Keine Langeweile auf der ISS

Mit einem Moment der Stille begann diese Woche auf der ISS. Die Besatzung bereitete sich intensiv auf die nächsten Aktivitäten, wie die Ankunft von HTV-2, ATV-2 und den russischen Außeneinsatz, vor. Weiter wurde die Umlaufbahn des Orbitalkomplexes durch Progress-M 07M angehoben und etliche Forschungs-, Wartungs- und Umbauarbeiten durchgeführt. (Newsbild: Scott Kelly beim CFE-Experiment in Destiny)

Ein Beitrag von Ralf Möllenbeck. Quelle: NASA, Raumfahrer.net, Roscosmos. Vertont von Peter Rittinger.

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Paolo Nespoli vor dem Kommando-Panel beim Onboard-Training zu den Annäherungs- und Kopplungsprozeduren des HTV-2
(Bild: NASA)

Ausgelöst durch die tragischen Ereignisse am letzten Wochenende in Tucson/Arizona, wurde am Wochenbeginn eine Gedenkminute für die Opfer des Attentates auf der Station und dem Missionskontrollzentrum in Houston eingelegt. Gabrielle Giffords, die Frau von STS-134-Kommandant Mark Kelly und Schwägerin von ISS-Kommandant Scott Kelly, war eines dieser Opfer und wurde schwer verletzt. Während einer Live-Schaltung von Premier Wladimir Putin zur ISS drückte dieser ebenfalls sein Bedauern über die Vorfälle gegenüber den beiden Kelly-Zwillingen und deren Familienangehörigen aus.

Zum Beginn dieser Woche hatte Paolo Nespoli die Aufgabe bis dahin verstautes Equipment für die Ankunft und Kopplung des japanischen HTV-2 „KOUNOTORI“ im Kibo-Labormodul aufzubauen und anzuschließen. Nachdem dies erfolgreich war, versammelten sich Scott Kelly, Paolo Nespoli und Catherine Coleman vor dem Kommando-Paneel und führten ein Onboard-Training zu den Annäherungs- und Kopplungsprozeduren des HTV-2 durch. Besprochen wurden weiter die Aktivitäten mit den Stationsarmen und es erfolgte eine Überprüfung der vom HTV-2 benötigten Gerätschaften zur Endannäherung. Um Störungen an der oberen und unteren Docking-Luke im Hamony-Knoten vorzubeugen, entriegelte Paolo Nespoli den Lukenmechanismus dieser beiden Anlegeports. Zusätzlich wurde ein Strom- und Datenkabel zur oberen Docking-Luke im Hamony-Knoten verlegt, da HTV-2 während der STS-133 Mission der Discovery dorthin umgesetzt werden soll.

Auch für die Ankunft des europäischen Transporter ATV-2 „Johannes Kepler“ im Februar ist Ausrüstung im russischen Stationsteil montiert worden. So installierte Alexander Kaleri das ATV-Kommunikationsgerät, die Handkontrolleinheit des Backupsystems zum Andocken, das ATV-PU Bedienpaneel und er verband die elektronischen Bestandteile zum BITS2-12 Telemetrie-Systems an Bord. Anschließend widmete er 3,5 Stunden seiner Zeit Aufräumarbeiten im Sarja-Modul um hinter den Paneels 104-106 gestaute Ausrüstungsgegenstände zu ihrer neuen Stauposition im Rasswjet-Modul zu transportieren.

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Die Orlan-Raumanzüge werden in Pirs vorbereitet
(Bild: NASA)

In Vorbereitung auf den russischen Weltraumausstieg am 21. Januar wurden die Systeme im Kopplungs- und Ausstiegsmodul Pirs geprüft und weitere Arbeiten dazu durchgeführt. Oleg Skripotschka und Dmitri Kondratjew bereiteten ihre Orlan-MK-Raumanzüge auf die Anprobe (Dry-Run) vor, sichteten die Ausrüstung und studierten die Arbeitsbereiche außerhalb der Station. Etwas später widmeten sich die beiden den erneuerbaren Elementen ihrer Raumanzüge, wie LP-9 LiOH-Kanister, Haupt- und Reserve-BK-3M-Sauerstofftanks, Feuchtigkeitssammler, Trinkwasserfilter, einen Filter der Entgasungspumpe und 825M3-Batterien der Funkanlage. Zusätzlich unterstützte Catherine Coleman die beiden bei der Ausstattung mit US-Ausrüstung.

Am Donnerstag fand erneut eine Bahnanhebung des Orbitalkomplexes statt. Zuvor schloss Scott Kelly die Schutzverschlüsse der Fenster von Destiny, Kibo und Cupola, um Verunreinigungen an diesen durch die Triebwerkszündungen zu vermeiden. Die acht Annäherungs- und Manövriertriebwerke von Progress-M 07M wurden um 10:00 Uhr MEZ für 11 Minuten und 04 Sekunden gezündet. Die Befehle kamen dabei vom Hauptcomputer des russischen Segmentes. Die ISS stieg um 2,4 km auf eine durchschnittliche Umlaufbahn von 353,3 km, um diese für die Ankunft von Progrss-M 09M, HTV-2, ATV-2 und dem Space-Shuttle Discovery und die Rückkehr von Sojus-TMA 01M zu optimieren. Die Geschwindigkeit der ISS erhöhte sich mit dem Manöver um 1,4 Meter pro Sekunde.

