteme wissen. Wir mussten sehr viel mehr über die einzelnen Systeme lernen. Ich habe natürlich nicht nur für einen Soyuzflug trainiert sondern auch für einen Langzeitaufenthalt auf der Raumstation Mir.
Die Mir-Station hatte nicht solche Kontaktzeiten zu Bodenstationen, wie es heute die ISS hat. Die Kontaktzeiten zur Bodenstationen waren bei der Mir-Station wesentlich kürzer. Daher musste man sämtliche Systeme viel besser kennen, weil man längere Zeit autark arbeiten musste.
Beim Space Shuttle wurde man beinahe rund um die Uhr durch Bodenstationen überwacht. Die Space Shuttle Missionen waren sehr kompakte Missionen. Die Bordzeit wurde sehr effizient genutzt. Sämtliche Arbeiten mussten während der Flugzeit abgearbeitet werden. Aber wir haben gelernt, unsere Arbeiten hauptsächlich nach Checklisten abzuarbeiten. Das war bei Situationen der Fall, in denen wir vom Erwartbaren abgewichen sind, also unplanmäßige Situationen während des Fluges.
Raumfahrer.net: Lassen Sie uns mal über ihre erste Space Shuttle Mission STS-116 sprechen. Sie wurden für diese Mission als EVA-Teammitglied ausgebildet. Von den 5 Raumspaziergängen haben Sie insgesamt 3 absolviert. Der vierte Raumspaziergang war ein unplanmäßiger Ausstieg. Den haben Sie gemeinsam mit Robert Curbeam absolviert.
Wie haben Sie diesen unplanmäßigen EVA geplant? Oder haben Sie solche unerwarteten Ereignisse im großen Schwimmbecken im Johnson Space Center in Houston trainiert (NBL – Neutral Buoyancy Tank / Schwimmbecken als Teil der Sonny Carter Training Facility)?
(Anmerkung der Redaktion: Bei EVA 3 setzten die Astronauten Robert Curbeam und Sunita Williams als „Zusatzaufgabe“ zur EVA auch die Arbeit am Einfahren eines klemmenden Solarzellenauslegers fort. Weitere sechs Abschnitte des P6 (Solarzellenausleger an der Backbordseite) konnten vollständig eingefahren werden. Am Ende des EVA 3 waren somit noch 11 Abschnitte übrig, die manuelle Hilfe zum vollständigen Einfahren des Solarzellenauslegers benötigten. Diese Arbeiten wurden bei dem unplanmäßigen Weltraumspaziergang am 18. Dezember 2006 von Robert Curbeam und Christer Fuglesang durchgeführt.)
Christer Fuglesang: Natürlich haben wir im NBL außergewöhnliche Szenarien trainiert für den Fall, dass etwas schiefgeht. Aber für diese besondere Reparaturmaßnahme hatten wir keinen Plan. Als wir diesen Weltraumausstieg gestartet hatten, wusste noch niemand genau, wo der Fehler lag. Wir hatten einige improvisierte Werkzeuge dabei. Uns hatte die Bodenstation Anweisungen gegeben, wie wir diese selbstgebauten Werkzeuge bauen sollten. In der Kabine hatten wir dann einige Teile mit Tape zusammengebaut und damit sollten wir dann bei unserem Raumspaziergang an den klemmenden Solarzellenfeldern herummanipulieren in der Hoffnung, diese bewegen und lösen zu können. Dabei mussten wir sehr vorsichtig mit diesen Solarzellen sein. Bei voller Sonneneinstrahlung haben diese Solarzellen 60 Volt Gleichstrom produziert und man konnte diese Stromerzeugung nicht abschalten. Wir mussten also sämtliche metallischen Teile an unseren Raumanzügen isolieren, um nicht Gefahr zu laufen, dass wenn wir doch versehentlich die Solarzellenausleger berühren, es zu einem Stromschlag kommt. Also ja, es war schon ein sehr interessanter Weltraumspaziergang.
