Die erste Raketenstufe der Rakete Langer Marsch-10B wurde erfolgreich auf der Bergungsplattform auf See geborgen

Nach dem Start der Rakete Langer Marsch-10B und der Trennung der ersten Stufe wurde diese erneut gezündet und zur schimmenden Plattform dirigiert. Rund sechs Minuten nach der Trennung der beiden Raketenstufen wurde die erste Stufe erfolgreich auf der Bergungsplattform auf See gefangen und geborgen. Ein Portalbeitrag vom Raumfahrer.net Autor HausD.

Quellen: NASA / CNSA, VK.com, Patentschrift CN117128817A, weibo.com/tv/, weibo.com, CAST, CCTV 13, GCTN.

Am 10. Juli 2026 startete die chinesische Rakete Langer Marsch-10B von der Startrampe 2 des kommerziellen Raumfahrtstartplatzes Hainan zu einer besonderen Mission. 
Das erste Mal sollte nun die erste Stufe der Rakete auf der schwimmenden Plattform, dem Bergungsschiff „Navigator“ (cn. 领航泽), in einer Art Käfig an gespannten Seilen aufgefangen werden.
Die erste Raketenstufe verfügt damit über keine Landestützen, sondern hat auf der oberen Seite, zwischen den Gittern, die als Steuerruder dienen, noch vier von oben her ausschwenkbare Hakenstangen. 
Beim Herabsinken der durch die wieder gezündeten Triebwerke gebremsten Raketenstufe fällt diese in eine aus vier hochfesten Seilen bestehende rautenförmige (#) Öffnung. Die Seile können ausserdem relativ dicht an die ausgestreckten Haken heran gefahren werden. Die Haken hängen sich in die Seile ein und die Rakete wird dann hängend langsam herab gelassen bis sie stabil stehen kann.

Tragekonstrukt für den Fangmechanismus im Bau
Foto:weibo

Fangturm – Haken- und Seilmechanismus

Das Tragekonstrukt für den Fangmechanismus ist ein oben offenes und an den Seiten verspanntes Fachwerk, das auf der Plattform des Bergungsschiffs aufgesetzt und verankert ist.
Die Höhe des Fangmechanismus beträgt 65 m, die Breite unten auf dem Schiff beträgt ca.55m
Die lichten Weite vom Innenbereich des Fangturms betragen 44 Meter mal 44 Meter, also insgesamt 1.936 Quadratmeter.
Das bietet genügend Spielraum für Abweichungen oder ein Abdriften der Raketenstufe während des Abstiegs auf die Plattform.

Gitter-Ruder und Hakenstangen unter der Abdeckung Bild: Ace of Razgriz
Quelle: 15.01.2026 Ace of Razgriz

Gitter-Ruder und Hakenstangen

Beim Transport der verpackten Stufe zeichnen sich die Gitter-Ruder [rot] und die um 45° versetzten Hakenstangen [grün] ab.

Zu den Elementen gibt es eine Patentschrift, in der die Funktionen dieser Elemente offengelegt wurden.

Haken und Gitterruder – von Oben gesehen
Quelle: Patentschrift CN117128817A
Haken und Gitterruder – von der Seite , wenig geöffnet
Quelle: Patentschrift CN117128817A
Haken und Gitterruder – von der Seite , weit geöffnet
Quelle: Patentschrift CN117128817A
Die Auslegerplattformen in rot auf dem Bild
Foto: weibo/FCS

Das Bergungsschiff „Navigator“

Das Schiff „Navigator“ ist 144 m lang und 50 m breit, hat eine Verdrängung von 25.000 Tonnen (bei voller Beladung) und ist mit einem dynamischen Positionierungssystem der Klasse 2 (DP2) ausgestattet.
Das Schiff besitzt Auslegerplattformen, die an den vier Ecken des Schiffes installiert sind.
Sie tauchen ins Wasser ein , wenn das Schiff leicht schwankt und erzeugen so einen stabilisierenden Auftrieb, wodurch das Schiff erheblich ruhiger im Wasser liegt.

