06.07.2003 / Autor: Gero Schmidt Raumfahrt > Bemannte Raumfahrt

Tollkühne Männer in ihren fliegenden Kisten

Als der X-Prize vor gut sieben Jahren ins Leben gerufen wurde, gab es nicht wenige, die die ganze Sache als unrealistisch abtaten oder gar als lebensgefährliche Spinnerei kritisierten. Das hat sich in letzter Zeit geändert, insbesondere seit der Enthüllung des SpaceShipOne durch den weltbekannten Flugzeugbauer Burt Rutan. Immer häufiger wird nun auch in den Massenmedien über den Wettbewerb berichtet und mit etwas Glück wird es noch in diesem Jahr einen Gewinner geben.



Entwurf eines X-Prize-Flugzeugs
(Bild: X-Prize)
Die Regeln sind einfach: Wer als erster drei Personen in einem ausschließlich mit privaten Mitteln finanzierten Raumschiff auf eine Höhe von 100 Kilometern und anschließend wieder sicher zurück zur Erde bringt und das Ganze innerhalb von 14 Tagen wiederholt, gewinnt 10.000.000 Dollar in bar, den besagten X-Prize.

Der X-Prize-Gründer, Peter Diamandis, hatte die Idee für diesen Wettbewerb Mitte der Neunziger Jahre, als er sich mit der Frühgeschichte der Luftfahrt beschäftigte. Er erkannte die große Rolle, die diverse Luftfahrt-Preise in dieser Zeit für die Entwicklung immer leistungsfähigerer Flugzeugtypen gespielt hatten, und ihm kam der Gedanke, dass sich dieses Modell auch auf die Raumfahrtindustrie übertragen ließe, um diese so aus ihrer Jahrzehnte dauernden Stagnation zu befreien. 1996 war es soweit: Der X-Prize wurde auf einer Feier in St. Louis, an der unter anderem auch der ehemalige NASA-Chef Dan Goldin teilnahm, ins Leben gerufen.

Die zehn Millionen Dollar Preisgeld hatte man zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht zusammen; im Laufe der Jahre kam man durch die Unterstützung von Firmen und privaten Geldgebern dem angestrebten Ziel zwar immer näher, doch erst 2002 gelang es, durch eine Art Wette, die volle Summe zu erreichen: Man schloss eine Versicherung ab, die die Versicherungsfirma verpflichtet, den noch fehlende Betrag auszuzahlen, sobald ein Team als Gewinner feststeht. Die Abmachung hat allerdings einen Haken: Sollte es bis zum ersten Januar 2005 immer noch keinen Gewinner geben, so müsste die X-Prize-Organisation ihr gesamtes bisher gesammeltes Preisgeld an die Versicherung zahlen. Ein gewisses Risiko ist also gegeben, doch im Moment sieht alles danach aus, als wenn die Deadline ohne Probleme eingehalten oder sogar noch weit unterboten werden könnte.



Typische Flugbahn eines X-Prize-Raumfahrzeugs
(Bild: X-Prize)
Seit 1996 haben sich über 20 Teams aus sieben Ländern für die Teilnahme am X-Prize registriert, darunter sind allerdings bisher nur wenige, die über das Stadium theoretischer Studien und Ideen hinausgekommen sind und angefangen haben, Prototypen zu bauen, Treibwerke zu testen usw.

Von den meisten Experten (und wohl auch von den meisten Laien, die den Fortgang des Wettbewerbs verfolgen) wird zur Zeit Burt Rutan mit seiner kleinen aber sehr rennomierten Firma Scaled Composites als führender Anwärter auf den Sieg gesehen. Seit er im April sein SpaceShipOne der Öffentlichkeit vorstellte, das er die vergangenen zwei Jahre im geheimen mit seinem Team entwickelt hatte, hat sich das Tempo des Wettbewerbs und der Konkurrenzdruck unter den teilnehmenden Teams deutlich erhöht.

