Am 12. April 1961 führte Juri Gagarin in seinem Raumschiff Wostok-1 den ersten bemannten Weltraumflug durch.
Quelle: Recherche, Beitragsbild ist KI-generiert
Der erste Flug in den Weltraum. Dieser Heldentat kann auch nach 65 Jahren nicht groß genug eingeschätzt werden. Mit ihr begann die bemannte Raumfahrt. Ein Meilenstein für die gesamte Menschheit. Viel ist darüber bereits geschrieben worden, auch bei Raumfahrer.net. (Hier geht’s zum entsprechenden Artikel.)

1961 war die Hochzeit des Kalten Krieges. Alles war geheim. Speziell die Verantwortlichen in der damaligen Sowjetunion entwickelten geradezu eine Paranoia. Keine Information, und sei sie noch so klein, durfte dem Gegner zugutekommen. Die Veröffentlichungen beschränkten sich auf das absolut minimal Notwendige. So kam es zum Beispiel dazu, das konkrete Angaben über Aussehen und Aufbau des Wostok-Raumschiffes erst 1965 veröffentlicht wurden. Bei der Trägerrakete war es erst 1967. Raumfahrer.net berichtete darüber. (Hier geht’s zum entsprechenden Artikel.)
Die Folge war, das der Mangel an gesicherten Informationen sich in Mutmaßungen und Fehlinterpretationen bis zu Verschwörungstheorien niederschlug.

Ein großes Geheimnis wurde zum Beispiel um das Landeverfahren der Wostok gemacht. Bekanntlich hatte sich Gagarin in der Endphase der Landung aus seiner Landekapsel katapultiert und war separat am Fallschirm gelandet. Notwendig war das, weil der Landestoß der Landekapsel zu groß gewesen war, so das sich der Kosmonaut ernsthaft verletzen konnte. Bremsraketen gab es dazu noch nicht. Die Verantwortlichen sahen hier aber ein Problem bei der Anerkennung des Weltraumfluges, ging man doch davon aus, dass der Kosmonaut „im Raumschiff“ hätte landen sollen. Folgerichtig berichtete Gagarin auf der Pressekonferenz am 14.04.1961, zwei Tage nach seinem Flug, er wäre „zusammen mit dem Raumschiff“ gelandet. Diese Formulierung stimmte so und ließ den gewünschten Interpretationsspielraum offen. Jeder konnte nun das herauslesen, was er wollte. Behandelt wurde der wahre Sachverhalt wie ein Staatsgeheimnis. Geschadet hat das der Heldentat von Gagarin und deren geschichtlichen Einordnung rückblickend nicht.
Die Verschwiegenheit über dieses Detail der Gagarin-Landung dauerte in der Sowjetunion bis Anfang der 1990er Jahre an. Dann öffneten sich die Archive und die Wahrheit kam ans Licht. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass so manche westdeutsche Boulevard-Zeitung das als Sensation herausbrachten.
Um so verwunderter waren Raumfahrtfans in der DDR, denn dort war das Gagarin-Landeverfahren längst bekannt. Und Schuld daran war: Mielke!

Nein, es ist hier nicht die Rede vom Erich Mielke. Gemeint ist der Raumfahrtjournalist und Buchautor Heinz Mielke, der übrigens mit dem berüchtigten Stasi-Chef weder verwandt noch verschwägert war. Heinz Mielke war eine Raumfahrtinstitution in der DDR. Er verfasste viele deutschsprachige Bücher zum Thema. Auch muss er sehr gut vernetzt gewesen sein, wie man heute sagt. In einem seiner Hauptwerke, im Transpress-Lexikon Raumfahrt wurde alles genau beschrieben.
Aber kehren wir gedanklich noch einmal zum April 1961, genauer zum 13.04.1961, einen Tag nach Gagarins Weltraumflug, zurück. Die Zeitungswelt in Ost und West ist voll mit Beiträgen zu „der Sensation des Jahrhunderts“.

So auch die DDR-Tageszeitung Junge Welt. Und dort finden wir auf der letzten Seite die Beschreibung des kompletten Wostok -1-Landeverfahrens, inklusive Katapultierung und Fallschirmlandung von Gagarin! Das was mit großer Mühe in der Sowjetunion fast 30 Jahre verheimlicht wird, steht einen Tag nach dem Ereignis in einer DDR-Zeitung! Der Autor dieses Artikels: Heinz Mielke. Woher wusste das Mielke? Hatte er einen Informanten in sowjetischen Kreisen? Wir wissen es nicht. Es ist zu vermuten, dass Mielke die Korabel-Weltraumflüge im Vorfeld der Wostok analysiert hat. Hier wurden Hunde bei der Landung der Landekapsel in einem Container herauskatapultiert und landeten separat am Fallschirm. Da war es ein Leichtes, gedanklich den Hunde-Container gegen einen Schleudersitz mit einem Menschen auszutauschen. Die Abmessungen passten in etwa.
Doch warum ist diese Geschichte dann in Vergessenheit geraten? Warum intervenierte die sowjetische Seite nicht? Tja, Nachrichtenverbreitung, so wie heute per Internet, gab es noch nicht. Und die Junge Welt wurde weder in der Sowjetunion noch im westlichen Ausland gelesen.
Was bleibt ist eine kleine geschichtliche Anekdote von einem Staatsgeheimnis, dass am nächsten Tag in einer Zeitung zum nachlesen stand. Und keiner bemerkte das.
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Besonderer Dank gilt der Tageszeitung Junge Welt für die freundliche Unterstützung und die Genehmigung, die betreffende Seite der Ausgabe vom 13.04.1961 hier noch einmal zu veröffentlichen.
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