Beispiel eines Dynamic Positioning System
Bild: Hydrotechnik Lübeck

Das Dynamische Positionierungssystem (DP2) ist 2-fach redundant in allen kritischen Komponenten, wie Motoren, Computer, Stromversorgung oder Sensoren, und ermöglicht es dem Schiff, seine genaue Position und Richtung automatisch zu halten. Damit braucht man auf See keine Anker werfen oder im Hafen Festmacheleinen zu benutzen. Das System misst dazu kontinuierlich die äußeren Einflüsse wie Wind, Wellen sowie Strömungsrichtungen und gleicht diese durch die gezielte Ansteuerung von schiffseigenen Antrieben und Strahltrahlrudern aus. Das System zur dynamischen Positionierung ist auch fernsteuerbar.

Der Bahnverlauf für die Rückführung

Der Bahnverlauf über die Zeit 0 – 500s
Foto: weibo
  • 154,7525 s: Triebwerksabschaltung der Erststufe
  • 159,7992 s: Trennung von Erst- und Zweitstufe
  • 168,9620 s: Sekundärzündung
  • ca. 172,0 s : Lageanpassung mittels Gitterflossen
  • 212,7199 s: Verkleidungsabwurf
  • 252,8268 s: Abbremsung durch Rückwärtsschub
  • 365,0524 s: Zündung zu Leistungsverzögerungsphase
  • 393,0325 s: Abschaltung zu Leistungsverzögerung
  • 446,9724 s: Zündung von 3 Triebwerken
  • 457,5525 s: Triebwerksabschaltung beendet
  • 477,3347 s: Fang-Mechanismus ausklappen
  • folgend: Ausrichtung von Schiff und Rakete
  • folgend: Zentrale Triebwerksabschaltung
Ansicht aus der 2. Stufe auf die erste Stufe
Bildquelle: Video SPACE

Rückführungsprozess der ersten Stufe

Der Rückführungsprozess beginnt schon ca. 153 Sekunden nach dem Start mit der Trennung der Ersten Stufe von der Zweiten Stufe. Dabei muss eine pyrotechnische Trennladung einen Schaden am Oberteil der ersten Stufe erzeugt haben.

Landung mit qualmendem Oberteil
Bild: weibo

Aus diesem Bild, bei der Zeit 161 Sekunden (im Bild re.unten), auf dem Oberteil der ersten Stufe sieht man eine sich ausbreitende „Wolke“. Das legt nahe, dass es dort eine Beschädigung einer Leitung der in dem Teil untergebrachten Bauteile für die Gittersteuerung gegeben hat und nun Flüssigkeit austritt. Es könnte sich um Flüssigkeit aus dem Hydraulik-System (Hydraulik-Öl) handeln, da die Rauchentwicklung bei starker Steuerarbeit der Gitterruder ebenfall stärker wird.
Diese Flüssigkeit, wenn es Hydraulik-Öl sein sollte, ist auch brennbar und ist möglicherweise von einer der Pyroladungen enzündet worden, sodass es bis zur Landung teilweise heftig oben herausraucht. Dass es Raketentreibstoff ist, der da verbrennt, ist unwahrscheinlich, da dieser nicht mit einem so hohen unverbrannten Kohlenstoffanteil brennen würde, und dann noch mit viel höherer Hitze, dass man an der Aussenwand der Raketenstufe deutliche Spuren erkennen könnte.

Sicht auf die Haken mit den eingehängten Seilen
Quelle: Video China Central Radio und Fernsehen; Fotografie: Guo Zenghao/ed. HausD

Die netzbasierte Bergungstechnologie

Die erste Raketenstufe verfügt über keine Landestützen, stattdessen sind am oberen Ende vier Sätze klappbarer Haken angebracht. Damit entfällt das Eigengewicht der Landestützen (ca. 2 Tonnen) und die Nutzlastkapazität für den erdnahen Orbit (LEO) beträgt auch im für die Bergung ausgelegten Zustand mindestens 16 Tonnen.
Das Toleranzfenster für die Bergung wurde auf ±50 Meter erweitert, die von der Steuerung des bergungsschiffs vor der Landung ausgeglichen werden kann und die Anforderungen an die Genauigkeit der Triebwerksschubregelung wurden von 1 % auf 5 % gelockert.

