Bilanz der Shuttle-Ära

Heute endete die letzte Raumfahrtmission eines US-amerikanischen Space Shuttles mit der Landung der Atlantis am Kennedy Space Center in Florida (USA). Damit geht das erfolgreichste, vielseitigste, umstrittenste, internationalste, teuerste und verlustreichste Kapitel der Raumfahrt zu Ende.

Ein Beitrag von Günther Glatzel. Quelle: Raumfahrer.net, NASA, Wikipedia. Vertont von Peter Rittinger.

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Bild vom ersten Start eines Space Shuttle am 12. April 1981 (Bild: NASA)

Im Verlaufe von gut 30 Einsatzjahren gelangten dabei 350 Menschen aus 18 Nationen, davon 61 nicht aus den USA, ins All und meist sicher zurück. Bei 810 Einsätzen, wurden etwa 12.800 Manntage im Kosmos verbracht, wobei ein Großteil durch Langzeitmissionen in Raumstationen beigetragen wurde. Zwei Astronauten flogen 7 Mal mit einer US-Raumfähre ins All, drei 6 Mal, 19 insgesamt 5 Mal und 50 Raumfahrer 4 Mal, darunter auch ein Schweizer. Die fünf Raumfähren bringen es auf 134 Raumflüge und bei mehr als 21.000 Erdumläufen mit einer Gesamtflugstrecke von etwa 875 Millionen Kilometern auf fast 1.232 Tage im All, wobei der älteste noch existierende Shuttle, die Discovery, 39 Mal in den Weltraum flog.

Dabei war das System Space Shuttle (oder Space Transportation System) sehr vielseitig. So wurden nicht nur Menschen ins All gebracht, sondern auch Nutzlasten, darunter schwere und sperrige. Einzigartig bis heute auch die Möglichkeit, Satelliten anzufliegen, mittels eines Manipulatorarms zu greifen und in die 18 Meter lange Ladebucht zu ziehen. Hier konnten sie entweder repariert, gewartet bzw. modernisiert oder verankert werden, um zur Erde zurückzukehren. Ebenso in der Ladebucht verankert flogen mehrfach Weltraumlabore, die modular aufgebaut waren und in denen in relativ kurzer Zeit auf der Erde die wissenschaftliche und technische Ausrüstung ausgetauscht werden konnte, um eine neue Mission vorzubereiten. Bei Intensivmissionen mit SpaceLab oder SpaceHab konnte eine Vielzahl von Kurzzeitexperimenten ausgeführt und viele Erkenntnisse gewonnen werden. Längerfristige Untersuchungen wurden im unbemannten Bereich durch wiederverwendbare Plattformen wie SPAS oder SPARTAN angestellt oder später an Bord der Raumstationen Mir und ISS.

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Die Atlantis hat zum letzten Mal von der Internationalen Raumstation abgekoppelt. (Bild: NASA)

64 Nutzlasten wurden in Erdumlaufbahnen ausgesetzt, wovon sich einige auf den Weg zu fernen Zielen machten. 13 weitere Satelliten wurden für eine gewisse Zeit im All belassen, später wieder eingefangen und zur Erde zurück transportiert. Im Freiflug können störende Einflüsse durch Bewegungen von Menschen ausgeschlossen werden, was die Qualität der sogenannten Mikrogravitation erheblich verbessert. Zur Raumstation Mir wurde ein Bauteil transportiert, zur Internationalen Raumstation unzählige. Dazu gehören 10 Druckmodule, 10 Gitterelemente, 7 dauerhaft verbleibende, größere Außenlasten, 7 Komponenten für Transportsysteme und Manipulatoren, außerdem Logistikmodule und –plattformen zum Transport größerer Ausrüstungen und Ersatzteile sowie eine Vielzahl von Versorgungsgütern, Innenausrüstungen und Experimenten im Mitteldeck der Raumfähren oder in einem SpaceHab-Modul in der Ladebucht. Außerdem wurden Ergebnisse von Experimenten, zu reparierende oder zu untersuchende Ausrüstung sowie Abfälle zur Erde transportiert.

