Beide Stationsarme am US-basierten Segment im Einsatz

Nach einer aktionsreichen Woche stand am Wochenende für die ISS-Besatzung etwas Erholung auf dem Plan. Es wurden ein russischer Außeneinsatz, Arbeiten mit beiden Robotic-Armen und das übliche Arbeitspensum mit Forschung und Wartung der Station absolviert. Eine Kollisionswarnung wegen Weltraumschrott wurde von den Bodenstationen ausgegeben. (Newsbild: Langzeitbesatzung 28)

Ein Beitrag von Ralf Möllenbeck. Quelle: NASA, Raumfahrer.net.

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SFA am Kibo-Arm befestigt wird getestet
(Bild: NASA)

Neben dem 29. russischen Außenbordeinsatz wurden in der letzten Woche einige Arbeiten sowohl mit Stationsarm Canadarm2 als auch mit dem japanischen Arm JEMRMS (Japanese Experiment Module Remote Manipulator System) durchgeführt. Canadarm2 nutzte dafür Dextre, um mit dieser Special Purpose Dexterous Manipulator genannten Robotic-Erweiterung einen Ersatzteil-Transportbehälter an der Arbeitsplattform von Dextre zu befestigen. Für den japanischen Robotic-Arm und seine Verlängerung SFA (Small Fine Arm) standen Funktionstests auf dem Programm. Hierfür aktivierten Ronald Garan und Satoshi Furukawa das Bedienpult der Armes im Kibo-Modul. Anschließend wurde in den darauffolgenden Tagen der Arm aktiviert, der SFA von der außenliegenden Stauposition auf der japanischen Experiment-Plattform EF (Exposed Facility) entnommen und getestet. Mit dem „Small Fine Arm“ können, wie der Name schon sagt, zukünftig wesentlich feinere Operationen, wie Entnahme und Bergung von Außenexperimenten, durchgeführt werden. Die Tests endeten zum Abschluss der letzten Woche und der SFA wurde in seine Halterung zurückgesetzt.

In dieser Woche führten Alexander Samokutjajew und Sergej Wolkow noch einige Arbeiten zur Nachbereitung ihres Außeneinsatzes durch. So wurde die demontierte KURS-Antenne in einem Progress-Transporter verstaut und somit als Müll entsorgt. An Progress-M 10M, bei dem während des Außenbordeinsatzes die Luken geschlossen waren, führte Andrej Borisenko einige Dichtigkeitstests durch. Im Anschluss daran legte er zusammen mit Alexander Samokutjajew und Ronald Garan die Sokol-Fluganzüge für eine weitere 30-minütige Sitzprobe in ihrem Rückkehrraumschiff Sojus-TMA 21 an. Diese ist nötig, um die Spezialsitze, welche den Stoß bei der Landung abfedern, richtig einzustellen. Raumfahrer können bei einem Langzeitaufenthalt im All an Masse verlieren und werden in der Regel durch die fehlende Schwerkraft einige Zentimeter größer. Die Kazbek-UM-Schalensitze haben zwei Einstellmöglichkeiten, aufgerichtet und liegend. Sie werden individuell für jeden Raumfahrer eingestellt, damit die Stoß-Absorber im aufgerichteten Schalensitz bei der Landung ordnungsgemäß funktionieren.

Zur Zeit arbeitet die Besatzung an einem Problem der russischen Toiletten-Einheit. Diese war am Wochenende aufgrund des Ausfalls der Seperator-Einheit stillgelegt worden. Eine Reparatur der WHC (Waste and Hygiene Compartment) genannten Toilette muss noch in dieser Woche abgeschlossen werden, da das amerikanische Pendant in der nächsten Woche für eine dreitägige Wartung außer Funktion geht. Ebenfalls im russischen Segment arbeitete Andrej Borisenko mit dem Strahlenforschungsexperiment Matrjoschka-R. Hier sind in einem vielschichtigen Torso mehrere Lagen verschiedener Detektoren für Teilchen- und elektromagnetische Strahlung eingearbeitet. Im Destiny-Modul öffnete Michael Fossum die Schutzabdeckungen des Fensters für WORF (Window Observational Research Facility). Mit der ISSAC-Ausrüstung (ISS Agriculture Camera) wurden diesmal Fotos und Infrarot-Aufnahmen von Weiden, Graslandschaften und Feuchtgebieten in den USA aufgenommen. Die Aufnahmen entstanden direkt auf Anforderungen von Behörden zum Nutzen für Bauern, Rancher, Förster und Geologen, werden aber auch aktuell in Schulen und Universitäten genutzt.

