12.10.2003 / Autor: Michael Stein Raumfahrt > Bemannte Raumfahrt

Die neue japanische Raumfahrtagentur JAXA

Am 1. Oktober 2003 sind drei vormals eigenständige japanische Raumfahrtorganisationen zur neuen Japan Aerospace Exploration Agency (JAXA) zusammengeschlossen worden.

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Einleitung


Das Logo der neuen japanischen Raumfahrtagentur JAXA.
(Grafik: JAXA)
In der Vergangenheit existierten drei staatliche Organisationen nebeneinander her, die zwar verschiedene Schwerpunkte aufwiesen, aber letztendlich doch alle unter der Überschrift "Luft- und Raumfahrt" zusammengefasst werden konnten: NAL, ISAS und NASDA. Auf den ersten Blick verwundert die gleichzeitige Existenz dreier verschiedener Organisationen, doch ein Blick auf die Entstehungsgeschichte der JAXA-Vorläufer macht diese Entwicklung nachvollziehbar.

Vorläuferorganisationen
Die älteste Vorläuferorganisation der nun ins Leben gerufenen Raumfahrtagentur JAXA war das National Aerospace Laboratory of Japan (NAL). Das im Juli 1955 noch unter der Bezeichnung National Aeronautical Laboratory gegründete NAL war zunächst eine dem Büro des japanischen Premierministers angegliederte Organisationseinheit, bevor bereits ein Jahr später die Zuordnung zur damals neu gegründeten Science and Technology Agency erfolgte. Das Budget des NAL lag zuletzt bei rund 150 Millionen Euro, wovon unter anderem gut 400 Mitarbeiter finanziert wurden.

Der Schwerpunkt des NAL war in erster Linie die Forschung und Entwicklung neuer Technologien für Flugzeuge und Raketen, unter anderem auch in Form von Material- und Grundlagenforschung. Darüber hinaus konzipierte und realisierte das NAL moderne und leistungsfähige Testeinrichtungen (wie beispielsweise Windkanäle), um die Forschungsergebnisse eigener wie auch befreundeter Organisationen überprüfen und praktisch umsetzen zu können. Ein Beispiel für den Beitrag des NAL zur japanischen Raumfahrt ist die Entwicklung der Turbopumpen für den LE-7-Raketenmotor, der in der aktuellen japanischen Trägerrakete H-IIA zum Einsatz kommt. Auch Forschungen im Bereich wiederverwendbarer Trägersysteme für die Raumfahrt sowie für Hyperschall-Flugzeuge wurden zuletzt in Zusammenarbeit mit den anderen beiden JAXA-Vorläuferorganisationen unternommen.



Übersicht über die Standorte der verschiedenen JAXA-Einrichtungen.
(Grafik: JAXA)
Zu den wichtigsten Einrichtungen, die das NAL in die neue japanische Raumfahrtagentur einbringt, zählen das Kakuda Space Propulsion Center, zuständig für die Entwicklung von Raketenmotoren und anderen Antrieben für Luft- und Raumfahrzeuge, sowie das Aerospace Research Center, in dem sich unter anderem Japans größter Windkanal sowie der derzeit leistungsfähigste Supercomputer des Landes befinden. Auf dem umfangreichen Gelände finden sich noch eine Vielzahl weiterer leistungsfähiger Testeinrichtungen wie Flugsimulatoren und Höhenforschungskammern.

Obwohl erst im April 1964 offiziell gegründet reichen die Ursprünge des Institute of Space and Astronautical Science (ISAS) ebenfalls bis in das Jahr 1955 zurück, als das Institute of Industrial Science der Universität Tokio im April dieses Jahres erste, nur wenige Dezimeter große PENCIL-Raketen starten ließ. ISAS wurde dann wie bereits erwähnt 1964 unter der damaligen Bezeichnung Institute of Space and Aeronautical Science an der Universität Tokio formell ins Leben gerufen und startete 1970 den ersten japanischen Satelliten OHSUMI, dem noch weitere 25 ISAS-Forschungssatelliten folgen sollten. 1981 wurde dann das heutige Institute of Space and Astronautical Science (ISAS) als Zusammenschluss mehrerer Forschungseinrichtungen verschiedener japanischer Universitäten aus der Taufe gehoben.

In Japan war ISAS für den Start "rein wissenschaftlicher" Forschungsmissionen zuständig, die grundsätzlich mit Feststoffraketen gestartet wurden (die eher "nutzerorientierte" Raumfahrt in Gestalt von meteorologischen Satelliten, Kommunikations- oder auch Erdbeobachtungssatelliten oblag der NASDA). Zu den ISAS-Missionen zählten interplanetare Raumsonden (wie der geplante Mond-Orbiter SELENE, die Ende des Jahres beim Mars eintreffende Raumsonde Nozomi oder die mit vier Ionen-Triebwerken ausgestattete Kometensonde Hayabusa) sowie Weltraummissionen zur Erforschung kosmischer und solarer Phänomene. Auch Höhenforschungsraketen sowie Höhenforschungsballone für die Atmosphärenforschung sind in der Vergangenheit regelmäßig von ISAS gestartet worden. Eine große Stärke von ISAS war sicherlich der Zugriff auf ein enormes intellektuelles Potential, das durch die hinter dieser Organisation stehenden universitären Forschungseinrichtungen gegeben war.