Insgesamt eine sehr positive Bilanz, obwohl es zu allen Zeiten auch umfangreiche und berechtigte Kritik am System Space Shuttle gab. Die Vielseitigkeit und enorme Größe erkaufte man sich durch hohe Kosten. Insgesamt bringt es das Shuttle-Programm auf etwa 200 Milliarden US-Dollar. Allerdings wurden dem System auch Betriebskosten des Kennedy Space Centers angerechnet, die es auch ohne das Shuttle gegeben hätte. Die zunächst angegebenen Kosten von 10,5 Millionen US-Dollar pro Flug stellten sich aber sehr bald als illusorisch heraus. Vor allem mit dem empfindlichen Hitzeschutz aus Zehntausenden individuell geformten und in Handarbeit gefertigten Kacheln trug zur Kostenexplosion bei. Aber auch andere Systeme mussten aus Sicherheitsgründen häufig überprüft, gewartet, repariert oder ausgetauscht werden. Oft waren dies Spezialanfertigungen, die natürlich ihren Preis haben. Eine florierende Raumfahrtindustrie stellte diese aber gern bereit. Auch im Umfeld dieser Industrie wurden Arbeitsplätze geschaffen, von denen nun viele entfallen. Die komplizierteste Maschine, die Menschen bis dato jemals entwickelt, gebaut und erfolgreich betrieben haben, forderte bei zwei Unfällen, die auch auf menschliche Fehleinschätzungen zurückzuführen waren, insgesamt 14 Menschenleben.

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NASA-Patch zu Ehren des gesammten Shuttle-Programms (Bild: NASA)

Allen Raumfahrtbegeisterten werden aber vor allem die Erfolge des Shuttle-Programms in Erinnerung bleiben. Neben dem Aussetzen verschiedenster Satelliten und Raumsonden sowie dem Aufbau der Internationalen Raumstation gehören die 5 Reparatur- und Wartungsmissionen für das Hubble Space Telescope, die ebenso spektakuläre Instandsetzung des Satelliten Solar Maximum Mission, die 162 Außenbordeinsätze, von denen einige im Freiflug, ohne jegliche Verbindung zum Raumfahrzeug, durchgeführt wurden sowie die Flüge zur russischen Raumstation Mir dazu. Mit diesen Missionen wurde eine neue Ära der internationalen Kooperation im All mitgestaltet, die für uns heute als ganz normal erscheint.

Man könnte noch wesentlich mehr über die Space Shuttles schreiben und in diesen Tagen wird dies auch an vielen Stellen getan. In Zukunft kann man die technischen Meisterleistungen in verschiedenen Museen in den USA bewundern. Nennen möchte ich auch kurz die russischen Raumfähren, die vom Space Shuttle entscheidend „inspiriert“ waren, letztlich aber vor allem aus Kostengründen niemals wirklich zum Einsatz kamen. Zumindest haben wir dadurch die Möglichkeit, eine Raumfähre in voller Größe und mit weitgehender technischer Originalausstattung auch in Deutschland ansehen zu können.

Die bei Entwicklung und Betrieb erkannten Mängel des Space Transportation Systems, darunter die Tücken der Parallelinstallation von Rakete und Nutzlast, die Empfindlichkeit des Hitzeschildes der Raumfähren sowie die hohen Wartungskosten, haben leider bisher nicht dazu geführt, dass ein Nachfolger bereitsteht. Dies gilt zum Teil für das Transportieren großer Lasten ins All, vor allem aber für bemannte Raumflüge. Die Zukunft der bemannten US-Raumfahrt ist in diesen Tagen auch politisch noch unentschieden, eine Kommerzialisierung dieses Bereichs setzt voraus, dass es Märkte dafür gibt. Auch für die weitere Erforschung des Weltraums durch den Menschen gibt es in den USA derzeit nur unklare Konturen. Bleibt für uns die Hoffnung, dass Phantasie, Forscherdrang, Innovationskraft und Neugier in Bälde ein klares und langfristiges Programm hervorbringen, das den Zeichen und Anforderungen der Zeit gerecht wird und an die Erfolge sowie die Bedeutung des Space-Shuttle-Programms anschließt.

Raumcon:

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