Langsam wird es ernst

NASA übt “Worst-Case” Szenario, um ein weiteres Unglück zu verhindern.

Ein Beitrag von Matthias Pfeiffer. Quelle: Spaceflight Now.

Das Shuttle Discovery dockte gestern in einer dramatischen Missionssimulation an der Internationalen Raumstation (ISS) an. Teil der Simulation waren vermutete Einschläge von Isolationsschaum des Haupttanks in die Vorderkante des rechten Flügels und in das Haupttriebwerk (SSME) während des erdachten Starts.

Die Simulation, welche am Mittwoch mit einem Scheinstart vom Kennedy Space Center begann, soll die Problemhandhabung nach der Columbia-Katastrophe auf die Probe stellen und gleichzeitig der Shuttle-Crew und dem Mission Control Team die Möglichkeit geben ihre Fähigkeiten weiter zu verfeinern.

Die Flugleiter und Mitglieder des NASA Mission Management Team (MMT) inszenierten sogar eine Pressekonferenz, komplett mit Fragen von Reportern, die von eigenen Pressesprechern gespielt wurden.

“Es war großartig! Alle haben sich richtig ins Zeug gelegt.” sagte der Vorsitzende des MMT Wayne Hale am Freitag. “Das ist wie ein echter Flug. Alle geben sich extrem viel Mühe und wir hatten eine Menge Emotionen. Was aber gut ist, denn es zeigt, dass die Leute es ernst nehmen. Dennoch ist nichts außer Kontrolle geraten. Alle haben vernünftige Entscheidungen getroffen und das finde ich, ist sehr gut.”

John Shannon, ein führendes Mitglied des MMT, sagte zur Simulation: “Das ist wie ein Spiel. Und das hier ist unsere Generalprobe. Ich bin von der Wiedergabetreue vollkommen überrumpelt, ebenso von der Anzahl der Teilnehmer.”

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Ein Blick in das Kontroll-Center(Bild: NASA)

Für die Generalprobe hat das MMT einen kompletten Countdown inszeniert, der vom Startleiter Mike Leinbach und NASA Test-Direktor Jeff Spaulding geführt wurde.

Der Countdown ging weitestgehend ohne Probleme, der Start ereignete sich dann gegen 17:55 Uhr. Aber nur Sekunden danach begann das Simulations Team die Discovery-Crew und die Flugleitung in Houston mit Problemen zu bewerfen. Natürlich wurden dabei verschiedene Einschläge von Isolationsschaum des externen Tanks, welche ja der Grund für die Columbia Katastrophe waren, simuliert.
Der Tank des Columbia-Orbiters wurde modifiziert, um zu verhindern, dass größere Stücke des Isolationsschaumes während des Flugs wegbrechen. Obwohl es nicht möglich ist, ein Ausbrechen von Schaumstücken komplett zu verhindern, ist Wayne Hale dennoch zuversichtlich, dass der Tank als sicher genug erachtet werden kann. Immerhin hat man 2 Jahre Arbeit investiert um die Bruchstückgröße zu minimieren.
“In einer perfekten Welt, würde man sagen, dass das größte Bruchstück der Flügelvorderkante unmöglich schaden kann.” So Hale. “In einem Worst-Case Szenario kann man das nicht mal behaupten, selbst nach dem was wir alles getan haben. Aber was wir sagen können ist, dass wir aus einer realistischen Sicht eine ausreichende Sicherheitsreserve haben.”

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Ein Stück Schaum durchschlägt den Flügel (Bild/Animation: NASA)

Um absolut sicher zu gehen, werden die ersten beiden Flüge des Shuttle als Testflüge behandelt. Neue, hoch auflösende Fernsehkameras werden den Discovery-Start im Mai mit einer noch nie gesehenen Qualität aufzeichnen. Weitere Kameras am Shuttle, dem Tank und an den Feststoff-Boostern werden zusätzlich Bilder während dem Aufstieg ins Weltall senden.
Zusätzlich werden zwei Flugzeuge das Shuttle während der Trennung der Booster aufnehmen, die Astronauten werden Bilder vom Tank machen und sogar militärische Spionage-Satelitten werden geheime Bilder vom Shuttle schießen, um nach Schäden Ausschau zu halten.

Sensoren direkt hinter Profilvorderkante des Flügels sollen Stärke und Ort eines möglichen Treffers messen. Die Crew wird Laser-Sensoren, die am Ende des Auslegerarms befestigt sind, verwenden um die Flügel eingehend zu prüfen und zusätzlich wird die Crew der ISS die Kacheln des Hitzeschildes an der Unterseite des Shuttles während dem Anflug auf die Station fotographieren.

Das Ausmaß eines möglicherweise aufgetretenen Schadens würde dann bei einem echten Flug die weitere Vorgehensweise seitens der NASA bestimmen. Ein geringer Schaden könnte als akzeptierbar für den Wiedereintritt erachtet werden. Ernsthaftere Schäden würden einen Weltraumspaziergang (oder auch EVA genannt) auf den Plan rufen, während dem der Schaden repariert wird. Sollte ein möglicher Schaden nicht eindeutig behebbar herausstellen, oder sollte er gar zu schwerwiegend sein, so würde die in die Raumstation “umziehen” und auf die Rettung durch ein anderes Shuttle warten.

Obwohl niemand von einem nennenswerten Vorfall beim nächsten Start ausgeht, wurde die Missionsleitung bei dieser Simulation gezwungen die nach Columbia neuentwickeltenen Techniken bei einem realitätsnahen Szenario zu testen.

Um die Sache noch etwas spannender zu machen erzeugte das Simulationsteam kurz nach dem Start eine Störung in einer Brennstoffzelle und meldete, dass durch ein Leck im Hauptantrieb Wasserstoff austritt und der Antrieb wurde etwas zu früh abgeschaltet, was einen leichten Geschwindigkeitsverlust zur Folge hatte. Letztlich wurde die Crew angewiesen Treibstoff zu sparen, wodurch sie aber nicht das Manöver durchführen konnte, das es der Crew ermöglicht hätte den Tank zu fotographieren.

Viel besorgniserregender waren aber die Meldung, dass zwei Ereignisse im Zusammenhang mit Isolationsschaum während des Aufstiegs entdeckt wurden. Am zweiten Tag der Simulation zeigten die Auswertung der Bilder und Radaraufnahmen mindestens neun Vörfalle, die durch Schaumbruchstücke ausgelöst wurden. Davon ein Einschlag in die Profilvorderkante des rechten Flügels und ein Treffer auf die rechte Düse des Hauptantriebs.

Die Crew der Discovery verbrachte den zweiten Tag im Flugsimulator damit, die Flügel mit dem Laser-Sensorsystem zu überprüfen. Leider brachte dieser Test keine genauen Ergebnisse und ließ damit keine Rückschlüsse auf mögliche Schäden zu. Bilder die von der ISS-Crew aufgenommen wurden zeigten aber weiße Flecken auf den schwarzen Kacheln des Hitzeschildes.
Da sie Simulation noch läuft, werden die Daten noch ausgewertet und man versucht mögliche Schäden zu bestimmen um so das weitere Vorgehen zu entscheiden. NASA Ingenieure werden wohl bis zum sechsten Tag mit der Auswertung beschäftigt sein.

Obwohl die Ergebnisse noch nicht vorliegen, so erkennt man, dass die NASA alles unternimmt um eine weiter Katatstrophe zu verhindern. Solange nicht bewiesen ist, dass ein Flug sicher ist, wird die Discovery nicht starten. Dazu Hale: “Selbst wenn wir die Discovery noch einen weiteren Monat am Strand parken müssen”

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