Rutan dicht auf den Fersen sind zwei kanadische Teams, Canadian Arrow und da Vinci Project, eine Gruppe aus England, Starchaser Industries, sowie Armadillo Aerospace, eine Gruppe aus Texas unter der Führung von John Carmack, der vor allem durch seine Computerspiele Doom und Quake bekannt (und reich) wurde. Jede dieser Firmen verfolgt ein anderes Designkonzept. Während Rutan sein von einem Hybridraketenmotor getriebenes SpaceShipOne in 15.000 Metern Höhe von einem Trägerflugzeug namens White Knight aus starten lässt, setzen die Bastler von Canadian Arrow auf althergebrachte Technik: Sie verwenden eine modernisierte Version der im zweiten Weltkrieg entwickelten deutschen V2, deren zwei Stufen an Fallschirmen im Wasser niedergehen und wiederverwendbar sein sollen. Ihre Landsleute vom da Vinci Project dagegen lassen ihr Vehikel erst von einem Ballon auf große Höhe schleppen, bevor sie in den Weltraum starten. An Hand des Vergleichs von Armadillo und Starchaser schließlich lassen sich sehr schön die unterschiedlichen Designphilosophien verdeutlichen. Während das Vehikel von John Carmack, der Black Armadillo, einstufig ist, hat der Thunderbird seiner Konkurrenten vom Inselreich nicht nur zwei Stufen sondern dazu auch noch vier Boosterraketen. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Da ist es nicht verwunderlich, dass Starchaser, obwohl ein Teilnehmer der ersten Stunde, mit einem angepeilten Starttermin im Oktober 2004 mittlerweile etwas abgeschlagen dasteht: Armadillo plant den Erstflug wie auch da Vinci für Anfang 2004, während sowohl Canadian Arrow als auch Scaled Composites einen Flug, der die X-Prize Kriterien erfüllt, für Ende 2003 nicht ausschließen. Es wird also spannend und natürlich besteht auch noch die Möglichkeit, dass im letzten Moment ein bisher gänzlich unbekanntes Team auftaucht, und den favorisierten Gruppen den Preis vor der Nase wegschnappt.

Außer den genannten Teams, die im Moment die besten Chancen auf den Sieg zu haben scheinen, gibt es noch viele andere, wie XCOR oder Bristol Spaceplanes, deren Designs sehr vielversprechend sind, die jedoch noch nicht die benötigte finanzielle Unterstützung gefunden haben, um ihre Pläne auch in die Tat umsetzten zu können (XCOR hat immerhin ein kleines Raketeflugzeug getestet und damit eine Menge praktischer Erfahrungen gesammelt, was beim Bau des geplanten Nachfolgers noch hilfreich sein dürfte).

Die Entwicklungskosten sind auch eine interessantes Kriterium an Hand dessen man die unterschiedlichen Teams vergleichen kann. Während Burt Rutan für die Entwicklung seiner White Knight/SpaceShipOne-Kombination schätzungsweise 20-30 Million Dollar benötigt (das Geld stammt von einem privaten Geldgeber, dessen Identität noch geheimgehalten wird; es wird jedoch vermutet, dass es sich dabei um Microsoft-Mitbegründer Paul Allen handeln könnte), begnügen sich Canadian Arrow und da Vinci mit jeweils fünf Millionen Dollar und John Carmack ist mit gerade mal 500.000 Dollar sogar noch genügsamer.



(Bild: X-Prize)
Wer auch immer den X-Prize gewinnt, wird in die Geschichte eingehen. Es wird das erste mal sein, dass mit ausschließlich privaten Mitteln ein bemannter Raumflug unternommen wurde. Gut möglich, dass dies in der Folgezeit zu einem regelrechten Boom in der Weltraumbranche führen wird. Ähnliche Hoffnungen gab es Ende der Neunziger Jahre schon einmal, auf der Höhe des Internet- und Telekommunikationsbooms, als Viele das große Geschäft mit wiederverwendbaren Trägern für den Transport von Kommunikationssatelliten witterten. Doch die führenden Firmen in diesem Bereich (Globalstar, Iridium) ereilte in schneller Folge der Bankrott und damit zerschlugen sich auch die Hoffnungen auf große private Investitionen in die Entwicklung neuer Trägersysteme.

Doch vielleicht läuft diesmal, mit dem Weltraumtourismus als Aufhänger, alles besser, denn die Menschen werden sich wohl immer wünschen, zu erschwinglichen Preisen selbst ins All zu fliegen, d.h. hier wird es eine stabile oder sogar steigende Nachfrage geben, während der Markt für Satelliten irgendwann gesättigt oder bestenfalls zyklisch ist, also wenig Wachstumspotential hat.

Durch den hohen Konkurrenzdruck zwischen den Firmen, die diesen neuen Markt für sich erobern wollen, wird hier die Entwicklung sicherlich weitaus schneller voranschreiten als das im Rahmen staatlicher Raumfahrtprogramme möglich wäre, die an chronischem Geldmangel leiden und an der eigenen Bürokratie zu ersticken drohen. Vielleicht wird sich die Geschichte der Raumfahrt im 21. Jahrhundert also ganz anders -und spektakulärer- darstellen, als sich das die Chefplaner bei den staatlichen Raumfahrtbehörden heute vorstellen, es wäre sicherlich wünschenswert.
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