China: LM-4B bringt drei Satelliten ins All

Am 12. September 2019 brachte eine dreistufige Rakete vom Typ Langer Marsch 4B zwei Erdbeobachtungs- und einen Testsatelliten in den Weltraum. Der Start erfolgte vom Satellitenstartzentrum Taiyuan (Taiyuan Satellite Launch Center, TSLC) aus.

Ein Beitrag von Thomas Weyrauch. Quelle: BNU, CAS, CASC, CAST, china.org, chinabeidou.gov.cn, CGWIC, UNOOSA, Xinhua.

CASC
LM-4B-Start am 12. September 2019.
(Bild: CASC)

Beim sogenannten „return to flight“ für die Langer Marsch 4-Familie nach einem Fehlstart einer Langer Marsch 4C am 22. Mai 2019 kam die Langer Marsch 4B mit der Baunummer Y39 zum Einsatz. Die Konstruktion der Shanghai Academy of Spaceflight Technology (SAST) hob wie vorgesehen von der Rampe mit der Bezeichnung LC-9 (Launch Complex 9) des TSLC ab. Die Zeit, die vom Erreichen der Startrampe durch die Rakete bis zu ihrem eigentlichen Start verging, war nach Angaben der China Aerospace Science and Technology Corporation (CASC) mit 17 Tagen rekordverdächtig kurz.

Startzeitpunkt am 12. September 2019 war 11:26 Uhr Pekinger Zeit, das ist 3:26 Weltzeit (UTC). Anzeigen aus dem Startkontrollzentrum belegen eine exakte Startzeit von 03:26:23,330 Uhr Weltzeit. Zahlreichen Meldungen chinesischen Staatsmedien zufolge war die Mission der Rakete ein Erfolg, die Nutzlasten an Bord seien auf sonnensynchronen Umlaufbahnen ausgesetzt worden.

Berichtet haben die Staatsmedien aus China auch, dass die Langer Marsch 4B den 310. Start einer Rakete aus der Serie mit dem Namensbestandteil Langer Marsch absolvierte, eine Zahl, die angesichts der Tatsache, dass in ihr mittlerweile immer mehr höchst unterschiedliche Träger zusammengefasst werden, ihre Aussagekraft verloren hat.

CASC
LM-4B-Start im Bewegtbild
(Bild: CASC)

Die von der Rakete transportierten Satelliten sind ZY-1 02D (资源一号02D), der insbesondere der Untersuchung von Bodenschätzen und Ressourcen gewidmet ist, BNU-1 – auch ICE-PATHFINDER oder Jingshi No. 1 (京师一号卫) genannt – für die Ozeanbeobachtung und Klimawandelfolgenforschung, sowie Taurus 1, mit dem die Entsorgung ausgedienter Satelliten via Bahnabsenkung mittels Segel getestet werden soll.

ZY-1 02D
Der dreiachsstabilisierte Erdbeobachtungssatellit ZY-1 02D ist jüngstes Mitglied einer von der chinesischen Akademie für Weltraumtechnik (China Academy of Space Technology, CAST) gebauten Serie von Raumfahrzeugen. Mit weiteren neuen Satelliten soll er ein ganzes Netzwerk leistungsfähiger Satelliten für Ressourcenmanagement, Umweltüberwachung, Katastrophenschutz und Notfallmanagement, sowie Stadt- und Transportsystem-Planung bilden.

Die Auslegungsbetriebsdauer von ZY-1 02D beträgt fünf Jahre, sein Startmasse lag bei rund 1.840 Kilogramm. Der vorgesehene Arbeitsorbit ist ein annähernd kreisförmiger in rund 778 Kilometern Höhe mit einer Wiederholrate von 55 Tagen. Dort soll unter anderem eine im nahen Infrarot arbeitende Kamera zum Einsatz kommen, die etwa 115 Kilometer breite Abschnitte des Erdbodens ablichten kann. Sie ist insbesondere für die Beobachtung mittlerer und großer Städte gedacht, von ihren Bilder erwartet man Hilfe bei der Stadtplanung. Die dabei erreichbare Bodenauflösung liegt im Bereich von fünf Metern.

Außerdem an Bord von ZY-1 02D befindet sich eine mehrkanalige Hyperspektralkamera, die in der Lage sein soll, Objekte am Erdboden in 166 verschieden Frequenzen (oder „Farben“) gleichzeitig abzutasten. Das Instrument ist insbesondere für die Ermittlung der Zusammensetzung komplexen Materials am Erdboden geeignet. Mit ihr ließen sich also Vorkommen von Mineralien ermitteln und ihre jeweilige Zusammensetzung bestimmen.