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Ronald Garan mit zwei SPHERES-Satelliten im Kibo-Labormodul
(Bild: NASA)

Im europäischen Columbus-Modul hatte Ronald Garan eine weitere Wissenschaftssitzung zum ESA-Experiment PASSAGES. Er baute dazu Video-Equipment und einen EPM-Laptop (EPM = European Physiology Module) auf. PASSAGES erforscht, wie Astronauten Sehinformation in der Schwerelosigkeit interpretieren, so zum Beispiel der Blickwinkel auf Gegenstände oder die Einschätzung von Entfernungen im Vergleich zum Aufenthalt auf der Erde. In dieser Woche führte Ronald Garan ebenfalls eine Versuchsreihe mit SPHERES im Kibo-Labormodul durch. Dabei geht es um eine Studie mit drei kopfgroßen Experimental-Satelliten, um Techniken zu studieren, die zur Verbesserung bei automatischen Anlegemanövern, Satellitenreparaturen, dem Zusammenbau von Raumfahrzeugen und Notfallreparaturen geeignet sind. Auf russischer Seite arbeitete Andrej Borisenko an dem Experiment RELAXATION zur Beobachtung von Strahlenmustern der Erdionosphäre. Hierbei werden mit einem UV-Spektrometer die chemolumineszenten Reaktionen im Xenon-Plasma studiert, welche von Zündungen zweier Plasma-Kontaktor-Elemente am Z1-Gittersegment herrühren. Ebenso überprüfte er die korrekte Kommunikation zwischen dem Nutzlastserver und einem russischen Laptop und lud anschließend die Daten des Molnija-Gamma-Experiments (GFI-17) herunter. Dieses Experiment wurde bei einem russischen Außenbordeinsatz im Februar 2011 an der ISS angebracht und untersucht Licht- und Gammastrahlen von Blitzen bei Gewittern auf der Erde.

Einen Teil ihrer Zeit verbrachten die russische Besatzungsmitglieder mit den beiden Progress-Transportern. Da das russische Sauerstoff-Erzeugungssystem Elektron im Swesda-Modul zur Zeit abgeschaltet ist, wurden die Sauerstoffvorräte von Progress-M 11M angezapft und die Stationsatmosphäre aufgefrischt. Gleichzeitig wurden Müll und nicht mehr benötigte Ausrüstung in den Transporter verladen, um sein Ablegen von der ISS vorzubereiten. Alexander Samokutjajew begann damit, US-Fracht aus Progress-M 10M zu entladen. Diese Frachtanteile übergab er im US-Segment an Satoshi Furukawa, welcher sie auspackte, verstaute und den Lagerplatz per BarCode-Scanner in das IMS (Inventory Management System) einbuchte. Die Inventar-Datei wird regelmäßig mit den drei Bodenstationen (Houston, Moskau, Baikonur) ausgetauscht und abgeglichen.

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Satoshi Furukawa beim Training auf dem Laufband COLBERT
(Bild: NASA)

Auch in dieser Woche hatten die sechs ISS-Bewohner wieder Gelegenheit zur Erdbeobachtung. So fertigten sie zum Beispiel Aufnahmen einer Aurora Borealis (Polarlicht) über dem nördlichen Amerika an und dokumentierten Buschbrände im südlichen Afrika. Ein weiteres Ziel in den letzten Tagen waren die Florida-Everglades, ein großes Naturschutzgebiet. Diese Aufnahmen dienen dem besseren Verständnis des Ökosystems in diesem Sumpfgebiet. Ronald Garan und Michael Fossum sprachen in den letzten Tagen einige Male mit Medienvertretern. Sie beantworteten Fragen von KTRK-TV und KTRH Radio aus Houston, sowie den Boy Scouts of America in St. Paul, Minnesota. Die Mannschaft absolvierte ihr tägliches zweistündiges Trainingsprogramm mit den in der Station vorhandenen Übungsgeräten. Dieses ist nötig, um dem Muskelabbau durch die fehlende Gravitation während einer Langzeitmission entgegenzuwirken. Es gibt auf der ISS zwei Laufbänder, zwei Fahrradergometer, ein Fitness-Rudergerät und ein Universal-Trainingsgerät. Eines der beiden Laufbänder mit Namen TVIS und das Fahrradergometer VELO befinden sich im Swesda-Modul. Das zweite Laufband mit Namen T2/COLBERT und das Universal-Trainingsgerät ARED haben ihren Platz im Tranquility-Modul. Im Destiny-Modul befindet sich das zweite Fahrradergometer CEVIS.

Am gestrigen Tag gab es eine erneute Kollisionswarnung wegen Weltraumschrott. Es handelt sich hier um das Objekt #30.187, ein Teil des chinesischen Satelliten Fengyun 1C. Dieser wurde am 11. Januar 2007 beim Testflug einer chinesischen Antisatellitenrakete zerstört. US-Experten vermuten, dass dabei rund 40.000 Trümmerstücke entstanden sind. Zeit der nächsten Annäherung an die ISS wäre morgen gegen 03:59 Uhr und ein weiteres Mal gegen 05:31 Uhr MESZ. Es besteht hierbei eine mittlere Gefährdung. Weitere Kollisionsberechnungen werden am heutigen Tag durchgeführt, um eine Ja/Nein-Entscheidung für Berechnungen zum Ausweichmanöver zu ermöglichen. In Vorschau auf die Landung von Sojus-TMA 21 am 8. September darf das Delta-v einer möglichen Bahnanhebung 0,5 m/s nicht überschreiten. Dieses DAM (Debris Avoidance Maneuver) würde im Falle seiner Notwendigkeit morgen Nacht um 01:41 Uhr MESZ erfolgen.

Mittlere Bahnhöhe der ISS am 10.08.2011: 386,7 km bei einem Höhenverlust von rund 37 Metern in den letzten 24 Stunden

Zukünftige Ereignisse:

  • 23. August, Progress-M 11M verlässt die ISS
  • 26. August, Progress-M 12M erreicht die ISS
  • 08. September, Sojus-TMA 21 verlässt die ISS

Raumcon:

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