Die 64 Meter-Antenne des Usuda Deep Space Center für die Kommunikation mit interplanetaren Raumsonden.
(Foto: JAXA)
Das ISAS bringt eine Vielzahl von bedeutenden Einrichtungen in die neue japanische Raumfahrtagentur ein. Vom Uchinoura Space Center (USC) aus (frühere Bezeichnung: Kagoshima Space Center) sind in der Vergangenheit 23 Satelliten und Raumsonden gestartet worden, außerdem mehr als 350 weitere Raketen. Von hier aus sind auch die Höhenforschungsraketen der ISAS gestartet worden. Außer der Startanlage umfasst das USC auch zwei 20 und 34 Meter durchmessende Parabolantennen zur Kommunikation mit Satelliten, wobei die größere Antenne auch für die Deep Space-Kommunikation mit interplanetaren Raumsonden genutzt werden kann. Ausschließlich der letztgenannten Aufgabe widmet sich das mit einer riesigen 64 Meter-Parabolantenne ausgestattete Usuda Deep Space Center im Herzen Japans. Der Sagamihara-Campus ist das Zentrum des früheren ISAS und beherbergt Verwaltungs- wie auch Forschungseinrichtungen und ein Zentrum für die Entwicklung und den Test von Raketen- und Satellitenkomponenten. Eine andere bedeutende ISAS-Einrichtung stellt das Noshiro Testing Center im Norden Japans dar, wo Feststoff-Raketentriebwerke sowie auch so genannte Ramjet-Überschalltriebwerke getestet werden. Vom Sanriku Balloon Center aus wurden seit 1971 über 400 Forschungsballone in Höhen bis zu 50 Kilometer gestartet.

Die National Space Development Agency of Japan (NASDA) schließlich wurde erst im Oktober 1969 gegründet und widmete sich wie bereits angesprochen der eher nutzerorientierten Raumfahrt. Die als staatliche Raumfahrtbehörde gegründete NASDA war treibender Motor bei der Entwicklung der japanischen Trägerraketen mit Flüssigtreibstoff-Antrieb, deren aktuellen Endpunkt die H-IIA bildet. Auch Forschungsgebiete wie Erd- und Wetterbeobachtung sowie Kommunikation wurden von der NASDA besetzt.



Das Tanegashima Space Center mit der Startanlage für H-IIA-Trägerraketen.
(Foto: JAXA)
Die Vielzahl der Forschungs-, Kommunikations- und Starteinrichtungen der NASDA aufzuzählen würden den Rahmen dieses Artikels sprengen, daher seien hier nur die wichtigsten "Mitgifte" erwähnt, die von NASDA in die neue japanische Raumfahrtagentur eingebracht werden. Zuerst ist hier auf jeden Fall das Tsukuba Space Center zu erwähnen, in dem unter anderem Satelliten integriert und getestet werden können sowie auch die meisten Aktivitäten in Zusammenhang mit der japanischen bemannten Raumfahrt stattfinden. Hier werden beispielsweise Komponenten für das japanische Labormodul Kibo der Internationalen Raumstation getestet und japanische Astronauten in einem Wasserbecken auf ihre Weltraumeinsätze vorbereitet. Vom Tanegashima Space Center aus starten die großen japanischen H-IIA- und J-I-Trägerraketen wie auch kleinere Forschungsraketen. Das rund 8,6 Millionen Quadratmeter große Gelände liegt auf einer kleinen Insel rund 115 Kilometer von der südlichsten japanischen Hauptinsel entfernt Richtung Äquator und beherbergt außer den Startanlagen auch Testeinrichtungen für Feststoff- und Flüssigtreibstoffraketenmotoren sowie Bahnverfolgungs- und Kommunikationseinrichtungen. Außer diesen beiden größten NASDA-Einrichtungen gehörten noch verschiedene Bodenstationen, Erdbeobachtungszentren sowie ein Forschungszentrum für Raketentriebwerke zum Bestand. Des weiteren übernimmt JAXA mehrere Außenbüros in europäischen und nordamerikanischen Staaten von NASDA.

Resümee
Insgesamt startet die neue japanische Raumfahrtagentur mit einem beeindruckenden Portfolio: In den vergangenen fünfzig Jahren haben die drei Vorgängerorganisationen mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten eine umfangreiche und beeindruckende Raumfahrt-Infrastruktur auf die Beine gestellt. Die Integration dieser drei organisatorischen Einheiten in einer neuen Institution wird sicherlich - trotz der verschiedenartigen Schwerpunkte - nicht reibungslos geschehen (können), dafür dürften alleine schon die unterschiedlichen "Unternehmenskulturen" sorgen. Doch auf längere Sicht ist der am 1. Oktober vollzogene Schritt sicherlich sinnvoll und richtig, um zukünftig eine bessere Koordination und Aufgabenteilung möglich zu machen; so können die auch in Japan nicht in den Himmel wachsenden finanziellen Ressourcen für die Forschung und Entwicklung im Bereich der Raumfahrt effizienter verwendet werden. Die finanziellen Mittel sind übrigens auch der Grund dafür, dass JAXA zwar eine bedeutende Rolle bei der Internationalen Raumstation spielen wird, aber zumindest auf absehbare Zeit keine Ressourcen für die Entwicklung eines eigenen japanischen bemannten Raumfahrzeugs verwenden wird, obwohl viele JAXA-Mitarbeiter ein solches Projekt wohl gerne gesehen hätten.

Bei der Beurteilung der Erfolgsaussichten von JAXA sollte man auch nicht außer Acht lassen, dass es schon in der Vergangenheit auf vielen Feldern eine Zusammenarbeit zwischen NAL, ISAS und NASDA gegeben hat. Nicht zuletzt auch die (aktuell durch China noch verstärkte) Konkurrenz zwischen den Raumfahrtnationen dürfte dafür sorgen, dass wir in Zukunft mit Sicherheit noch aufregende Neuigkeiten von der Japan Aerospace Exploration Agency hören werden.

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