Nach der Bahnanhebung standen etliche kleinere Arbeiten auf dem Programm der Besatzung. Paolo Nespoli arbeitete am Wissenschaftslaboratorium in Columbus, wo er einzelne Verriegelungen löste, welche die wissenschaftlichen Nutzlasten vor den geringen Beschleunigungen während den Bahnanhebung schützen. Anschließend hielt er die wöchentliche Audio-Konferenz mit dem Columbus-Kontrollzentrum in Oberpfaffenhofen/Deutschland ab. Scott Kelly ersetzte den Separator-Filter des Wasseraufbereitungssystems (WRS) im US-Segment durch ein entsprechendes Ersatzteil, das er dem Stauraum (JEM Logistics Pressurized Element) oberhalb des Kibo-Moduls entnahm.

In dieser Woche fand eine 30-minütige Sitzprobe der Besatzung von Sojus-TMA 01M in ihrem Rückkehrraumschiff statt. Scott Kelly, Alexander Kaleri und Oleg Skripotschka legten dazu ihre Sokol-Fluganzüge an und nahmen in den Kazbek-UM-Schalensitze platz. Dabei bewerteten sie die Bequemlichkeit und Körperunterstützung der Spezialsitze. Weiter wird der Abstand zwischen der Spitze des Kopfs und dem Rand des Sitzes mit einem Lineal vermessen, um einen ausreichenden Federweg der Sitzschale mit den Dämpfern für die Landung einzustellen. Raumfahrer können bei einem Langzeitaufenthalt im All an Masse verlieren und werden in der Regel durch die fehlende Schwerkraft einige Zentimeter größer. Zwar ist die Landung erst in zwei Monaten geplant, trotzdem könnte die Nutzung des Raumschiffes im Notfall eher nötig werden.

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Paolo Nespoli und Alexander Kaleri beim Notfall-Training im Kibo-Modul
(Bild: NASA)

Ein Teil der Langzeitbesatzung führte am Ende der Woche ein medizinisches Notfalltraining durch. Dmitri Kondratjew, Paolo Nespoli und Catherine Coleman trainierten dabei den Umgang mit der Notfallausrüstung, wie dem automatisierten Defibrillator, einem Beatmungsgerät und dem „Crew Medical Restraint System“. Dieses CRMS ist eine Vorrichtung, auf der Patienten für Behandlungen, Defibrillationen und andere Notfälle in der Schwerelosigkeit befestigt werden können. Es kann in zwei Minuten an der ISS-Struktur befestigt werden und dient auch als Transportmittel von Patienten zwischen Station und Shuttle. Dieses Training an Bord gibt den Besatzungsmitgliedern die Gelegenheit, gemeinsam bei einem vorgetäuschten medizinischen Notfall an Bord der ISS zu agieren. Weiter dient es der Auffrischung von am Boden erlernten Fähigkeiten zum Gebrauch von Ausrüstung und Verfahren.

Die Forschung kam in dieser Woche ebenfalls nicht zu kurz, so führte Dmitri Kondratjew seinen ersten MBI-24 „SPRUT-2“ Test durch. Dabei geht es um die Erforschung des Verhaltens von Körperflüssigkeiten bei dem Aufenthalt in der Schwerelosigkeit und der Vergleich mit den Werten vor dem Flug. Die benötigten Gerätschaften dafür sind der RSS-Med A31p Laptop mit neuer Software, das Sprut-MBI-KIT um verschiedene menschliche flüssige Volumina zu bestimmen, ein Körpermassenmeter und eine Hämatokrit-Mikrozentrifuge. Damit können die Volumina von intrazellulärer und zwischenzellularer Flüssigkeit, der Gesamtflüssigkeit des Körpers, das zirkulierende Blut und das Verhältnis zwischen dem zellularen und flüssigen Blutbestandteil festgestellt und anschließend auf dem Laptop verglichen werden.

Scott Kelly und Catherine Coleman führten einen weiteren, PanOptic genannten, Augentest unter Aufsicht von Paolo Nespoli als medizinischer Offizier durch. Mit einem Ophthalmoskop werden hier, unter zu Hilfenahme von Augentropfen zur Pupillenerweiterung, hochauflösende Fotos und Videos der Netzhaut angefertigt. Anhand dieser kann die Durchblutung der Netzhaut bestimmt und die Werte auf einem Laptop zwischengespeichert werden. Nach Abschluss dieser Testreihe demontierte Paolo Nespoli die verwendete Ausrüstung und sandte die gewonnen Daten zur Erde.

Mittlere Bahnhöhe der ISS am 15.01.2011:353,2 km bei einem Höhenverlust von 40 Metern in den letzten 24 Stunden

Zukünftige Ereignisse:

  • 18. Januar, russischer Raumanzugtest (Dry-Run) von Oleg Skripotschka und Dmitri Kondratjew
  • 21. Januar, russischer Weltraumausstieg 27 von Oleg Skripotschka und Dmitri Kondratjew
  • 24. Januar, Progress-M 08M verlässt die ISS
  • 27. Januar, Ankunft und Kopplung des HTV-2 „Kounotori“
  • 30. Januar, Ankunft und Kopplung von Progress-M 09M

Raumcon:

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