15.06.2002 / Autor: Lutz Growalt Raumfahrt > Raumsonden

Sputnik I - mit 80 Kilo um die Welt

Sputnik, der Begleiter. Seinen Namen hatte er von Konstantin Ziolkowski schon 1895 bekommen. Gut sechzig Jahre später fliegt er wirklich: groß wie ein Hundekorb, keine 100 Kilo schwer und nach 1.400 Erdumläufen ist er schon wieder vom Himmel gefallen. Trotzdem: Er wird für alle Zeiten das Symbol für den Schritt des Menschen in den Orbit bleiben. Hier ist seine Geschichte.

Eigentlich war Sputnik I nur die Notlösung – ursprünglich hatten die Russen vorgehabt, als sowjetischen Beitrag zum "Internationalen Geophysikalischen Jahr" 1957/58 einen großen Satelliten von anderthalb Tonnen – ausgerüstet mit einem kompletten wissenschaftlichen Instrumentenpark – in den Orbit zu bringen. Die Rakete dafür hatten sie: eine umgebaute Interkontinentalrakete R-7, ausgelegt für eine Nutzlast von fünf Tonnen und den Transport der ersten sowjetischen Wasserstoffbombe. Das geplante Satellitenprojekt hatte sich dann aber als dermaßen kompliziert herausgestellt, dass der Satellit wahrscheinlich erst nach Ablauf des Geophysikalischen Jahres fertig geworden wäre.
 
Man sattelt also um: klein, technisch simpel und schnell zu entwickeln soll er sein, der russische Beitrag zum Geophysikerjahr. Dafür besteht die Aussicht, den - im Grunde technisch überlegenen -Amerikanern, hoffnungslos in Prioritätsstreitereien, einander zuwiderlaufende Interessen und Budgetauseinandersetzungen verstrickt, ein Schnippchen zu schlagen.
 
Also gibt es wenig Aufregendes in Sputniks Innerem: ein Temperaturmesser für die Innen-, einer für die Außentemperatur, eine Radioanlage für zwei Frequenzen, zwei Batterien - das war's. Die innere Kugel ist mit Stickstoff unter Überdruck gefüllt. Die Hülle des Ganzen, 58 cm im Durchmesser, ist nicht viel mehr als zwei ausgestanzte und gepreßte Aluminiumbleche von zwei Millimeter Stärke, zwei Halbkugeln die Sputnik sein typisch kugeliges Aussehen geben.
 
Diese Kugelform, so geht die Sage, verdankt Sputnik – trotz anderslautender offizieller Begründungen – im Grunde dem ästhetischen Empfinden seines Ziehvaters, des großen Sergeij Koroljow. Die ersten Sputnik-Entwürfe zeigten überwiegend Kegelformen. Koroljow jedoch war von vorneherein der Ansicht, daß die Kugel das Symbol der Vollkommenheit sei – gerade gut genug für "seinen" Sputnik.
 
Immerhin verbindet man mit dem simplen Innenleben ein einfaches wissenschaftliches Experiment: Hagelt es Steine über der Erdatmosphäre? Das Verfahren ist denkbar einfach. Die Daten über die Innentemperatur Sputniks werden mit dem Telemetriesignal zur Erde übertragen. Träfe ein Mikrometeorit den Sputnik, käme es zu einem Druckabfall im Inneren der gasgefüllten Kugel. Der Druckverlust ließe die Temperatur des Stickstoffs schlagartig abfallen, was wiederum an den Temperaturwerten direkt ablesbar wäre. Also ist Sputnik eine wissenschaftliche Satellitenmission, die ein richtiges Experiment trägt: einen "Mikrometeoritendetektor".
 
Natürlich ist die wissenschaftliche Seite im Grunde völlig nebensächlich - trotz Geophysikerjahr. Koroljow, kreativer Kopf der sowjetischen Raketenentwicklung, und sein Team sehen die Chance, als Erste in den Orbit zu kommen – und natürlich nutzen sie sie.
 
Sie leisten Verblüffendes: Die Zeit drängt und die Entwicklung des ganzen Sputnik dauert nur vier Wochen. Koroljow verhält sich während der Entwicklung seines Sputnik wie ein werdender Vater: Augenzeugen erinnern sich, daß er den "Kleinen" umhegt, das Glattpolieren persönlich überwacht und es dem heranreifenden Satelliten insgesamt an nichts mangeln läßt. Gleichzeitig - auch hier ganz werdender Vater - bringt er den Sorgen und Nöten seines "großen Babys", der mächtigen R-7, die ebenfalls mit erheblichen Schwierigkeiten kämpft, in dieser Zeit nur wenig Interesse entgegen.
 
Dabei sind es gerade diese Schwierigkeiten mit der R-7, die das ganze Projekt gefährden. Koroljow hatte mit seinen Oberen – eher an Interkontinentalraketen als an Satelliten interessiert – einen Deal gemacht: Wenn er zwei erfolgreiche Flüge seiner R-7 als Interkontinentalrakete vorweisen kann, darf er seinen Satelliten schießen.
 
