Sojus 29: Zwischenhalt am Boden

Die Kapsel konnte für kurze Zeit aus der Nähe besichtigt werden. Andreas Weise war für Raumfahrer.net am 19. Februar 2016 im Militärhistorischen Museum (MHM) Dresden.

Ein Beitrag von Andreas Weise. Quelle: Museumsbesuch.



„…Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass dieser Platz zwischen Himmel und Erde der Endlagerplatz für die Sojus sein soll! Nein, ich kann es mir wirklich nicht vorstellen!…“ So hatte ich in der Zeitschrift „Raumfahrt Concret“ Ausgabe 4/5/2011 anlässlich der Neueröffnung des Militärhistorischen Museums Dresden, kurz MHM, Ende 2011 geschrieben.

Wohl wissend um die komplizierten, rechtlichen und emotionalen Zusammenhänge war ich aber davon ausgegangen, dass es trotz aller Bemühungen noch lange Zeit dauern würde, bis die „29“ mal wieder aus der Nähe zu betrachten wäre. Seit dem Zeitpunkt der Aufhängung in der rückseitigen oberen Ecke des Libeskind-Keils im Militärhistorischen Museum in Dresden Ende 2011 hat die „29“ nun erstmalig wieder den Boden erreicht.

Sojus 29 Landekapsel
(Bilder: A. Weise)

Der Hintergrund
Die Landekapsel Sojus 29 ist der Apparat, mit der der erste Deutsche im Weltraum, Sigmund Jähn, 1978 zur Erde zurück gekehrt ist. Sie befindet sich seit 1981 im Besitz des MHM, vormals Armeemuseum der DDR in Dresden. Ende 2011 wurde das MHM nach langjähriger Umbauzeit neu eröffnet. Laut dem damaligen und auch jetzigen Museumschef Oberst Prof. Dr. Matthias Rogg stellt die Landekapsel ein „Leitobjekt“ des MHM dar. Sie ist also etwas Besonderes. In Deutschland selber existieren nur zwei Sojus-Landekapseln. Die Sojus-TM 19 im Technikmuseum in Speyer und eben die Sojus 29 in Dresden. Zur „29“ kommt dann der entsprechend historisch beladene Background hinzu.

Adapterblech mit Aufhängepunkt
(Bild: A. Weise)

Im Rahmen eines speziell für das MHM umgesetzten Museumskonzeptes, was den Zusammenhang zwischen Techniknutzung und Militär darstellen will, wurde die „29“ an einer dafür eigens geschaffenen Stelle in der Rückseite des Libeskind-Keils positioniert. Diese Art der Präsentation rief Widerspruch hervor. Nicht nur bei Raumfahrtfans. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich selber habe mich mehrere Jahre mit diesem Problem beschäftigt.

Letztlich landet man aber immer wieder bei der Frage nach den Besitzverhältnissen. Und die sind eindeutig. Und wenn das MHM als Eigentümer des Objektes der Meinung ist, dass der „obere“ Standort für ihr Museumsobjekt der richtige ist, dann ist es so. Auch wenn es mir persönlich nicht gefällt. Schließlich ist das MHM das Museum der Bundeswehr und nicht ein Technik-, Verkehrs- oder Raumfahrtmuseum. Dort würde das Objekt natürlich in einem ganz anderen Kontext präsentiert werden. Nun hängt die „29“ seit 2011 in luftiger Höhe in etwa 20 Meter Entfernung vom Bodenbetrachter. Dabei sieht sie aus, als ob sie sich im Landeanflug befindet.
Sie fällt und fällt … und fällt … und fällt … .

