02.03.2003 / Autor: Lutz Growalt Raumfahrt > Raumsonden

Goodbye Pioneer 10 – ein Nachruf

Letzten Mittwoch hat Pioneer 10 uns verlassen – die unscheinbare und etwas antiquierte Planetensonde ging, wie sie seit ihrem Vorbeiflug 1973 am Jupiter durchs All geflogen war: leise, unspektakulär und nur von wenigen gewürdigt. Eine jener seelenlosen, knochentrockenen Pressemeldungen der NASA informierte uns über das Ende der mehr als dreißigjährigen Mission.



Pioneer 10 fliegt als erste Raumsonde am Jupiter vorbei.
(Grafik: NASA)
„Seine Zukunft geht nun von der NASA auf Isaac Newton und Johannes Kepler über.“
(James Van Allen)
 
Mit Pioneer 10 verließ uns eine der wenigen, ganz großen Planetenmissionen. Pioneer 10 war – damals gab es noch treffende Bezeichnungen! – ein wirklicher Pionier der Erkundung unserer planetaren Nachbarschaft, wahrscheinlich der größte Pionier von allen.
 
Die Mission von Pioneer 10, der erste Vorstoß ins äußere Sonnensystem, war in ihrer Zeit kühn und atemberaubend. Als die Mission 1968 im Stillen geplant wurde, kannten wir nur den Mond, Venus und Mars aus der Nähe. Von den großen Gasplaneten des äußeren Sonnensystems gab es, wie die 150 Jahre vorher, nur verschwommene Teleskopbilder.
 
Von Beginn an war der Flug von Pioneer 10 ein Unternehmen der Superlative. Um einen Flugkörper von der Erde zum Jupiter zu schleudern, mußte eine (damals) unglaubliche Geschwindigkeit erreicht werden – Pioneer 10 hielt, mit den 52.000 km/h zu Beginn seiner Reise, lange Jahre den Weltrekord. In nur sechs Stunden war der Mond erreicht, Mars in (auch heute noch beachtlichen) 97 Tagen.
 
Dann ging es auf den Asteroidengürtel zu: ein 280 Millionen Kilometer breiter Todesstreifen, voll mit tödlichen Steinbrocken, von denen auch die Kollision mit dem kleinsten die Reise unwiderruflich beendet hätte. Über knapp sieben Monate war im heimischen Kontrollzentrum der Empfang jedes einzelnen Signals von Pioneer ein mit Erleichterung aufgenommenes Geschenk – noch ist es gut gegangen! Während der Passage wurde Pioneer 10 tatsächlich von einigen (sehr kleinen) Gesteinstrümmern getroffen, blieb aber wacker auf Kurs.
 
Im Februar 1973 endlich die erleichternde Meldung: Pioneer 10 verläßt den Asteroidengürtel. Diese Meldung wurde zwar in der breiten Öffentlichkeit nur am Rande beachtet, kommt in ihrer Bedeutung aber den kühnen Reisen von Heinrich dem Seefahrer gleich, der sich mit seiner Nußschale unter Segeln 1415 durch die Straße von Gibraltar traute, als der Rest der Menschheit noch annahm, daß dort die Welt zu Ende sei.
 
Anfang Dezember 1973, am Jupiter angekommen, geriet Pioneer 10 überraschend unter schweren Beschuß. Die energiereichen Partikel der Strahlungsgürtel um Jupiter prasselten auf Pioneer und seine empfindliche Elektronik ein. Die Partikelzähler erreichten den obersten Anschlag der Skala und die Intensität der Strahlung nahm noch weiter zu. Im Missionszentrum rechnete man fest damit, daß die Elektronik diesem Trommelfeuer nicht standhalten würde. Aber Pioneer 10 hielt auch das aus – mit einer Geschwindigkeit von sagenhaften 132.000 km/h und leicht verwirrtem Bordcomputer übertrug er weiter tapfer seine Meßdaten von der fremden und für ihn so feindlichen Welt.
 
Nicht nur das: auf Tuchfühlung mit Jupiter konnte der wackere Pionier erfolgreich ausführen, was ihm seine fernen Herren aufgetragen und in seine Speicherkreise geschrieben hatten: die ersten Nahaufnahmen des Gasplaneten und seiner großen (Galileischen) Monde.
 
Die Bilder waren damals eine Sensation – auch wenn sie sich heute, nach Galileos gestochen scharfen Nahaufnahmen, ausnehmen, als seien sie mit einer Pappkamera aufgenommen, die zu lange im Handschuhfach gelegen hat. Zieht man die Umstände und die bescheidenen Mittel, mit denen diese Aufnahmen zustande kamen, in Betracht, kann man vielleicht ermessen, welches Wunder sie 1973 darstellen.
 