Nun, wir waren nur 2 Personen, die an diesem Unternehmen direkt beteiligt waren. An Bord des Space Shuttle und der Internationalen Raumstation waren 8 Personen, von der Bodenkontrollstation haben ebenfalls hunderte Leute zugeschaut. Gemeinsam haben wir an dem Problem gearbeitet und konnten es lösen. Ja, wir konnten am Ende den kompletten Solarzellenausleger einfahren. Für mich war es der interessanteste Weltraumspaziergang.
(Anmerkung der Redaktion zum Flug STS-128: Als Sie etwa 20 Minuten nach dem Start von STS-128 über Deutschland flogen, sah ich das Space Shuttle und den externen Tank nebeneinander fliegen. Das war in der Morgendämmerung des 29. August 2009, und für mich war es ein großartiger Anblick. Es war das erste Mal, dass ich eine Raumfähre so kurz nach dem Start gesehen habe.)
Raumfahrer.net: Warum haben Sie nie einen Langzeitflug auf der ISS gemacht?
Christer Fuglesang: Ganz einfach. Schweden hat nicht genug Geld bezahlt. Es hat nichts damit zu tun, dass ich keinen Langzeitflug hätte machen wollen. Es ging auch nicht darum, dass ich nicht kompetent genug wäre.
Nach meinem ersten Flug hatte ich den damaligen DG (Generaldirektor der ESA) Jean-Jacques Dordain (Direktor von Juli 2003 bis Juni 2015) getroffen. Er sagte mir, dass ich mit meinem ersten Raumflug eine sehr gute Arbeit geleistet hatte. Er sagte mir auch, dass es für mich einen weiteren Space Shuttle Flug in der Zukunft gäbe. Und das wäre es dann für mich gewesen.
Und auch wenn er dass nicht gesagt hätte, hätte ich mir denken können, dass es das gewesen ist. Ich war da bereits lange genug bei der ESA. Wenn Dein Land genug für bemannte Raumfahrt bezahlt, steigen Deine Chancen für weitere Flüge.
Raumfahrer.net: Wir wollen jetzt einfach mal die politischen Fragen auslassen.
Christer Fuglesang: Nein, nein, die sind schon sehr wichtig.
Raumfahrer.net: Gut, es ist Ihre Zeit, die wir hier beanspruchen.
Was wir momentan sehen ist, dass die NASA ihr Budget sehr stark kürzen wird. Am 2. Mai 2025 veröffentlichte die Trump-Regierung ihren Haushaltsvorschlag für das Jahr 2026 für die NASA, der die Einstellung der Programme Orion und SLS nach Artemis III vorsieht. Was aus den weiteren Flügen im Rahmen des Artemis-Programms wird, weiß zur Zeit keiner. Die Besatzungsgröße bei den Crew Dragon Flügen wird möglicherweise auf nur noch einen NASA Astronauten reduziert werden. Die Besatzung würde bei drei verbliebenen Crew-Mitgliedern vermutlich aus einem NASA-Astronauten, einem russischen Raumfahrer und einem internationalen Besatzungsmitglied zusammengesetzt werden (Anmerkung der Redaktion: Ansicht von Raumfahrer.net). Ein weiterer NASA-Astronaut wird dann zukünftig bei einer Crewgröße von 3 Personen entweder gar nicht erst nominiert werden oder auf einen kommenden Flug umgebucht werden. Es würde abgesehen von den bereits im Flugplan stehenden Orion-Flügen keine weiteren Orion-Raumfahrzeuge mehr gebaut werden. Genauso sieht es bei der Trägerrakete SLS (Space Launch System) aus. Die in Entwicklung befindliche Mondstation LOP-G (Lunar Orbital Platform-Gateway) steht durch die Haushaltskürzungen wohl ebenfalls vor dem Aus.
Wie wird die Einstellung sämtlicher Aktivitäten Europa, Kanada und Japan beeinflussen? Was können diese Staaten tun, wenn die Vereinigten Staaten nicht mehr am Mondexplorationsprogramm teilnehmen?