Die Landung
… und nun war sie kurz gelandet. Aber warum jetzt?
Seit Mittwoch, dem 3. Februar 2016 befand sich die „29“ wieder auf festem Boden. Was vom Pressesprecher des MHM, Oberstleutnant Bangert, als „Winterferien-Spezial“ bezeichnet wurde, hatte einen ganz praktischen Hintergrund. Die Aufhängung der Kapsel musste zum TÜV. Und da die Kapsel an zwei motorischen Seilaufzügen hängt, war es ein Leichtes, sie abzulassen. Und warum nicht das Notwendige mit dem Nützlichen bzw. Schönen verbinden? Also blieb die Kapsel für 3 Wochen unten und wurde so einer breiten Öffentlichkeit wieder näher gebracht. Eine Entscheidung, für die man das MHM nur beglückwünschen kann.

Sitz des Kommandanten in Sojus 29
(Bild: A. Weise)

Dabei war die Art der Präsentation spektakulär. Aus einer Entfernung von einem reichlichen Meter konnte man in das Innere hinein schauen. Im Deutschen Museum in München, wo die „29“ einige Zeit als Leihgabe ausgestellt war, wurde vor die Durchstiegsluke extra eine Plexiglasscheibe gesetzt. Hier in Dresden war der Einblick ungetrübt. Ein Zeichen von Vertrauen gegenüber dem Besucher. Ich selber konnte mich daran erfreuen, wie Großväter ihren Enkel versuchten zu erklären, wie dies und jenes so mit den Kosmonauten funktioniert. Betrachtet man andere Präsentationen von Sojus-Kapseln, so ist das Dresdner Display zwar sehr einfach, aber wirklich gelungen. In Speyer steht die Kapsel in einem schrägen Glaszylinder, in Le Bourget bei Paris ist sie im Halbdunklen hinter spiegelndem Glas. Nur in Moskau im Museum der Kosmonautik kam man direkt an verschiedene Exemplare heran. Und eine, die Sojus 37, wurde für mich extra „aufgeschraubt“. Aber das war eine große Ausnahme.

Unterschrift auf dem Kapselboden
(Bild: A. Weise)


Der Zustand
Die Deckeninstallation bot immer Anlass für Spekulationen und Gerüchte über den wahren Zustand der „29“. Durch den direkten Einblick und die Beantwortung meiner Fragen, die ich dem zuständigen Sachgebietsleiter im MHM, Herrn Wehner und dem Pressesprecher des MHM Oberstleutnant Bangert stellen durfte, können einige Gerüchte aus der Welt geschaffen werden.

Der optische Zustand ist gut, ich möchte sogar sagen sehr gut. Natürlich haben sich im Laufe der Zeit viele Bruchstücke der Außenverkleidung gelöst. Schließlich war die Kapsel in ihrem Museumsleben viel auf Reisen. Aber ich habe schon „schlimmere“ Exponate gesehen. Die Restauratoren haben versucht, hier den aktuellen Zustand zu erhalten. Die Unterschriften der Kosmonauten Bykowski und Jähn von der Übergabe an das Armeemuseum der DDR sind noch lesbar. Der Kreideschriftzug von Jähn, angebracht nach der Landung, ist noch zu erahnen. Ob und wann diese durch die Signatoren einmal erneuert werden, konnte man mir nicht sagen.

Kreidebeschriftungen
(Bild: A. Weise)

Das Innere der Kapsel macht einen sehr guten Eindruck. Meine Frage, ob es zeitlich bedingte Zersetzungserscheinungen verbauter Materialien wie Textil, Kunststoff u.a. gibt wurde verneint. Die in einem Fachartikel aus dem April 1999 angesprochenen Schäden an Instrumenten-Panels und an einem Fenster waren so nicht bekannt. Ich selber habe keinerlei derartige oder andere Beschädigungen gesehen. Allerdings war der Blick auf das Haupt-Panel auf Grund der Kapsel-Lage verwehrt. Es ist davon auszugehen, dass für die Konservierung und Restauration durchaus kein kleiner Aufwand betrieben wurde. In der aktuellen „Bodenphase“ waren keine Restaurierungsarbeiten notwendig, da sich die Kapsel in besagtem guten Zustand befunden hat.