Auf diesem Bild erkennt man vorn, mittig den in das Seil eingehängten Haken sowie am unteren Ende der Hakenstange sein Gelenk mit der Befestigung am Tragring der Raketenstufe.
Dieser obere Teil ist bestückt mit den Tanks und den Gerätschaften für die Funktion der Fanghaken- und Gitterruder-Mechanismen.

Kennzeichnung der Fangseile (in grün)
Quelle: BS Video/ed.HausD
Die Fixierung der Raketenstufe auf dem Bergungsschiff
Quelle: https://x.com/raz_liu/status/2075712892029296736
Seile: Zugsei,l Pufferseil, Fangseil
Quelle: CCTV 13 News/Xu Xuelei, CAST

Die gesamte Innenraum-Höhe beträgt 44 m und in den oberen Fachwerk-Rahmen sind Gänge zu den Vorrats-Trommeln mit den Seilen und die zugehörige Technik dazu untergebracht. Das Fangen der Raketenstufe kann damit im nahezu gesamten Freiraum der Plattform geschehen und es kann den Seilbahnrollen die Raketenstufe auch auf einen gewünschten Platz verschoben werden.

Das Fangseil (46 mm ø ) ist auf einem Wagen befestigt, der vom Zugseil seitlich hin und her bewegt und von einem Blockierseil arretiert werden kann.
Quelle: CCTV 13 News/Xu Xuelei, CAST
Das Zugseil hat wie auch das Fangseil derartige Schlösser
Quelle: CCTV 13 News/Xu Xuelei, CAST
Das Fangseil hat einen Durchmesser von 46 mm
Quelle: CCTV 13 News/Xu Xuelei, CAST
Der Fanghaken an der Rakete
CCTV 13 News/Chen Muye, CAST

Es gibt demnach auf jeder oberen Seite des Fangkäfigs zwei solcher Seilbahnen mit Zugseilen und einem Wagen, auf dem je ein Fangseil von 60 mm ø mit einem Schloss hängt. Damit kann die Fangposition der Rückkehrstufe relativ variabel eingegrenzt werden. 

Am unteren Rahmem des Fangkäfigs befinden sich ebenfalls Sicherungsmittel für die gelandete Raketenstufe.

Auf einem Bild ist zu sehen, dass die Triebwerksseite der Rückkehrstufe mit überkreuz gelegten Tauen fixiert worden ist. Das wird wohl „Seemanns-Arbeit“ gewesen sein nachdem die Situation wieder für sicher erklärt werden konnte.

Überkreuz gelegte Taue fixieren die Rückkehrstufe
Bild: Ace of Razgriz

Ablauf der Raketenbergung

Das Schiff „Navigator“ wird in der vorgesehenen Bergungszone auf See positioniert, der genaue Ort des Niedergangs der rückkehrenden Raketenstufe, der von der Flugbahn und dem Startwinkel der Rakete abhängt, wird dem Schiff mitgeteilt und die genaue Position eingenommen.
Alle Mitarbeiter werden aus dem Bereich evakuiert, da das Deck während der Bergungsarbeiten ein gefährlicher Bereich ist, und der Vorgang läuft vollkommen unbemannt ab.
Die Triebwerke der Raketenstufe, die dann in Richtung des Turms herabsinkt, feuern ja noch zur Abbremsung.
Zur Erfassung der Position und Fluglage in Echtzeit befinden sich dazu an allen vier Ecken des Bergungsschiffs LiDAR-Einheiten. Diese übermitteln die Daten an die Computer des Bergungssystems während die Rakete herunter sinkt, um den Fangsmechanismus an der Oberseite des Fangkäfigs zu aktivieren.
Dieser Mechanismus absorbiert die aus ihrem Sinkflug restlich noch vorhandene kinetische und potenzielle Energie der Raketenstufe. Sobald die Energie aufgenommen ist, kommt die Rakete zum Stillstand und hängt sicher im Geviert der Seile des Auffangnetzes.
Nach dieser Stabilisierung verortet das LiDAR der Plattform automatisch die Raketenstufe inbezug auf das Bergungsschiff und das positioniert sich definiert darunter. Dadurch können die rückgekehrte Raketenstufe und das Deck des Bergungsschiffs zu einer relativ starren Einheit verbunden werden, womit die primäre Bergungsphase auf See abgeschlossen ist.

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