Christer Fuglesang: Stellen wir uns einfach mal vor, dass Europa genauso viel bezahlt, wie es die USA nach den Budgetkürzungen macht. Wir (Anmerkung der Redaktion: Europa), können eine Menge machen. Wir sollten uns nicht darüber beschweren, dass die NASA ihr Raumfahrtbudget kürzt. Es ist dann immer noch einiges höher als unser Budget. Es ist auch nicht so, dass die NASA das Raumfahrtbudget kürzt. Trump möchte das. Und der U.S. Kongress wird die entsprechenden Beschlüsse dazu fassen.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Budgetkürzungen so drastisch ausfallen, wie Trump es vorgeschlagen hat. Es wird bestimmt Kürzungen geben. Aber es werden hauptsächlich Kürzungen im Wissenschaftsprogramm stattfinden. Bei der Erkundung des Weltraums sollen nicht so drastische Kürzungen durchgeführt werden. Trump schlägt vor, dass Gelder, die für die Mondexploration vorgesehen waren, für die Marsexploration ausgegeben werden. Er möchte, dass man schneller zum Mars kommt.
Er möchte auch, dass man das Space Lauch System einstellt. Das ist übrigens auch meine Meinung. SLS ist nicht nachhaltig und darüber hinaus sehr teuer. Bevor Trump zurück ins Amt kam, war meine Meinung die, dass SLS drei mal fliegen würde. Danach hätte ich mir vorstellen können, dass man Starship oder möglicherweise die New Glenn Rakete einsetzen würde. Es wird möglicherweise eine Verzögerung im Artemis-Programm geben. Ich glaube aber nicht, dass das Programm nach dem Artemis-III Flug gestoppt wird. Die orbitale Mondstation Gateway wird möglicherweise nicht gebaut werden. Ich war sowieso nicht von Gateway überzeugt. Natürlich ist es gut, wenn wir Infrastruktur im Weltraum, und auch um den Mond, aufbauen.
Wenn man sich auf die Monderkundung konzentrieren möchte, Erkundung der Mondoberfläche und eine Station auf der Mondoberfläche, ist es dann preiswerter, wenn man eine orbitale Mondstation baut (Gateway), oder ist es preiswerter, wenn man den Mond direkt anfliegt? Ich bin nicht traurig, wenn Gateway nicht kommt.
Für Europa ist es sehr traurig. Da haben wir in die Orion-Kapsel investiert. Und möglicherweise gibt es da nur noch 2 weitere Flüge. Wir bauen auch zur Zeit Module für Gateway. Wir können unsere Zukunft doch selbst gestalten. Wir können das fehlende Geld doch selber einbringen.
Raumfahrer.net: Sprechen wir über das Hier und Jetzt. Wir befinden uns beim Asteroid Day in Luxemburg. Der 30. Juni dieses Jahres erinnert an den Asteroideneinschlag im Jahr 1908 in der Region Tunguska im heutigen Krasnojarsker Gebiet. Der Asteroid Day soll das Bewusstsein für die Gefahr eines Asteroiden- oder Kometeneinschlags in die Erdatmosphäre schärfen.
Was sind Ihre Visionen für die Asteroidenabwehr?
Christer Fuglesang: Ich finde das, was wir gerade machen, sehr gut. Wir verbessern uns gerade bei den Beobachtungsmethoden. Und parallel dazu können wir neue Methoden entwickeln. Wenn wir etwas auf uns zukommen sehen, können wir Maßnahmen ergreifen.
Die HERA- (als Teil der Asteroid Impact and Deflection Assessment Zusammenarbeit) und die DART- (Double Asteroid Redirection Test) Missionen sind die ersten Missionen, bei denen wir so etwas austesten. Zukünftig sollten wir uns weiter in Richtung Techniken zum Ablenken von Asteroiden aus ihrer Bahn konzentrieren.
Raumfahrer.net: Vielen Dank für das Gespräch. Zum Abschluss hätten wir gerne noch ein gemeinsames Photo. Ist das möglich?
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