Die Entwicklungsarbeiten für den "Kleinen" gehen bereits ihrem Ende entgegen, als endlich – nach drei schmerzlichen Fehlschlägen – der erste erfolgreiche Start mit der R-7 im späten August 1957 gelingt. Auch er zweite Flug, zwei Wochen später, ist erfolgreich. Damit ist der Weg frei für Sputnik 1, dessen Entwicklung mittlerweile abgeschlossen ist.
 
Um den Starttermin hatte es in den letzten Tagen des September 1957 noch Aufregung gegeben: Koroljow hatte als Starttermin ursprünglich auf den 6. Oktober 1957 festgelegt. Nun hatte sich aber erausgestellt, daß amerikanische Wissenschaftler für diesen Tag die Veröffentlichung eines Papiers unter em vielsagenden Titel "Satellit über dem Planeten" ngekündigt hatten. Koroljow argwöhnte nun, dass die Amerikaner an diesem Tag den Versuch eines Satellitenstarts wagen könnten, dessen Vorbereitungen im Geheimen abgelaufen waren – in letzter Minute entschließt er sich, den geplanten Sputnik-Start um zwei Tage vorzuziehen, um nicht Gefahr zu laufen, dass die Amerikaner ihm in letzter Minute die Butter vom Brot nehmen.
 
Nachdem Sputnik schließlich zum letzten Mal überprüft und unter seiner Haube an der Spitze der R-7 sicher verstaut ist, dämmert der 3. Oktober 1957 herauf: Rollout. Kurz zuvor hatte es noch Hektik gegeben: eine der Bordbatterien Sputniks war defekt und mußte ausgetauscht werden. Rakete und Sputnik verlassen auf einem Eisenbahnwaggon langsam die Montagehalle auf dem Weg zum Startplatz. Das Entwicklungsteam, allen voran Sergeij Koroljow, geht bedächtig schweigend die anderthalb Kilometer vom Hangar bis zur Rampe. Am frühen Morgen des 4. Oktober beginnt die Betankung der Rakete. Koroljew ist an allen Stellen zugleich, kontrolliert, vergewissert sich, dass alles glattläuft.
 
Am Abend dieses 4. Oktober ist die Startanlage am Cosmodrom Baikonur in grelles Schweinwerferlicht getaucht. Im Blockhaus – dem Startbunker direkt an der Startrampe – finden die letzten Systemüberprüfungen statt. Alle sind nervös – auch Koroljew – während die lange eingeübten Prozeduren ausgeführt werden.
 
Um exakt 22:28,34 Uhr Moskauer Zeit am 4. Oktober 1957 zünden die 24 Triebwerke der R-7 und die mächtige Rakete steigt auf einer Säule aus Feuer und Rauch in den wolkenbedeckten Nachthimmel über der Steppe von Kasachstan.
 
Die R-7 hatte zwar glatt abgehoben – doch während des Flugs stellen sich Probleme ein. Nach 16 Sekunden Flugzeit fällt der Kontrollmechanismus, der für die gleichmäßige Leerung der Kraftstofftanks sorgen soll, aus. Dadurch liegt der Treibstoffverbrauch zu hoch. Gegen Ende der Brennphase fällt zudem eine der Kraftstoffpumpen aus, wodurch die Triebwerke eine Sekunde zu früh abschalten – Sputniks Orbit liegt, wie sich später herausstellt, 80 Kilometer niedriger als geplant.
 
Dennoch: exakt 324,5 Sekunden nach dem Start werden Rakete und Satellit voneinander getrennt – Sputnik I ist im Orbit angekommen.
 
Die Männer im Blockhaus wissen davon zunächst nichts: Die Rakete verschwindet aus dem Funkbereich der Startkontrolle. Weltweit verteilte Radiostationen für permanenten Funkkontakt gibt es noch nicht – die lokale Empfangsstation ist in einem Lieferwagen untergebracht, der 800 Meter von der Startrampe entfernt parkt, dazu sind einige Beobachtungsposten in verschiedenen Teilen des Landes eingerichtet worden.
 
Das Gespann verschwindet hinter dem Horizont. Funkstille. Der kleine Raum im Blockhaus ist überfüllt. Jede Unterhaltung erstirbt. Eine Handvoll Menschen in einem winzigen Raum, allesamt Pioniere, atemlose Spannung, während alle auf die erlösende Nachricht warten. Dann, endlich, nach sechs endlosen Minuten kommt die Nachricht, daß die Beobachtungsstation in Kamtschatka das Signal aufgenommen hat. Jubel bricht los – doch Koroljow hält die Feiernden zurück: "Wartet mit der Feier. Die Leute in der Station könnten sich irren. Warten wir ab bis die Signale von unserer eigenen Station empfangen werden, nachdem der Satellit um die Erde geflogen ist."
 
Nach langen Minuten gespannter Still ertönt auch in der Empfangsstation vor Ort das Pieppieppiep von Sputnik I. Es wird in den folgenden Stunden auf zahllosen Amateurfunkempfängern in aller Welt fiepsen: Sputnik ist da! Viele - Raketeningenieure, nüchterne Männer, die gewohnt sind mit Zahlenkolonnen und Reißbrett zu hantieren - haben Tränen in den Augen, als sie endlich das Piepsen ihres "Kleinen" in der Umlaufbahn hören.
 