Nach den historischen Tagen im Dezember 1973 wurde es still um Pioneer 10, vor Ort wie zu Hause. Das wissenschaftliche Team wurde stark reduziert, die für den Vorbeiflug am Jupiter vorgesehenen Voyager-Sonden wurden in aller Stille umkonstruiert, um den Erkenntnissen von Pioneer Rechnung zu tragen und das Kontrollzentrum wurde drastisch verkleinert. Am Ende waren es dann noch drei Computer, die Pioneers mit schwacher Stimme gesendeten Signale aufnahmen, in einer Büroecke aufgestellt, dazu einige nette, ältere Herren, die hin und wieder Kontakt mit Pioneer 10 aufnahmen – einfach nur um zu wissen, daß es ihm gut geht.
 


Pioneer 10 bricht am 2. März 1972 (Ortszeit) an Bord einer Atlas-Centaur-Trägerrakete zu seiner Reise ins All auf.
(Foto: NASA)
Wie es sich für einen ordentlichen Veteran gehört, diente der alternde Pionier in seinen späten Jahren der Ausbildung junger Flugkontrollingenieure. Mit Hilfe von Pioneer 10 wurde die Steuerung von Raumsonden in großen Entfernungen geübt. Wegen seiner vergleichsweise bescheidenen Bauweise, wurden Pioneers Dienste vor allem für die erste Schritte von Neulingen auf diesem Gebiet geschätzt.
 
Die wertvollste Fracht von Pioneer 10 ist die vergoldete Plakette mit dem vieltausendfach reproduzierten „Gruß der Menschheit“, ein Piktogramm, das wahrscheinlich jeder schon einmal gesehen hat. „The Plate“, Carl Sagans Geniestreich, enthält in naturwissenschaftlich-technischer Verklausulierung die Visitenkarte von uns Menschlingen – wer wir sind, wo wir sind und wie wir aussehen.
 
Das Ding war immer umstritten und ist vielfach, aber zu unrecht, kritisiert worden. Heute, nachdem Pioneer 10 aus unserem Blickfeld verschwunden ist, könnte diese glänzende Metallplatte in den vielen Millionen Jahren, die noch vor Pioneer 10 liegen zum Zeugnis unserer Zivilisation werden, auch wenn wir schon lange nicht mehr sind – wer weiß?
 
Für mich war Pioneer 10 immer etwas ganz besonderes. Ich entsinne mich eines Buches, in dem die Erlebnisse eines imaginären Piloten beschrieben wurden, der mit Pioneer 10 zum Jupiter flog, während des Vorbeiflugs atemlos aus dem Fenster seiner imaginären Kapsel auf die bunten Wolkenwirbel und den großen Roten Fleck sah. „Wo niemals zuvor ein Mensch war...“ und ich begriff zum ersten Mal, daß es dort draußen wirkliche Welten gibt, nicht die Lichter am Himmel, sondern leibhaftige Kugeln mit Eigenschaften, deren Fremdheit jeden Science-Fiction Autor in Bescheidenheit seinen Stift niederlegen lassen müßte.
 
Für Pioneer 10 reichte es sogar zu einer Statistenrolle im Film: In einem der frühen Star-Trek-Filme ist eine kurze Sequenz zu sehen, in der böswillige Klingonen, unter hämischem Gelächter, auf eine kleine Raumsonde schießen und sie natürlich in ihre Atome zerlegen ... das bedauernswerte Ziel war tatsächlich Pioneer 10 – und wir wollen hoffen, daß unserem Pionier auf seiner ungewissen Reise zumindest so etwas nicht passiert! Pioneer 10 war in den 31 Jahren seit seinem Start immer da, dort hinten, gleich hinter dem Jupiter. Als die Voyagers uns die ersten Bilder der fernen Planeten brachten, war Pioneer 10 schon viel weiter, suchte die Grenze des Sonnensystems. Als die neuen, instrumentenstarrenden Großsonden, die Magellans, Galileos und Cassinis uns mit einer Flut unglaublicher Bilder fremder Welten überschütteten, war der wackere Pionier Nummer 10 bereits unser fernster Außenposten, weiter als Menschen fliegen können – und immer noch wacker im Ring.
 
Eines ist sicher: Pioneer 10 ist nicht tot, wird uns am Ende alle überleben und hat seine große Reise gerade erst begonnen – dem Aldebaran, den Sternen entgegen, die er irgendwann in zwei Millionen Jahren erreichen wird.
 
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