Abdeckung des ehemaligen Einbauorts
einer Gammastrahlenquelle
(Bild: A. Weise)

Der Standort des Höhensensors im Kapselboden ist mit einer Platte abgedeckt und als radioaktiv gekennzeichnet. Ich habe nicht explizit danach gefragt, aber ich vermute, es handelt sich um eine Bleiplatte. Im Forum von Raumfahrer.net wurde das Thema bereits ausführlich diskutiert. Die Reststrahlung wurde als vernachlässigbar gering bezeichnet und mit der einer alten Armbanduhr mit fluoreszierendem Zifferblatt verglichen. Also ist das Gerücht, die Kapsel hänge wegen der Abstrahlung so weit vom Besucher entfernt, ein Märchen. Auch andere Museumsobjekte, die ebenfalls Strahlungsquellen enthalten, wie z.B. Armaturen in Panzern, sind entsprechend gekennzeichnet. Also ist das nichts außergewöhnliches.

Der Landefallschirm ist auch vorhanden. Er zählt neben dem Sokol-Raumanzug von Sigmund Jähn sicher zu den wichtigsten Exponaten in der Sammlung rund um die „29“. Allerdings ist er im Magazin eingelagert. Man habe Angst, dass der Stoff bei einer längeren Präsentation durch den Faltenwurf brüchig werden könne, wurde mir erklärt. Als Beispiel wurde Sojus 28 in Prag genannt, wo es negative Erfahrungen mit der Fallschirmpräsentation gegeben haben soll.

Der Raumanzug von Sigmund Jähn befindet sich im Haus der Deutschen Geschichte in Bonn als Leihgabe. Dort konnte ich ihn im Jahr 2013 selbst in Augenschein nehmen. Es war aber gut, es noch einmal bestätigt zu bekommen.

Über weitere Leihgaben an andere Museen konnte man auf die Schnelle keine Auskunft geben. Das wäre auch nicht zu erwarten gewesen. Für mich überraschend: Herr Wehner hatte den Katalog des Armeemuseums der DDR „Gemeinsam im Kosmos“ nach eigener Aussage griffbereit mitgebracht. Ich übrigens auch…! Schön, wenn man die selben Ideen hat.

Die Frage, ob es bei der Übergabe der „29“ eine Dokumentation zur Kapsel gegeben hat, wurde verneint. Ich hatte dabei an eine Art „Bedienungsanleitung für Sojus“ oder eine technische Dokumentation gedacht. Schade. Im Katalog ist dergleichen allerdings auch nicht verzeichnet.

Blick auf die Besatzungsluke
(Bild: A. Weise)

Wie weiter?
Die „29“ war offiziell noch bis zum 20. Februar am Boden. Es ist davon auszugehen, dass sie am Mittwoch, dem 24. Februar 2016 wieder an ihren vom MHM vorbestimmten Platz an die Decke gehievt wird. An diesem Tag hat das Museum geschlossen. Und die „29“ wird auch auf unbestimmte Zeit dort oben verbleiben. Auf meine etwas provokante Frage, ob man jetzt wieder vier Jahre warten müsse, bis die nächste TÜV-Überprüfung ansteht, antwortete mir Herr Wehner zurückhaltend: „Die Dauerausstellung hat 2011 eröffnet. Und auch wenn das Dauerausstellung heißt, ist es vielleicht nicht für die Ewigkeit…“
Manche Dinge brauchen eben Zeit und spezielle Dinge sogar viel Zeit. Technisch wäre es kein Problem. Ein Knopfdruck und die Kapsel würde auf den Boden schweben. Sicher wird das MHM die wenigen Tage Bodenaufenthalt und die Besucherresonanz auswerten. Schnelle Änderungen sind nicht zu erwarten.
Wie gesagt: Manches braucht viel, viel Zeit.

Danksagung
Besonderer Dank gilt Herrn Oberstleutnant Sebastian Bangert, Pressesprecher des MHM, und Herrn Jens Wehner, Sachgebietsleiter im MHM. Beide nahmen sich trotz meiner kurzfristigen Anfrage über eine Stunde Zeit, das Exponat zu erläutern und waren bemüht und geduldig, alle meine Fragen zu beantworten.

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