Völlig anders die Reaktion bei den Mächtigen in Moskau: Wer annimmt, Chruschtschow habe nach Erhalt der Nachricht vom erfolgreichen Sputnik auf dem Tisch getanzt, der irrt. Nikita Chruschtschow, Schreckgespenst der "freien Welt" und immer darauf bedacht, den Amerikanern ein Progpaganda-Bein zu stellen, hat die Erfolgsmeldung "beinahe apathisch" aufgenommen: "...schon wieder so ein Raketenstart von Koroljow". Chruschtschow selbst erinnert sich später, seine Raketenexperten telefonisch beglückwünscht zu haben und danach in aller Ruhe zu Bett gegangen zu sein.
 
Erst am 6. Oktober, als die Nachricht von Sputnik sich wie ein Steppenbrand durch die Gazetten der Welt gefressen hatte, erkennt Chruschtschow das propagandistische Potential des Coups, den Koroljow und seine Mannschaft gelandet haben. Die PRAWDA, Speerspitze der russischen Propaganda – die zuvor nur verhalten-technokratisch über Sputnik I berichtet hatte – jubelt auf der ersten Seite: "Der Welt erster künstlicher Satellit in der Sowjetunion gebaut" und veröffentlicht zahlreiche Glückwunschadressen aus aller - vornehmlich der westlichen - Welt.
 
Natürlich greift auch Chruschtschow zu: Sputnik gibt ihm reichlich Gelegenheit, seine Gegenspieler auf der anderen Seite der Welt in überschwenglichen Reden zu ärgern. Die PRAWDA titelt am 8. Oktober mit: "Russen haben den Wettlauf gewonnen!"
 
Die amerikanischen Offiziellen reagierten - ganz im Gegensatz zur öffentlichen Meinung - verhalten auf den Start Sputniks: Keine Spur von Panik oder einem "Pearl Harbour" der Amerikaner. Eisenhower, der die Nachricht von Sputnik beim Golfspielen entgegennahm, sagt später, dass der Start des Sputnik ihn "kein Jota" berührt habe. Mitglieder des Stabs im Weißen Haus bezeichneten Sputnik als "dummes Flitterzeugs" und als "hübschen wissenschaftlichen Trick" – ein amerikanischer Admiral sprach in einem Interview gar von einem "dummen Klumpen Metall, den jeder starten könnte".
 
Ganz anders die öffentliche Meinung der westlichen Welt, vorneweg die amerikanischen Zeitungen. Hier zündet Sputnik. Die Wogen gehen hoch. Das zumal die Amerikaner - von den Verzögerungen des Vanguard-Programms gebeutelt - außerstande scheinen, Sputnik etwas entgegenzusetzen.
 
Und hier liegt wohl die bleibende Bedeutung von Sputnik: Die Amerikaner, mit riesigen technologischen Ressourcen und fähigen Leuten, sehen sich, unter dem Druck ihrer eigenen öffentlichen Meinung, gezwungen das zu tun, was sie vom rein technisch-wissenschaftlichen Standpunkt schon in den frühen 50er Jahren hätten tun können: eine Strategie formulieren, Prioritäten setzen, klare Strukturen schaffen, in die Hände spucken und anfangen.
 
Vom heutigen Standpunkt aus sehen wir die Dinge nüchterner: Mit Sputnik begann die Weltraumfahrt. Das steht in jedem Schülerlexikon. Mit Sputnik begann aber auch die Reihe jener seltsam anmutenden Raumfahrt-Insellösungen die ihre Existenz realpolitischem Profitstreben verdanken: Sputnik, das Apollo-Programm und wahrscheinlich demnächst die Internationale Raumstation ISS. Jedes für sich eine technologische Glanztat - und ein zivilisatorischer Fortschritt.
 
Doch wenn als sie dann fertig sind, unsere "modernen Weltwunder", stehen wir eine Weile staunend drumherum – und wenden uns dann anderen Dingen zu, statt auf einer konsequenten Weiterverfolgung des eingeschlagenen Wegs zu bestehen.
 
Was bleibt, sind Renommee-Projekte, eine Fassade ohne Haus dahinter – in diesem Sinne war Sputnik erst gestern, und wir haben wir uns seither nicht entscheidend von der Stelle bewegt.


Quellen:

- "Korolev, Sputnik, and The International Geophysical Year" Asif A. Siddiqi
- "Vanguard - A History", Mc Laughlin Green, C., und Lomask, M., NASA-SP 4202, Washington D.C., 1970
- "Korolev's Triple Play: Sputniks 1, 2, and 3," aus: James J. Harford, Korolev: "How One Man Masterminded the Soviet Drive to Beat America to the Moon" (John Wiley: New York, 1997).
- "Sputnik and the Origins of the Space Age", Roger D. Launius
- New York Times, Artikel vom 5. - 10.Oktober 1958
- "Encyclopedia Aeronautica", Mark Wade, astronautix.com
- Spacecraft Information "Sputnik 1", JSC/NSSDC
 
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