Auch Vorhandensein und Verteilung von Chlorophyll kann ZY-1 02D mit seinen Instrumenten bestimmen, ebenso die Transparenz von Wasser und die beispielsweise im Wasser von Seen vorhandene Schwebestoffkonzentration.

BNU
BNU-1 noch ohne Thermalisolation
(Bild: BNU)

BNU-1
Eine in Shenzhen angesiedelte CAST-Tochterfirma hat BNU-1 entwickelt und gebaut. Die Aerospace Dongfanghong Development Ltd. Shenzhen (auch Shenzhen Aerospace Oriental Red Sea Special Satellite Co., Ltd.) spricht ihrem in einem Zeitraum von rund 16 Monaten entstandenen Erzeugnis mit einer Masse von rund 16 Kilogramm eines Auslegungsbetriebsdauer von rund einem Jahr zu. Die chinesische Akademie der Wissenschaften hofft auf eine realisierbare Betriebsdauer von zwei Jahren. Die Bezeichnung BNU-1 geht auf die maßgebliche Beteiligung des College of Global Change and Earth System Science (GCESS) der Pädagogischen Universität Peking (Beijing Normal University, BNU) an dem Projekt zurück.

Ausgerüstet ist BNU-1 unter anderem mit einer Multispektralkamera (digitale Zeilenkamera mit einer Bodenauflösung von 77,8 Metern bei einer Flughöhe in 778 Kilometern) sowie mit einer im Bereich des sichtbaren Lichts empfindlichen hochauflösenden Kamera (area array camera mit einer Bodenauflösung von 8,6 Metern bei einer Flughöhe in 778 Kilometern).

CASC
BNU-1 – künstlerische Darstellung
(Bild: CASC)

BNU-1 ist insbesondere dazu gedacht, die klimatischen Bedingungen in den Polregionen unseres Planeten zu beobachten. Von einem Monitoring der Eisbedeckung in den Polregionen verspricht man sich einen Nutzen für die Seefahrt. Bei der Navigation mit Daten von BNU-1 könnten Wasserfahrzeuge eventuellen Gefahren aus dem Wege gehen.

Man erwartet, dass BNU-1 sämtliche Eisflächen der Arktis und der Antarktis innerhalb eines Zeitraums von fünf Tagen abtasten kann, und dabei auch Daten über driftendes Eis und Abbruchereignisse an den Eiskanten liefert. Pro Tag absolviert der Satellit etwa 14 volle Orbits.

An Bord von BNU-1 befindet sich außerdem eine AIS-Nutzlast. AIS steht für Automatic Identification System, dementsprechend kann der Satellit Identifikationssignale von Seeschiffen mit entsprechender Senderausstattung empfangen und weiterleiten.

Nach der üblichen Test- und Inbetriebnahmephase soll BNU-1 von einem gemeinsamen Zentrum für Polarforschung chinesischer Universitäten überwacht und gesteuert werden. Dabei handelt es sich um das Southern Marine Science and Engineering Guangdong Provincial Laboratory, Zhuhai.

BNU-1 fungiert auch als Testsatellit für eine geplante Konstellation aus 24 Erdtrabanten, die voll ausgebaut eine 24-Stunden-Überwachung der Polarregionen gewährleisten könnte.

ASES
Taurus 1 – künstlerische Darstellung
(Bild: ASES)

Taurus 1
Der Kleinstsatellit Taurus 1 (auch Taurus Naxing, Taurus NASS) wurde von der Shanghai ASES Spaceflight Technology Co. Ltd. (ASES) mit Sitz in Shanghai gebaut und besitzt ebenfalls eine Auslegungsbetriebsdauer von rund einem Jahr. Er ist ein 2U-Cubesat.

Die Besonderheit von Taurus 1 ist ein entfaltbares Segel, mit dessen Hilfe man ein Deorbiting des Körpers anstoßen will. Ist die vorgesehene Betriebszeit des Satelliten im All abgelaufen, soll das Segel entfaltet werden, um den Satelliten durch den atmosphärischen Restwiderstand, den es in seiner Flughöhe noch gibt, abbremsen zu lassen. Den durch das Segel mit einer Fläche von rund 2,25 Quadratmetern erzielten Bremseffekt gilt es zu messen.

Der Packzylinder mit dem zusammengefalteten Segel ist bei einem Durchmesser von unter 8 Zentimetern nur rund 3 Zentimeter hoch, entfaltet hat das annähernd quadratische Segel eine Kantenlänge von rund 1,5 Metern.

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